Lehrer erzählen Noten können nie gerecht sein

Was tun Lehrer, wenn sie nicht genau wissen, welche Note ein Schüler verdient? Hier berichten vier Lehrer, wie schwer es ihnen fällt, gerechte Zensuren zu geben.

Zeugnis (Symbolbild)
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Wie gibt man Schülerinnen und Schüler faire Noten? Das ist eine der wichtigsten Fragen, die Lehrer in ihrem Berufsalltag umtreibt. Wie überfordernd es sein kann, darauf eine Antwort zu finden, schilderte eine Lehrerin vor Kurzem in einem Artikel.

"Es ist eine Illusion, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Noten gerecht und verantwortungsbewusst Leistungen widerspiegeln können", schrieb sie. Sie habe deshalb ihre Notengebung umgestellt und verteile nur noch gute Zensuren.

Viele Leser kritisierten die Lehrerin für ihre Entscheidung. Gute Noten für alle, das sei unfair gegenüber Schülern, die sich wirklich anstrengen, lautete ein Argument.

Dass unser Notensystem jedoch Schwächen hat, ist offensichtlich: Lehrer müssen die Leistungen von Kindern und Jugendlichen in sechs enge Schubladen sortieren - und sollen dabei möglichst auch die individuellen Umstände berücksichtigen, in denen sich jeder Schüler befindet. Auch Hessen hat das Problem erkannt und erlaubt künftig bis zu 30 Schulen, ihre Schüler anders zu bewerten, etwa mit schriftlichen Beurteilungen.

Vier Lehrerinnen und Lehrer erzählen, wie schwierig es ist, Noten zu verteilen - und mit welchen Tricks sie sich behelfen:

Berufsschullehrerin aus Bayern: "Ich mische alle Klausuren einmal durch"

"Ich versuche, gerecht zu benoten, aber gerade im Fach Deutsch ist das schwer. Obwohl auf den Klausuren keine Namen stehen, sondern nur Nummern, die ich nicht zuordnen kann, erkenne ich die meisten meiner Schüler an ihren Handschriften. Wenn ich weiß, wer die Klausur geschrieben hat, beeinflusst mich das schon. Wenn ich dann noch von anderen Lehrern erfahre, welcher Schüler immer Spitzenleistungen erzielt und wer einmal sitzen geblieben ist, spielt auch das in meine Notengebung mit rein.

Aber ich wende ein paar Tricks an, um gerechter zu bewerten. Bevor ich korrigiere, mische ich alle Klausuren einmal durch, sodass ich die Arbeiten nicht in der Reihenfolge drannehme, nach der ich sie eingesammelt habe. Ich schreibe mir vorher außerdem auf, welche Antworten ich erwarte und gleiche das dann mit den Antworten der Schüler ab.

Ich korrigiere auch immer erst Aufgabe eins bei allen Klausuren, dann kommt die Aufgabe zwei bei allen Klausuren dran. So lasse ich mich nicht davon beeinflussen, ob jemand Aufgabe eins, zwei und drei schon schlecht beantwortet hat und denke, dann ist die Antwort auf Frage vier bestimmt auch schlecht.

Wenn ich weiß, ein Schüler ist gerade in einer schweren Situation, weil die Eltern krank sind oder finanzielle Sorgen haben, kann sich das auf meine Bewertung auswirken - aber maximal um eine Note. Allerdings versuche ich in solchen Fällen, mit den Schülern zu reden und sie zu fragen, ob sie die Klausur nicht lieber nachholen wollen."

Gymnasiallehrer aus Hamburg: "Ich lasse mich nicht auf Diskussionen ein"

"Pia hat eine Eins geschrieben. Sie hat eine schematische Zeichnung erstellt, dafür hat sie eine Eins minus bekommen und eine Hausaufgabe abgegeben, für die ich mir ein Plus aufgeschrieben habe. Ihre Mappe ist vollständig und ordentlich. Im Unterricht macht sie alle Aufgaben gewissenhaft. Leider meldet sie sich so gut wie gar nicht. Das ist praktisch eine Fünf.

Lasse hat in der Arbeit eine Vier, die Zeichnung hat er nur so dahingekritzelt und seine Mappe ist lückenhaft und irgendwie unappetitlich, ich mag sie gar nicht in die Hand nehmen. Dafür meldet er sich oft und bringt kluge Beiträge, manchmal schweift er allerdings ab und erzählt plötzlich, dass die Engländer die Dampfmaschine schon 1760 erfunden hätten, dabei geht es gerade um Hurricanes.

