Lehrer-Umfrage Zu wenig Demokratie in der Schule

Schüler sollen demokratische Werte lernen, so steht's in den Schulgesetzen. Doch das Fach Demokratie findet sich nicht auf dem Stundenplan. Eine neue Studie zeigt, wie vernachlässigt das Thema im Schulalltag ist.

Schulunterricht in Bremen
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Schulunterricht in Bremen


Respekt vor unterschiedlichen Lebensweisen, die Wertschätzung anderer Meinungen und der Schutz von Minderheiten: Das sind demokratische Werte, die Schüler neben Lesen, Schreiben und Rechnen in der Schule lernen sollen. Doch anders als Mathe und Deutsch steht Demokratie nicht auf dem Stundenplan. Eine Studie hat erstmals untersucht, wie es um die Demokratiebildung an deutschen Schulen steht. Das Ergebnis: nicht allzu gut.

Klar ist bereits seit einer früheren Untersuchung: Schon der fachbezogene Politikunterricht kommt in Deutschland zu kurz. Forscher des Berliner Instituts für Gesellschaftsforschung haben jetzt untersucht, ob und wie Demokratiebildung auf anderem Weg Eingang in den Unterricht findet. Die Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung wird am Donnerstag veröffentlicht.

Die Forscher haben bundesweit Lehrerinnen und Lehrer befragt, weil die bei der Demokratievermittlung eine Schlüsselrolle spielen. Das Interesse galt dabei besonders der Unterrichtskultur. So wollten die Studienautoren von den Lehrern zum Beispiel wissen, ob sie diskriminierende Äußerungen und Begriffe dulden oder ob sie im Unterricht unterschiedliche Sichtweisen auf umstrittene Themen vorstellen.

Außerdem wurden die Pädagogen gefragt, welche Aspekte der Demokratiebildung in ihren Unterricht einfließen.

Behandlung von Themen der Demokratiebildung im Unterricht

Angaben der Lehrer

Thema Mittelwert wenig mittel viel
Ethisches/­mora­lisches Denken, Urteils­kraft und Inte­grität 5,4 4,4 % 41,6 % 54,0 %
Wissen und Ver­stehen von Menschen­rechten 5,2 7,2 % 43,4 % 49,4 %
Öko­logie und Nach­haltig­keit 5,0 7,4 % 49,2 % 43,4 %
Frei­williges soziales Handeln 5,0 7,5 % 51,5 % 41,0 %
Wissen und Ver­stehen von Geschichte 4,9 12,3 % 46,5 % 41,3 %
Rassis­mus 4,8 11,9 % 48,6 % 39,5 %
Ver­schiedene Formen des Zu­sammen­lebens und Lebens­ent­würfe 4,8 11,0 % 51,3 % 37,6 %
Wissen und Ver­stehen von Politik und Recht 4,8 12,7 % 48,0 % 39,2 %
Wissen und Ver­stehen von demo­kra­tischen Insti­tutionen 4,7 14,7 % 45,9 % 39,4 %
Wissen und Verstehen öko­nomischer Zu­sammen­hänge 4,5 14,8 % 54,8 % 30,5 %
Wissen und Ver­stehen von Reli­gionen 4,4 20,0 % 50,3 % 29,7 %
Individuelle Möglich­keiten der poli­tischen Teil­habe in der Praxis 4,3 20,2 % 49,2 % 30,6 %
Sexismus 3,9 25,0 % 57,9 % 17,2 %
Homo- und Trans­phobie 3,6 32,6 % 54,2 % 13,2 %
Z Gesamt 4,7 4,8 % 71,3 % 23,9 %

Quelle: Bertelsmann-Stiftung;
"wenig" = Mittelwerte unter 2,5, "viel" = Mittelwerte ab 5,5

Darüber hinaus untersuchten die Forscher, wie wichtig Demokratiebildung im Arbeitsalltag der Lehrer ist und welche Faktoren Einfluss darauf haben, wie stark sich die Pädagogen in der Demokratiebildung engagieren.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse:

