Lehrer und Schüler Kleine Klassen, keine Wirkung

Überfüllte Klasse, lärmende Schüler, ans Lernen ist kaum zu denken - das Horrorszenario jedes Lehrers. Eine Studie zertrümmert nun den Mythos, Unterricht in kleinen Klassen sei automatisch besser. Denn oft bieten Lehrer trotzdem den gleichen pädagogischen Einheitsbrei.


Gruppenarbeit: Selten in kleinen und in großen Klassen
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Gruppenarbeit: Selten in kleinen und in großen Klassen

Das Urteil ist vernichtend: "In der Regel lassen die Lehrer die Chancen kleinerer Klassen ungenutzt." Die Erziehungswissenschaftlerin Grit Arnhold hat für ihre Doktorarbeit an der Universität Essen zwei Gruppen von Klassen untersucht - kleine und große. Mit ihrem Ergebnis entkräftet sie nun das schulische Totschlag-Argument über Klassengrößen als Hemmschuh des kreativen Unterrichts. Egal ob 20 oder 27 Schüler in den Bänken säßen, die Methode der Lehrer bleibe weitestgehend gleich, erklärt die Erziehungswissenschaftlerin in der "Zeit".

Obwohl der "Frontal-Unterricht" inzwischen fast als Schimpfwort in der Pädagogik gilt, ist er in deutschen Schulklassen weit verbreitet. Die meisten Lehrer unterrichteten im Klassenverband, Gruppenarbeit bleibe die Ausnahme, so Arnhold. Und dann mache es "keinen Unterschied, ob 40 oder 60 Ohren dem Lehrer zuhören". Der Lehrer an der Tafel spricht, die Schüler versuchen, dem Unterricht zu folgen - oder schalten gleich ab. Große Klasse hin, kleine Klasse her.

Bei der Befragung von Viertklässlern gaben die Schüler aus kleinen Klassen häufiger an, mit ihren "Gedanken ganz woanders" zu sein, als in großen Klassen. Arnhold vermutet sogar, dass "die größere Schülerzahl ein besseres Klassenmanagement erzwingt".

Auch Unruhe und Chaos sind nicht allein größeren Klassen vorbehalten. In den kleinen Klassen gehen die Schüler mitunter ebenso über Tische und Bänke - mit demselben Effekt: "Dass zu Beginn der Stunde mehr als fünf Minuten gar nichts passiert, kommt in beiden Gruppen gleich häufig vor."

Zudem gingen die Lehrer in kleinen Klassen nicht besser auf gute und schlechte Schüler ein, obwohl sie dafür die Zeit hätten. Sie differenzierten den Stoff nicht nach Schwierigkeitsstufen oder betreuten die Schüler individueller, resümiert Arnhold. Nur der Unterricht mit Arbeitsblättern nahm in kleineren Klassen zu.

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