Lehrergeständnis Mehr null Bock, bitte

Er kam zu spät, war respektlos und lernte ungern: Ein Lehrer aus Hamburg erzählt, was er für ein Schüler war. Und warum er Leistungsverweigerer sympathisch findet.

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Mich als Schüler hätte ich niemals unterrichten wollen. Ich kam ständig zu spät, machte keine Hausaufgaben, lernte nicht für Klausuren und war patzig zu den Lehrern. Das fand ich unglaublich cool, genau wie Rauchen, Jimi Hendrix und meine chlorgebleichten lila Jeans, die aussahen, als schlügen rosa Flammen die Hosenbeine hoch. Ein bisschen 68er in den Neunzigern, ein bisschen Woodstock in der niedersächsischen Provinz.

Meine Freunde und ich hätten viel Zeit zum Lernen gehabt, denn der Nachmittag war frei. Aber wir verbrachten unsere Zeit lieber mit der Band im Proberaum. Oder hingen nachmittags vor dem PC und wurden bei dem Versuch, "Monkey Island" zu starten, zu Computerexperten. Wir hatten lange Haare, hielten uns für links und alternativ. Das war damals der Mainstream, wie "Nirvana" und "Rage Against the Maschine". Anwalt, Arzt oder so ein BWL-Lackaffe wollte keiner von uns werden.

Streber waren unbeliebt

Am Ende waren wir eine Masse von Abiturienten mit mittelmäßigem Abschluss. Trotzdem haben es die meisten von uns irgendwie geschafft. Nur ein paar kriegten die Kurve nicht, lungerten 20 Semester in einer WG herum und gingen dann mit abgebrochenem Studium nach Berlin. Sicher gab es auch in meinem Jahrgang Schüler mit guten Noten, aber das waren oft Eigenbrötler. Sie mögen heute in Vorständen sitzen und haben bestimmt auch eine Frau oder einen Mann abgekriegt. Damals waren sie unbeliebt und als Streber verschrien. Jeder hat eben so seine große Zeit.

Für jemanden, der uns etwas beibringen wollte, war es sicher ein frustrierendes Geschäft, Lehrer zu sein. Für viele aus dieser überalterten Generation war es aber auch ein guter Deal: Sie mussten sich nicht anstrengen. Wir beschwerten uns nicht, rührten aber auch keinen Finger.

Einige Lehrer hatten Ticks, über die wir uns gerne lustig machten. Es war manchmal schwer, im Unterricht nicht zu lachen, so urig waren sie. Einer sagte fünfmal "äh" im Satz, ein anderer bat uns, leise zu sprechen, damit sein Kater nicht so dröhnte. Für den Dritten ging es gar nicht laut genug - er war schwerhörig und verstand uns kaum. Lehrer waren eine sehr eigene, merkwürdige Spezies.

Wer keine Leistung bringt, hat nicht viel zu lachen

Mittlerweile gibt es eine neue Generation von Lehrern. Wenn ich mich im Lehrerzimmer umschaue, sehe ich niemanden, der wochenlang den gleichen roten Pullover trägt, massive Sprachfehler hat oder bei bestimmten Silben unter unkontrollierten Gesichtszuckungen leidet.

Genauso haben sich die Schüler gewandelt. Globalisierung, Dotcom-Blase, China, Arbeitslosigkeit, Hartz 4, G8 und Ganztagsschule haben ihre Spuren hinterlassen: Keinen Bock auf Schule zu haben ist nicht mehr cool. Der Unterricht beeinflusst den ganzen Familienalltag; er dauert bis 16 Uhr, Fußball und Geige inklusive. Wer keine Leistung bringt, hat nicht viel zu lachen. Schwache Schüler haben nicht nur schlechte Noten, sondern sind auch Außenseiter; wer cool sein will, hat lieber keine Vier, am besten auch keine Drei auf dem Zeugnis. Als Lehrer ist das sehr angenehm. Aber nicht nur die Schwachen leiden darunter: Immer mehr Schüler werden vor lauter Lernen krank, verschwinden monatelang in stationärer Behandlung, weil der Druck zu groß ist. Bei Mädchen endet die Selbstoptimierung immer öfter in Magersucht. Ich sage nicht, dass Schüler so sein sollen wie ich es war; das war total dämlich. Aber Schule ist nicht alles! Nur sehr wenige haben heute null Bock auf Schule, zeigen dies offen und lehnen sich gegen die Leistungsgesellschaft auf. Sie nerven mit ihren ständig fehlenden Hausaufgaben. Ein wenig Sympathie habe ich trotzdem für sie.

Der Autor ist Lehrer an einem Hamburger Gymnasium.



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