Soziale Medien in Schulen Länder verordnen Lehrern Facebook-Schranken

Dürfen Lehrer im Web mit Schülern befreundet sein? Oder über Facebook ihren Unterricht organisieren? Einige Länder erlassen dafür strenge Regeln, andere wollen von "Verbotskultur" nichts wissen. Experten warnen vor diesem laxen Umgang.

Von Maria Timtschenko

Facebook: Wie sollen Lehrer auf Freundschaftanfragen von Schülern reagieren?
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Facebook: Wie sollen Lehrer auf Freundschaftanfragen von Schülern reagieren?


Ganz oben, am blauen Balken, leuchtet neben dem Freunde-Button eine rote Eins auf. Ein Lehrer bekommt eine Freundschaftseinladung von einem seiner Schüler. Via Facebook. Der Lehrer ist unsicher: Soll er sich mit dem Jungen "befreunden", mit ihm Urlaubsbilder, private Kommentare und gemeinsame Freunde teilen? Irgendwie kommt es ihm komisch vor. Andererseits ist der Schüler sympathisch.

Immer wieder stehen Lehrer vor dieser und anderen Entscheidungen: Wird man Facebook-Freund seiner Schüler? Folgt man ihnen auf Twitter? Oder bewahrt man Distanz? Schließt man damit Mitschüler aus, die nicht im sozialen Netz aktiv sind? Und wie reagiert der Schüler auf eine abgelehnte Freundschaftsanfrage?

"Über den Zugang zu Facebook besteht die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft - diejenigen, die Mitglied sind und die anderen, die außen vor bleiben, weil sie zu jung sind oder die Eltern es nicht erlauben", sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbands. Auch Mobbing im Internet sei hier ein Problem: Soll der Lehrer hier eingreifen und mit dem Vertrauen der Schüler brechen? Oder soll er Stillschweigen bewahren und dem Mobbingopfer Hilfe versagen?

Info-Broschüren für Lehrer

Die Unsicherheit zum richtigen Umgang mit den sozialen Netzwerken ist groß - dennoch gibt es bislang nur vereinzelt Regelungen. Und die sind, typisch für das deutsche Bildungssystem, von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.

Die Diskussion erneut angestoßen hatte Baden-Württemberg, wo es seit kurzem strenge Richtlinien gibt. Die "Verwendung von sozialen Netzwerken für die dienstliche Verarbeitung personenbezogener Daten" ist "generell verboten", schreibt das Kultusministerium. Soll heißen: Lehrer dürfen sich beispielsweise nicht über Zeugnisnoten per Facebook austauschen oder sich die Telefonnummer eines Schülers schicken lassen - dieses würde den Datenschutz gefährden. Eine dienstliche Kommunikation von Lehrern mit Schülern, Eltern oder Kollegen über die sozialen Netzwerke ist aus datenschutzrechtlichen Gründen ebenfalls nicht erlaubt - sobald ein Server außerhalb des europäischen Wirtschaftsraums stehe, könnten die hier gültigen Datenschutzstandards nicht gewährleistet werden.

Andere Länder ziehen jetzt nach: Sachsen, Rheinland-Pfalz und Bremen planen, den Umgang von Lehrern mit sozialen Medien ebenfalls zu reglementieren. Die Bremer werden bald eine Handreichung für Lehrer herausgeben, nach den Sommerferien soll sie erscheinen. Diese Anleitung solle "realitätsnah und szenarienbezogen sein", sagt Michael Huesmann, Sprecher des Bildungsministeriums. In dem Heft werden deshalb anhand von konkreten Beispielen Empfehlungen gegeben.

So dürfe zum Beispiel kein Schüler gezwungen werden, bei Facebook mitzumachen, nur um über das Ziel der Klassenreise mitzubestimmen, sagt Huesmann. Eltern müssten zudem der Facebooknutzung ihres Kindes zustimmen. Wer als Lehrer mit seinen Schülern über soziale Netzwerke kommunizieren möchte, sollte sich dafür neben seinem privaten Account noch einen öffentlichen anlegen.

Bayerische Lehrer dürfen Schülern nicht auf Twitter folgen

In Rheinland-Pfalz sollen die Schulen im kommenden Jahr ebenfalls über den Umgang mit sozialen Netzwerken informiert werden, mit der "Bitte, dass die schulische Kommunikation nicht über Facebook stattfinden solle", sagt Yvonne Globert vom Bildungsministerium. Und auch in Sachsen wird an einer Handreichung gearbeitet, ein Verbot solle es hier aber nicht geben, teilt das Kultusministerium mit.

