Lehrer-Studie Weltweite Klagen über Rüpel-Schüler

Ungezogene Schüler und desinteressierte Kollegen und Vorgesetzte machen Lehrern international am stärksten zu schaffen. Das zeigt die Talis-Studie der OECD. Deutschland nahm nicht teil, weil die Kultusminister nicht wollten. Die GEW startete aber eine eigene Umfrage.


Viele Lehrer fühlen sich den Herausforderungen in der Schule laut einer OECD-Studie nicht gewachsen. Weltweit beklagen sie mangelnde Disziplin der Schüler und wünschen sich zugleich mehr Anreize für einen besseren Unterreicht. Sie kritisieren, nicht genug auf sozial gemischte Klassen, neue Informationstechnologien und schlechtes Benehmen von Schülern vorbereitet zu werden. Das ergab die erste internationale Lehrerstudie "Teaching and Learning International Survey" (Talis), die am Dienstag in Brüssel vorgestellt wurde.

Unterricht: Die Kultusminister sperrten sich gegen eine Talis-Teilnahme deutscher Lehrer
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Unterricht: Die Kultusminister sperrten sich gegen eine Talis-Teilnahme deutscher Lehrer

Demnach verliert ein Viertel der Lehrer in 23 untersuchten Ländern mindestens 30 Prozent der Unterrichtszeit durch störende Schüler oder Verwaltungstätigkeiten. Im Schnitt gingen 13 Prozent der Unterrichtszeit verloren, weil die Pädagogen für Ruhe im Klassenzimmer sorgen müssten. Behindert werde der Unterricht durch Schwänzen, Verspätungen, Fluchen und Beleidigungen durch Schüler.

Deutschland machte nicht mit, weil die Kultusminister die Teilnahme abgelehnt hatten. Auch die USA, Japan, Frankreich und Großbritannien waren nicht dabei.

"Eine Schwäche von Talis besteht darin, dass die Befunde ausschließlich auf Selbstauskünften beruhen und die unabdingbare Koppelung mit der internationalen Schulleistungsstudie Pisa unterbleibt", sagte ein Sprecher der Kultusministerkonferenz. Für die Studie würden nur die Lernumgebung und die Arbeitsbedingungen von Lehrern untersucht, deren Kompetenzen dagegen nicht. Insgesamt sei das Design der Studie nicht geeignet, "Steuerungswissen für die weitere Qualitätsentwicklung des Unterrichts zu erzeugen".

Über die Hälfte der italienischen Lehrer sind über 50

Andere Länder sahen das anders. An der Untersuchung beteiligten sich zum Beispiel Australien, Brasilien, Italien, Österreich, Spanien, Südkorea und die Türkei. In jedem der Länder wurden für die Taklis-Studie rund 200 Schulen ausgewählt, an denen jeweils 20 Lehrer einen Fragebogen beantworteten.

Die Lehrer und Schulleiter beklagten fehlende Ausrüstung und zu wenig Unterstützung bei der Erziehung. Die Schulleiter von mehr als einem Drittel der Lehrer berichteten, ihre Schule habe zu wenig qualifiziertes Personal - vor allem in Italien und Mexiko ein Problem. Auch häufiges Fehlen und mangelnde Vorbereitung der Lehrer und Unruhe im Klassenzimmer behindern in einem Großteil der Schulen effektives Lernen. Auf einzelne Schüler zugeschnittene Unterrichtsformen werden kaum genutzt.

In Dänemark, Slowenien und der Türkei nahm ein Viertel der Lehrer während der 18 Monate dauernden Studie an keinerlei Fortbildung teil. In mehreren Ländern haben Lehrer im Schnitt einige Tage im Jahr Schulungen, in Mexiko und Korea sind es 30 Tage oder mehr. 13 Prozent der Lehrer bekommen in ihrer Schule keinerlei Beurteilung oder Rückmeldung zu ihrer Arbeit.

GEW startet eigene Initiative

Im Durchschnitt aller Länder waren rund 70 Prozent der Lehrer Frauen. 27 Prozent der Lehrer waren älter als 50 Jahre, in Österreich und Norwegen über 40 Prozent, in Italien sogar über 50 Prozent. Nur 15 Prozent waren jünger als 30 Jahre.

Die OECD veranstaltet auch den internationalen Pisa-Schultest. Mit der Talis-Studie will die Organisation die Arbeitsbedingungen und Auffassungen von Lehrern und Schulleitungen untersuchen.

Die deutsche Gewerkschaft GEW hatte heftig kritisiert, dass Deutschland nicht an der Studie teilnimmt: "Der Blick über den Gartenzaun hat noch nie geschadet und wird in Zeiten von Internationalisierung und Globalisierung zwingend." Die GEW und startete anhand der OECD-Kriterien eine eigene Initiative. "Damit verbindet die Bildungsgewerkschaft die Absicht und Hoffnung, dass die Lehrkräfte und Schulleitungen in Deutschland am internationalen Diskurs über die Weiterentwicklung ihrer Profession teilnehmen können", so ein GEW-Sprecher. Die Ergebnisse sollen am Donnerstag veröffentlicht werden.

bim/dpa/AFP

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