Geschenke von Schülern Einmal Ferrari-Fahren für den Sportlehrer

Wenn Lehrer Präsente annehmen, droht Ärger, wie der Fall einer Berliner Pädagogin zeigt. Dabei sind Gutscheine für Abendessen oder sogar Wellness-Wochenenden keine Ausnahmen. Was Schüler schenken - und Lehrer nehmen.

Von

Bitte einsteigen, Herr Lehrer: Von Schokolade bis zur Fahrt im Sportwagen reichen Geschenke für Lehrer
Ferrari

Bitte einsteigen, Herr Lehrer: Von Schokolade bis zur Fahrt im Sportwagen reichen Geschenke für Lehrer


"Absurd", "praxisfern", "albern", so fielen die meisten Reaktionen von Eltern, Bildungspolitikern und SPIEGEL-ONLINE-Lesern aus, nachdem bekannt wurde, dass eine Berliner Lehrerin 4000 Euro Strafe zahlen musste, weil sie ein Abschiedsgeschenk von ihrer Klasse im Wert von knapp 200 Euro angenommen hatte. Die Schüler hätten, so die Verwaltungsbestimmungen in Berlin, straffrei nur ein Geschenk im Gegenwert von 10 Euro überreichen dürfen.

Was Lehrer annehmen dürfen, regeln die Bundesländer; die Vorgaben sind entsprechend unterschiedlich: So sind zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen Geschenke von einzelnen Schülern oder Eltern absolut tabu, Präsente von Gruppen - also der Elternschaft oder einer Klasse - dürfen jedoch angenommen werden, sofern sie "im allgemeinen Empfinden als angemessen zu bewerten" sind. In einer früheren Regelung wurde die Obergrenze von "ca. 25 Euro" genannt.

Baden-Württemberg legt ebenfalls ausdrücklich keine feste Wertgrenze fest, sondern macht ein Abschiedsgeschenk davon abhängig, ob der Wert "im gesellschaftlich üblichen Rahmen" liegt. Und im bayerischen Beamtengesetz ist die Rede von "geringwertigen Aufmerksamkeiten", die erlaubt sind. Was das heißt? "Geschenke im Wert von über fünf Euro sind für Lehrer tabu", sagt Klaus Wenzel vom Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband.

Doch sind diese Vorgaben im Schulalltag realistisch? Halten sich Schüler daran? Und wie gehen Lehrer in der Praxis mit Geschenken um? SPIEGEL ONLINE hat nachgefragt (und die Antworten auf Wunsch anonymisiert):

Was Schüler schenken - und Lehrer nehmen

REUTERS

Der Direktor eines Gymnasiums in Schleswig-Holstein erhielt von seinen Schülern zum Abschied einen selbstgebauten "Seniorenbriefkasten" - ein Briefkasten-Standardmodell, das die bastelfreudigen Schüler zusätzlich mit einem rot leuchtenden Einwurfsignal ausgestattet hatten. Trotz des witzigen Gimmicks ein Geschenk, das deutlich mehr als zehn Euro gekostet hat - so viel darf ein Geschenk für Beamte und Lehrer im nördlichsten Bundesland eigentlich höchstens kosten.

Corbis

Ehemalige Schüler eines Gymnasiums im Rheinland, die im vergangenen Jahr ihr Abitur gemacht haben, erinnern sich an die Geschenke für die Leiter ihrer insgesamt 18 Leistungskurse:

"Die Geschenke reichten von Büchern und einer Thermoskanne über Restaurant- und Theatergutscheine bis hin zu einem Wellness-Wochenende für zwei Personen in einem Hotel. Diese Erholung war für die entsprechende Lehrerin nach drei gemeinsamen Oberstufenjahren auch dringend nötig. Das Highlight war aber der Leistungskurs Sport, der seinem Lehrer eine Fahrt im Ferrari geschenkt hat. Die Fahrt hat um die 200 Euro gekostet - der Lehrer hat sich sehr darüber gefreut."

DPA

Arne Ulbricht unterrichtet an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen Französisch und Geschichte. Er ist außerdem Autor des Buchs "Lehrer, Traumberuf oder Horrorjob?" und sagt zum Thema Abschiedsgeschenke:

"Klassenverbände sind oft wie Großfamilien. Man liebt sich nicht, manchmal mag man sich auch nicht, aber meistens hält man zusammen. Und da man seinem Onkel, seinen Neffen und seinen Kindern etwas zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenkt, sollte man auch als Lehrer vom Klassenkollektiv Geschenke annehmen dürfen. Man lädt die Klasse ja auch mal zum Eis ein - und bestechen möchte man sie in der Regel nicht damit. Ich habe gerade eine Flasche Wein bekommen, einmal sogar einen Gutschein über 15 Euro. Na und? Geschenke von einzelnen Schülern habe ich auch schon angenommen: Nach einer Prüfung bedankte sich eine Schülerin bei mir mit einer Riesentafel Schoko! Das Einzige, was ich nicht akzeptieren würde, wären Geschenke einzelner Schüler vor Prüfungen."

