Lehrer über Inklusion So könnte guter Unterricht gehen

Viele Eltern und Lehrer kritisieren die Inklusion - wegen fehlenden Personals und mangelnder Ausstattung. Für Lehrer Philipp Krüger nur die halbe Wahrheit. Er fordert einen anderen Unterricht.

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Ich hatte im letzten Schuljahr ein geistig behindertes Mädchen in meiner Klasse. Was diese Schülerin betrifft, war ich sehr unzufrieden mit meiner Arbeit. Denn ich bin ihr nicht gerecht geworden. Ich hatte nicht die Kraft und Zeit, mich richtig mit ihr auseinanderzusetzen. Es ging mir damit vermutlich so wie vielen Kollegen, die sich für Inklusion einsetzen, aber im Alltag an Grenzen stoßen und sagen: 'Es fehlt dringend an Ressourcen, um auf jedes Kind individuell einzugehen.'

Das stimmt zwar grundsätzlich, ist aber nur die halbe Wahrheit. Zu denken, man könne Inklusion erfolgreich gestalten, indem man so weitermacht wie bisher, nur mit mehr Ressourcen, scheint mir heute absurd. Verändern sich die Schüler, muss sich auch die Schule ändern. Und wir Lehrer haben vielfältigste Freiheiten, um Schule so zu verändern, dass Inklusion, das gemeinsame Lernen aller Schüler mit und ohne Behinderung, gelingen kann. Wir müssen sie nur nutzen. Wir müssen die alten Strukturen radikal auf den Prüfstand stellen. Es gibt dazu keine Alternative. Inklusion ist obligatorisch.

Wir müssen einen anderen Unterricht machen.

Ein Kind mit Down-Syndrom bekommt Hilfe von Mitschülern (Symbolbild)
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Ein Kind mit Down-Syndrom bekommt Hilfe von Mitschülern (Symbolbild)

Wir unterrichten noch viel zu oft so, dass wir Arbeitsblätter mit drei Schwierigkeitsstufen verteilen. Aber für uns ist das mit einem immensen Vorbereitungsaufwand verbunden, und trotzdem bleiben Schüler unter- oder überfordert. Wir wünschten uns, noch mehr Schwierigkeitsstufen anbieten zu können. Aber das kann nicht die Lösung sein.

Statt alle Schüler mehr oder weniger zu gleichen Fragen, mit den gleichen Mitteln, in der gleichen Zeit arbeiten zu lassen, sollten wir unseren Unterricht so offen gestalten, dass die Schüler selbst mitbestimmen, was sie wann und auf welchem Schwierigkeitslevel lernen.

Ein Beispiel: Wenn es im Unterricht um das "Trojanische Pferd" geht, könnten sich Schüler mit griechischer Mythologie, mit der List als Mittel zur Kriegsführung oder mit Heinrich Schliemann beschäftigen. Es spräche auch nichts dagegen, wenn eine Schülergruppe Holzstöcker vom Schulhof sammelt und selbst so ein Pferd in Miniatur nachbaut. Über ihr haptisches "Produkt" finden sie Interesse für das Thema, lernen sich mit anderen abzustimmen.

Nicht wir, die Lehrer, differenzieren im Vorhinein das Material, sondern die Schüler differenzieren den Unterricht durch ihre individuellen Interessen, Neigungen und Fähigkeiten. Wo unterstützendes Material oder notwendige Mittel gebraucht werden, liefern wir.

Wir können den Betreuungsschlüssel auch ohne Sonderpädagogen verkleinern.

Im Frontalunterricht versuche ich 24 Schülern gerecht zu werden, kann mich aber immer nur einem zuwenden. Da hilft es auch nicht, wenn noch ein Sonderpädagoge neben einem behinderten Kind sitzt. Insofern ist Inklusion eben keine reine Ressourcenfrage.

Mit Partner- oder Gruppenarbeit kann ich den Betreuungsschlüssel von 1:24 deutlich verbessern. Die Schüler lernen dann von- und miteinander. Arbeitsaufträge muss ich dafür so gestalten, dass sich Schüler an andere wenden müssen, um sie zu bewältigen. Stichwort: kooperative Lernformen. Wenn dann noch der Sonderpädagoge auf Augenhöhe mit dem Fachlehrer agiert, das heißt, sich für alle Schüler mitverantwortlich fühlt, können bei Arbeit in Vierergruppen zeitgleich 50 Prozent aller Gruppen (12:24) betreut werden.