  • Der Stellenwert der Demokratiebildung in ihrem Schulalltag ist nur bei knapp vier Prozent der Befragten hoch. Für die meisten Lehrer (95 Prozent) ist schulische Demokratiebildung nur von mittlerer Bedeutung.
  • Die Mehrheit der Lehrer bewertet ihre eigene Unterrichtskultur als demokratiebildungsfördernd: Fast drei Viertel der Befragten gaben an, selbst einen demokratischen Umgang mit ihren Schülern zu pflegen und ihnen Orientierung an Werten wie Respekt, Fairness und Gleichbehandlung zu vermitteln.
  • Themen der Demokratiebildung nehmen bei knapp drei Viertel der Befragten einen mittleren Stellenwert ein. Nur bei jeder vierten Lehrkraft sind diese Themen im Unterricht stark präsent. Dieser Anteil steigt auf 29,2 Prozent, wenn nur Lehrer berücksichtigt werden, die gesellschaftswissenschaftliche Fächer unterrichten.
  • In der Praxis sind die Beteiligungsmöglichkeiten für Schüler allerdings gering: Dazu zählen etwa Schülerparlamente oder Projektwochen mit Fragen zur Demokratieentwicklung. Weniger als zehn Prozent der Lehrkräfte geben an, dass ihre Schüler mit solchen Formaten der Demokratiebildung in den letzten zwölf Monaten Erfahrungen machen konnten. Und nur jeder zweite Lehrer hat sich von seinen Schülern in diesem Zeitraum ein systematisches Feedback geben lassen, bei dem auch Kritik am Unterricht geübt werden konnte.
Wer hat die Studie in Auftrag gegeben?
Die Bertelsmann-Stiftung hat die Studie in Auftrag gegeben. Durchgeführt wurde sie am Berliner Institut für Gesellschaftsforschung von Helmut Schneider unter Mitarbeit von Markus Gerold. Titel der Untersuchung: "Demokratiebildung an Schulen - Analyse lehrerbezogener Einflussgrößen".
Wie wurden die Daten erhoben?
Für die Studie wurden bundesweit 1.216 Lehrerinnen und Lehrer im November und Dezember 2017 mit einem Online-Fragebogen befragt. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, da es sich nicht um eine Zufallsstichprobe handelt. Die Daten wurden aber nach Schulform und Bundesland gewichtet und bilden die Grundgesamtheit der Lehrkräfte an weiterbildenden Schulen zutreffend ab.
Was war das Ziel der Untersuchung?
Es ging zum einen darum, den Status quo der Demokratiebildung an den weiterführenden Schulen aus Sicht der Lehrer zu erheben. Zum anderen ging es um die Frage, warum manche Lehrkräfte mehr und andere weniger Demokratiebildung vermitteln.

Diese Faktoren wirken sich auf das Engagement aus:

Das Engagement unterscheidet sich je nach Herkunft, Alter und Schulform der Pädagogen. Das Geschlecht der Lehrer hat dagegen keinen Einfluss:

  • Bei Befragten, die älter als 43 Jahre alt sind, ist die Intensität schulischer Demokratiebildung höher als bei jüngeren Lehrern.
  • Befragte aus ostdeutschen Bundesländern sind deutlich engagierter in der schulischen Demokratiebildung als die westdeutschen Kollegen.
  • Gymnasiallehrer haben signifikant höhere Werte als jene, die an Förderschulen arbeiten.

Das empfehlen die Forscher:

In der Studie wurde auch untersucht, welche Faktoren Lehrer bestärken, die Demokratiebildung auszubauen. Dabei kamen die Autoren zu dem Schluss, dass der Stellenwert der Demokratiebildung insbesondere in der Aus- und Fortbildung erhöht werden sollte. Bisher kommt das Thema in der Lehrerbildung eher selten vor: Nur 16 Prozent der Befragten haben sich demnach im Studium intensiv damit auseinandergesetzt. Im Referendariat sinkt der Wert auf 13 Prozent, in der Weiterbildung ist das Thema für 18 Prozent von hoher Relevanz.

Positiv für die Bereitschaft der Lehrer zur Demokratiebildung sei zudem, wenn die Lehrer sich als selbstwirksam empfinden und der Überzeugung sind, auch schwierige Situationen meistern zu können. Auch dies ist nach Meinung der Forscher ein Thema, das in der Aus- und Fortbildung stärker berücksichtigt werden sollte.