SPIEGEL ONLINE

Nils Franke ist Gymnasiallehrer für Philosophie und Physik an der Europäischen Schule Karlsruhe. Er setzt sich ein für offene Kommunikation im Schulalltag und für eine Gleichbehandlung aller Beteiligten, um Neid und Missgunst auszuschließen - auch und gerade, wenn es um Geschenke geht:

"In meiner Karriere hatte ich noch nie ein Problem mit dem Verdacht der Bestechlichkeit. Als Entscheidungsträger in der Schule habe ich immer alle Geschenke und Aufmerksamkeiten gegenüber meinem Vorgesetzten angezeigt und - soweit sie für die Schule verwertbar waren - auch für die Schulgemeinschaft eingesetzt. Größere Geschenke von einzelnen Schülern oder Eltern nehme ich generell nicht an. Trotzdem freue ich mich über Kleinigkeiten, die ich als Aufmerksamkeit von den Schülern als Dankeschön für eine Klassenleitung oder eine erfolgreiche Klassenfahrt erhalte. Andererseits gebe ich aber auch selbst bei Klassenarbeiten zum Ansporn den einen oder anderen Schokoriegel oder Gummibärchen als Durchhalteparole aus. Bestechung wäre das meiner Meinung nach nur, wenn jemand daraus einen Vorteil zieht - das geht in meinen Augen kaum öffentlich und könnte nur unter der Hand stattfinden. So etwas würde ich niemals zulassen."

Corbis

Mehrere Kollegen eines Gymnasiums im Bergischen Land haben nach dem Berliner Fall gemeinsam ihre Erfahrungen zum Thema Schülergeschenke zusammengetragen.

Ein Mathematiklehrer stellt fest: "Kleinere Weihnachtsgeschenke von meinen Klassen habe ich bedenkenlos angenommen, bis zu einem Gegenwert von etwa zwei Euro pro Schüler. Einen Blumenstrauß, der mir nach bestandener Nachprüfung überreicht werden sollte, habe ich aber abgelehnt."

Sein Kollege, der unter anderem Physik unterrichtet, sagt: "Die Geschenke betrafen mich in der Regel als Leistungskurslehrer, überreicht beim Abiturball, in aller Öffentlichkeit. Der Wert reichte bis etwa 50 Euro. Einmal habe ich auch einen Kugelschreiber mit Gravur erhalten. Das 200-Euro-Geschenk für die Berliner Lehrerin liegt sicherlich deutlich zu hoch - das würde ich zumindest mit der Schulleitung sofort besprechen und das Geschenk abgeben und auch den Schülern das Problem erklären. Die Reaktion der Staatsanwaltschaft und die 4000 Euro Strafe sind aber absurd hoch und verlogen."

Eine weitere Lehrerin des Kollegiums berichtet: "Ich habe Geschenke meiner Leistungskurse oder der Jahrgangsstufe immer angenommen, die Wertigkeit war aber geringer als im Berliner Fall: Das teuerste Geschenk war ein 100-Euro-Essensgutschein für zwei Kollegen zusammen, also 50 Euro pro Kopf. Oft sind die Schüler ziemlich kreativ: Eine Stufe hat uns Beratungslehrern bei der Abi-Entlassung eine Party zwei Jahre später in Aussicht gestellt - und dies auch tatsächlich eingehalten, inklusive Büfett. Wie sehr würde ich die Schüler brüskieren, wenn ich dies nicht annehmen würde! Ich finde es schade, wenn man den Schülern die Gelegenheit nimmt, sich bei ihren Lehrern abschließend zu bedanken - Schule soll doch mehr sein als eine Dienstleistung."

Vote
Wenn Schüler schenken

Sollten Lehrer Geschenke annehmen dürfen?

Die Abstimmung ist beendet. Klicken Sie hier, um das Ergebnis zu sehen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
denkpanzer 09.01.2015
1. Geschenke
Zum Glück dürfen Ärzte sich Werbegeschenke geben lassen und werden da auch nicht von korrumpiert. Zum Glück.
FatherMacKenzie 09.01.2015
2. Dummfug
Jeder Beamte weiß genau, was er annehmen darf und was nicht. Das ist geregelt und wird während des Anwärterdienstes wenigstens einmal sehr genau erklärt.
mischamai 09.01.2015
3. heimlich
So lange es solche Versager gibt denen es nicht passt wenn erfolgreiche Lehrer beschenkt werden,ja so lange sollte man es eben heimlich machen.Öffentlich sollte man aber die Denunzianten machen die ihren Neid ausspielen.
siebenh 09.01.2015
4. Vor allem
jeder halbwegs normale Mensch kann zwischen einem Bestechungsversuch und einem Geschenk aus Dankbarkeit unterscheiden...
mina2010 09.01.2015
5. Bestechlichkeit ist im StGB
eigentlich recht gut beschrieben. Hier steht Leistung für eine Gegenleistung. Dass teure Geschenke während der Schulzeit, vor allem von einzelnen Schülern, etwas Beigeschmack haben, ist unbestritten. Bei einem Abschiedsgeschenk ist das Lehrer-Schülerverhältnis beendet, also eine Einflussnahme auf das Verhalten des Lehrers nicht mehr möglich. Also was soll dieser Unsinn und eine völlig überzogene Strafe. Künftige wird vermutlich neben jedem Beamten eine "Bestechlichkeitsbeauftragter" stehen, der darüber wacht, das der Umgangston mit den Kunden nicht zu freundlich wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.