Wir müssen Klassenzimmer umräumen und Stundenpläne neu schreiben.

Um alte Unterrichtsstrukturen aufzubrechen, müssen wir auch Räume umgestalten. Die jetzige Anordnung von Tafel, Tischen und Stühlen erinnert noch zu oft an Klassenzimmer aus der Kaiserzeit: Einer steht vorne und hat den Kontrollblick. Es müsste Lernnischen, Rückzugsräume, Platz für Stuhlkreise und Bewegungsangebote geben. Individualisierter Unterricht braucht individuellen Raum. Und individuelle Zeit.

Starre Pausen gehören genauso hinterfragt wie Lernen im 45- oder 90-Minuten-Takt. Gerade Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten tun sich schwer damit. Wir müssen deshalb die Struktur des Schultags überdenken. Stichwort Rhythmisierung. Das kann kein Lehrer allein tun, wohl aber zusammen mit Kollegen und der Schulleitung.

Noten sollte es erst frühestens ab der 9. Klasse geben

Schüler mit und ohne Behinderung in einem Klassenraum (Symbolbild)
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Schüler mit und ohne Behinderung in einem Klassenraum (Symbolbild)

Wir müssen auch kritisch über Noten nachdenken. Ein Beispiel: Eine Schülerin mit Förderbedarf im Bereich Lernen bekam von mir oft leichtere Aufgaben. Aber im Zeugnis musste ich vermerken, dass sie nach anderen Maßstäben gelernt hatte als der Rest der Klasse. Ihre Noten waren mit einem Stern versehen und derart im Vergleich weniger wert. Dem Mädchen war das unangenehm, und es wollte sein Zeugnis nicht in der Klasse zeigen. Dabei hatte es große Fortschritte gemacht.

Ich finde, ein Kind sollte nicht so beschämt werden. Es wäre viel besser, wenn ich den individuellen Lernfortschritt von Schülern dokumentieren könnte, und zwar bis zur 8. oder 9. Klasse in Textform. Es entspräche auch viel treffender einem individualisierten Unterrichten.

Nicht so von Zensuren unter Druck setzen lassen.

Jede Schule kann entscheiden, ob sie Noten verteilt. Hält die Mehrheit der Kollegen daran fest, sollte ich mich als Lehrer zumindest nicht so stark davon treiben lassen. Ich bin mit meinen Schülern lange immer von Test zu Test geeilt. Das war ein immenser Druck, und den habe ich an die Kinder weitergegeben. Ich versuche jetzt, mich davon zu befreien.

Noch ein Beispiel: Meine Schüler sollten Bewohnern eines Altersheims Fragen stellen. Aber zwei Mädchen weigerten sich, und mein erster Impuls war: 'Das ist eine Leistungsverweigerung. Dafür bekommen sie eine Sechs.' Aber dann habe ich sie gefragt, warum sie sich weigern. Es hatte viel mit der bedrückenden Stimmung in dem Heim und Angst vor dem Sterben zu tun. Wir haben ein sehr interessantes Gespräch geführt - und alle drei viel gelernt.

Zur Person
    Philipp Krüger ist seit neun Jahren Lehrer an einer Gemeinschaftsschule in Berlin. Er unterrichtet Geschichte, Erdkunde, Ethik und Sport und schließt in diesem Sommer eine Weiterbildung an der Freien Universität zur Inklusion ab. Er ist zudem Verfasser des Blogs Inklusion-denken.

Wir sind keine Einzelkämpfer!

All dies sind Beispiele, wie Lehrer und ganze Schulen Inklusion gestalten können, ohne dass sich etwas an den Ressourcen ändert. Viele tun es bereits. Andere nutzen die Ressourcenfrage - wie auch bei anderen Schulthemen - als Totschlagargument: Geht nicht, uns fehlen die Mittel.

Dabei würden wir schon viel gewinnen, wenn wir unsere Ressourcen effektiver einsetzten - gemeinsam. Ich weiß von einer Schule, an der sich die Kollegen eines jeden Jahrgangs darüber hinaus bereit erklärten, eine Stunde pro Woche mehr zu arbeiten. Freiwillig. Diese Zeit nutzten sie für Teamarbeit. Das Resümee am Ende des Schuljahres: Jeder Einzelne hatte deutlich weniger Zeitnot - und war zufriedener. Die Schule heißt Rütli.

fok

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