Was soll ich denen für eine Note geben? Es gibt Kollegen, die rechnen jeden Beitrag mit Excel-Tabellen bis auf die Kommastellen genau aus. Demnach bekäme Pia eine Drei plus und Lasse eine Drei minus. Ich gebe Pia eine Zwei minus und Lasse eine Drei. Ich muss auch die Stärken und Schwächen der Schüler berücksichtigen. Noten sind immer pädagogische Noten.

Wenn ich mich für eine Note entschieden habe, lasse ich mich nicht mehr auf Diskussionen ein. Auch wenn es manchmal hart ist. Wer außer mir soll die Qualität der Schülerbeiträge auch beurteilen? Sonst bekommt derjenige die besten Noten, der die beste Geschichte vorträgt, warum er unbedingt noch eine Zwei braucht. Die Kinder, die alles stumm akzeptieren, würden dann benachteiligt."

Lehrerin in der Klasse (Symbolbild)
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Lehrerin in der Klasse (Symbolbild)

Grundschullehrerin aus Rheinland-Pfalz: "Noten sind immer subjektiv"

"Im Studium sollten wir mal eine Mathearbeit beurteilen. Es kamen Noten zwischen Zwei und Fünf dabei heraus - in Mathe. In Deutsch ist die Beurteilung noch schwieriger. Deshalb muss man sich nichts vormachen: Noten sind immer subjektiv.

Außerdem können Noten gar nicht leisten, was sie leisten sollen. Unser Kultusministerium gibt vor, dass Noten nicht nur die Leistungen der Schüler untereinander vergleichbar machen sollen, sondern dass sie auch den individuellen Fortschritt jedes Kindes abbilden sollen.

Doch das ist unrealistisch. Dann müsste im Extremfall jemand, der sich sehr verbessert hat, eine Eins bekommen, obwohl sein Mitschüler, der von Anfang an konstant gute Leistungen erbringt, eine Zwei hat.

Trotzdem würde ich nicht wollen, dass Noten abgeschafft werden, weil ich sehe, dass meine Schüler darauf brennen. Sie fragen nicht: Habe ich es gut gemacht? Wo kann ich mich verbessern? Sie fragen: Welche Note ist das? Sie arbeiten für eine Zensur, nicht für ein Schulterklopfen.

Außerdem müssen wir sie auf das vorbereiten, was später kommt. Auf der weiterführenden Schule oder an der Uni bekommen sie auch Zensuren. Wenn man die abschaffen wollte, müsste man das gesamte Bildungssystem umstellen.

Wir haben früher jahrelang sogenannte Verbalbeurteilungen geschrieben, zusätzlich zu den Zeugnisnoten. Das war eine Heidenarbeit für uns - und kaum jemand hat sie beachtet. Die wenigsten Schüler haben die Prosa verstanden. Und die Eltern haben sie nur gelesen, wenn sie mit der Note nicht einverstanden waren."

Gymnasiallehrerin aus Hamburg: "Ich sauge mir was aus den Fingern"

"Die Note zwei, die ich gebe, ist nicht dieselbe wie die meines Kollegen. Schon deshalb können Noten nicht gerecht sein. Je besser ich die Schüler kenne, desto gerechter kann ich bewerten.

Doch in Chemie unterrichte ich meist nur eine Doppelstunde pro Woche. Wenn ich eine Klasse neu dazubekomme, habe ich die Schüler ein paarmal gesehen, bevor ich ihnen zum ersten Mal Noten geben muss. Wenn dann auch noch mehrere Mädchen zum Beispiel lange blonde Haare haben, sich also stark ähneln, ist es schier unmöglich, sie gerecht zu bewerten. Ich sauge mir dann was aus den Fingern, weil es meine Pflicht ist.

Wenn es drauf ankommt, versuche ich jedoch, meine Schüler zu fragen, wo sie sich selbst sehen. Ich gebe ihnen eine Aufgabe, die sie still lösen können, und rede mit jedem einzeln in einem Nebenraum. Manchmal machen sie mich dann auf etwas aufmerksam, dass sie zum Beispiel oft beim Aufbau der Experimente geholfen haben. In dem Gewusel nehme ich das nicht immer so wahr.

Es bekommt aber keiner eine gute Note, nur weil er sagt, er sei toll. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber den Universitäten, wir stellen eine Hochschulreife aus. Schülern, die sich am Gymnasium sehr quälen, müssen wir andere Wege aufzuzeigen als ein Studium. Auch das ist unsere Aufgabe.