Vergleichsweise streng verfahren auch Schleswig-Holstein und Bayern. Beide Bundesländer haben bereits im vergangenen Jahr rechtliche Rahmenpapiere zum Umgang mit sozialen Medien herausgegeben: So ist in Bayern die Kontaktaufnahme als "Follower" bei Twitter "in beide Richtungen grundsätzlich unzulässig", heißt es in einem "Leitfaden für Staatsbedienstete". Das bayerische Kultusministerium fordert seine Lehrer zu Distanz auf: "Wenn Sie sich privat in sozialen Netzwerken äußern, machen Sie bitte deutlich, dass Sie Ihre persönliche Meinung vertreten und nicht für Ihren Dienstherrn sprechen." In Schleswig-Holstein ging im Ende 2012 ein Hinweisschreiben zur dienstlichen Kommunikation über Facebook an alle Schulen.

Andere Bundesländer sehen derzeit keinen Handlungsbedarf. "Man kann Sachen auch überregulieren - Lehrer sollen einfach verantwortungsvoll mit der Netzwelt umgehen", heißt es zum Beispiel im Kultusministerium Sachsen-Anhalt. Aus dem FDP-geführten, hessischen Kultusministerium kommen markige Worte Richtung Baden-Württemberg. Von einer "Verbotskultur" wie im Südwesten wolle man nichts wissen, so ein Sprecher.

Und in Nordrhein-Westfalen verweist man auf die Dienstordnung, die Lehrer ohnehin einschränke: Rollenklarheit bei Lehrern und Schülern, professionelle pädagogische Distanz und die Trennung von dienstlich und privat. Spezielle Einschränkungen für soziale Medien gebe es nicht.

Zu wenig, findet Meidinger. Aus seiner Sicht reiche nicht einmal eine Generalverfügung wie in Baden-Württemberg. "Damit reagiert man nicht richtig, um die Herausforderungen, die Facebook mitbringt, zu lösen", sagt er. Vielmehr sollte sich die Kultusministerkonferenz mit dieser, immer weiter in den Vordergrund drängenden, Frage befassen. "Dafür kann man eine Arbeitsgruppe einsetzen, so etwas muss nicht immer föderal entschieden werden."

Noch ist der Philologe und Schuldirektor selbst nicht bei Facebook. Doch er glaubt: "Lange kann ich mich nicht mehr entziehen."


WENN DER LEHRER MIT DEM SCHÜLER

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insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
glen13 24.07.2013
1.
Zitat von sysopDPADürfen Lehrer im Web mit Schülern befreundet sein? Oder über Facebook ihren Unterricht organisieren? Einige Länder erlassen dafür strenge Regeln, andere wollen von "Verbotskultur" nichts wissen. Experten warnen vor diesem laxen Umgang. http://www.spiegel.de/schulspiegel/lehrer-und-facebook-mehrere-laender-planen-regelungen-a-912794.html
Man sollte als Lehrer nur Schüler auf Facebook als Freund haben, die man auch persönlich zu seinem Geburtstag einladen würde.
christiananonymous 24.07.2013
2. Alles richtig gemacht
So selten ich Politikern bei ihren Internetinitiativen zustimme, diesmal gebe ich Ihnen recht. Dienstliche Sachen tauscht man nicht über Facebook aus. Die NSA wird es wohl kaum interessieren, aber es wäre nicht der erste Datenskandal bei Facebook, wenn aus Versehen etwas veröffentlicht wird. Man erinnere sich daran, dass selbst Zuckerbergs Privatfotos mal abrufbar waren. Außerdem wollen die Schüler auch ihre Privatsphäre und wenn ein Lehrer eine Kontaktanfrage stellt, sieht man sich sicherlich genötigt sie anzunehmen, ob man will oder nicht.
Bolligru 24.07.2013
3. Es kann nicht sein
dass ich als Elternteil oder Schüler gezwungen bin, einem bestimmten, vom Lehrer vorgegebenen sozialen Netzwerk beizutreten, um nicht von der Kommunikation/Organisation abgeschnitten zu sein. Ganz abgesehen von den im Artikel beschriebenen "Gewissenskonflikten", die da auftauchen und sowohl die notwendige Distanz als aber auch das notwendigen Vertrauensverhältnis ganz schnell beschädigen können.
orthos 24.07.2013
4. Ist es nicht meine Sache
wem ich wo zuhöre? Nichts anderes ist Twitter. Zumindest gilt das für die Private Seite. Schule und Arbeit hat auf FB und co. nix verloren. M.E. gehen diese Verbote zuweit.
ambulans 24.07.2013
5. wurde
auch endlich zeit - man kanns sich zu einfach machen, und manche/mancherlei "miss-verständnisse" darfs einfach nicht geben ...
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