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Schülerantworten: Die DDR und der Euro

Darüber hinaus ist es laut Studie wichtig, dass das Thema generell einen hohen Stellenwert in der gesamten Schule hat - etwa, indem es im Leitbild verankert ist.

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elizar 15.11.2018
1. Mehr Fächer braucht das Land
Als nächstes als Allheilmittellösung für die Jugend im Angebot: Wie binde ich meine Schuhe zu Teil 1: Der Klettverschluss Wie binde ich meine Schuhe zu Teil 2: Der Schnürsenkel Wie schminke ich mich richtig. Mal ernsthaft: Warum glauben immer alle, das alle Probleme auf die Schule abgewälzt werden sollen? Als ob Schüler nicht jetzt schon in diversen Schularten 4mal die Woche von 9 Stunden Unterricht hätten.
vogtnuernberg 15.11.2018
2.
... übrigens: Der demokratische Umgang mit Eltern findet keine einzige Erwähnung.
vogtnuernberg 15.11.2018
3.
Das fängt schon im strukturellen Bereich an: Kinder erleben keine Demokratie, Eltern auch nicht, weil Entscheidungen von oben herab weitergereicht werden oder beschlossen. Beispiel Klassenfahrt: Es wird keine geben - aus welchen Gründen auch immer. Beschlossen, vor den Eltern verkündet, danach: Schweigen. Das Problem ist nicht der Lehrplan, dass Problem ist die Leere mit der Lehrer Demokratie leben. Demokratie ist mehr als "Respekt, Fairness und Gleichbehandlung". Demokratie ist Entscheidungen des Lehrers in Frage zu stellen und zu diskutieren. Doch das wünschen die wenigsten Lehrer. Respekt, Fairness und Gleichbehandlung sind Buzzwords, die mit Demokratie erstmal wenig zu tun haben. Scheinbar liegt der Mangel schon im Verständnis von Demokratie der Lehrer begründet. Es lebe die Kommunikation und Demokratie - doch was ist das eigentlich? Nie erlebt seit unsere Kinder in der Schule sind. Der Lehrer, der Lehrer hat immer Recht. Und wenn man ihm mal nachweißt, dass er Unrecht hat und den Rechtsstaat in Stellung bringt, dann reagiert er verärgert. Solange man als Eltern mit Schleimen mehr erreicht als mit Diskussion und Demokratie, so lange wird sich wenig ändern. Volksschullehrer leben ihre Macht aus, gerade auch gegenüber Eltern, mit denen sie sonst im sozialen Umfeld wenig zu tun hätten.
touri 15.11.2018
4.
Punkt 1, ein Lehrer ist nicht gewählter oberster Chef seiner Klasse und damit im großen und ganzen ein Diktator (manchmal im wörtlichen Sinn), was notwendig ist (alles andere wäre einfach nur chaotisch) aber mit Demokratie wenig zu tun hat. Punkt 2, im Unterricht wird Demokratie insbesondere in den Fächern Geschichte, Deutsch und im Fremdsprachenunterricht behandelt. Punkt 3, Demokratie an der Schule findet bei Wahlen zu Klassen- und Schülersprechern statt und ggf. bei Schülerprojekten. Wenn ich mich noch an meine Schulzeit erinnere wurde im übrigen in der Regel derjenige Klassensprechern der an dem Tag krank war, da er/sie sich dadurch nicht wehren konnte, denn Bock hatte auf den Job niemand. Für den Schülersprecher fanden sich ab und zu ein paar motivierte Leute aus den Oberstufen.
Edgard 15.11.2018
5. Aber Hauptsache...
... der Religionsunterricht ist sichergestellt. Soll man von einer Gesellschaft die weder einen Feiertag für ihre Verfassung noch für das Kriegsende hat, dafür aber neben mehreren Himmelfahrten einem Antidemokraten und -semiten sowie Frauenhäuser auch einen Feiertag gönnt wirklich erwarten so etwas Nebensächlichem wie Demokratie, Ethik und Menschenrechte Raum und wertvolle Unterrichtszeit zu geben?
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