Individuelle Berichte wären aber viel besser als sechs Schubladen, die eigentlich nie passen. Ein guter Text würde auch einem Arbeitgeber mehr sagen als eine Note. Aber weil wir nun mal in diesem System sind, müssen wir uns anpassen."

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insgesamt 158 Beiträge
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Seite 1
rabiat 01.02.2019
1. Notenbewertung
Lehrer sind auch nur Mensch mit allen Eigenschaften die der Querschnitt unserer Gesellschaft zeigt. Auch den negativen. Man nehme ihnen die Macht und läßt sein Kind nicht in der Schule, es geht leider um die Zukunft des Kindes. Das habe ich während meiner Schulzeit und Ausbildungszeit gelernt, und danach gehandelt. Es kommt immer auf die individuelle Charakterstärke an.
Leser heute 01.02.2019
2. Oft systematisch falsch
Noten sind, wie sie teilweise gehandhabt werden, oft systematisch falsch. Noten werden auf einem Ordinalskalenniveau gebildet. Jemand mit einer 6 ist nicht doppelt so schlecht, wie jemand mit einer drei. Es wird von sehr gut zu ungenügend in sechs Kategorien differenziert, die unglücklicherweise durch Ziffern repräsentiert werden. Das verführt Lehrer, Schüler und Dritte dazu, aus den Ziffern ein arithmetisches Mittel zu bilden, was auf einer Ordinalskala unzulässig ist. Maximal ein Median wäre möglich. Wenigstens diejenigen Lehrer, die auch Mathematik unterrichten, müssten das Wissen und vermitteln können. Trotzdem ist das Mitteln gelebte Realität, weil eine andere Handhabung aufwändig ist. Der Aufwand lässt sich aber nicht sparen.
ingbeti 01.02.2019
3. Konrad Adenauer
1. Bundeskanzler, hat das als Schüler so gemacht: Wenn er eine Arbeit zurück bekam hat er mit roter Tinte wie der Lehrer noch weitere angebliche Fehler angestrichen und sich dann beim Lehrer beschwert. So bekam er seine Note heraufgesetzt. Schlussfolgerung: Das Problem ist uralt und wird nie perfekt gelöst werden. Noch ein Beispiel aus meiner alten Klasse: Der schlechteste Schüler mit Abi Schnitt 4,0, hatte als erster sein Studium abgeschlossen und einen dicken Mercedes als Dienstwagen gefahren. Noten werden absolut überbewertet!
Mr Bounz 01.02.2019
4.
Interessant finde ich den Ansatz der Berufschullehrerin aus Bayern. Das sind maßnahmen die zu gerechterer Beurteilung führen können. Schlimm und irgendwie typisch das vorgehen des Gymnasiallehrers aus Hamburg. Das Mädchen bekommt die bessere Note obwohl dies von den vom Lehrer genannten Fakten nicht passt. Es wird Ihr fleiß belohnt und das auch noch mehrfach. Das der andere Schüler jedoch am Unterricht tatsächlich teilnimmt und diesen weiter bringt wird nicht honoriert! Dem Lehrer ist es bewußt das er falsch beurteilt, bedient sich aber selbst schon lahmer Ausreden. ... schweift ab, ... mag ich gar nicht anfassen, um die fehlbeurteilung zu begründen.
Spr. 01.02.2019
5.
Es ist durchaus einsehbar, dass sechs Schubladen nicht ausreichend sind, um einen Schüler gerecht zu bewerten. Vor allem nicht, wenn man bedenkt, dass einerseits LehrerInnen auch nur Menschen sind, die von Vorurteilen nicht frei sein können. Andererseits wollen aber so manche Unternehmen selbst von Bewerbern im mittleren Alter immer noch sämtliche Schulzeugnisse sehen, auch wenn nicht einsehbar ist, welche Relevanz diese nach Jahrzehnten noch haben sollen. Eine schriftliche Beurteilung würde allerdings nichts zum Besseren wenden. Hier würde sich sehr schnell ein den Arbeitszeugnissen ähnlicher Code etablieren. Da werden dann Selbstverständlichkeiten groß herausgestellt, weil es sonst nichts gibt, was positiv hervorgehoben werden könnte (war stets pünktlich und ehrlich). Oder es wird dem Schüler bescheinigt, dass er "sich stets bemüht hat" (aber leider ohne Erfolg).
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