Leben und Lernen

Computer im Unterricht

"Ich setze Elektronik immer seltener ein"

Warum spielen Tablets und Laptops in der Schule keine Rolle? Drei Lehrer erzählen: Von abstürzendem Unterricht, überlasteten Administratoren und von Smartboards, die vom Denken ablenken.

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Eine Seltenheit: Laptops für jeden Schüler

Mittwoch, 23.11.2016   16:15 Uhr

Verlieren Schulen den digitalen Anschluss? Bundesbildungsministerin Johanna Wanka will jedes Jahr eine Milliarde Euro in die Computerausstattung aller Schulen in Deutschland stecken. Aber ziehen auch die Lehrer mit? Laut einer aktuellen Studie gibt es in vielen Schulen eine brauchbare Computerausstattung, aber die Lehrer nutzen sie oft nicht.

SPIEGEL ONLINE hat Lehrer gefragt, wie sie im Unterrichtsalltag mit digitalen Medien umgehen.

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Computer im Unterricht: Liegt es am Lehrer oder an der Ausstattung?

Wo bleibt der digitale Hausmeister?

"Ich nutze privat alle möglichen IT-Geräte: Smartphone, Tablet, Laptop - kein Problem. Aber im Laufe der Jahre habe ich Elektronik immer seltener in meinem Unterricht eingesetzt. Es gibt immer irgendwas mit der Schulausstattung, das nicht funktioniert: Mal will ein Monitor nicht mit dem Rechner zusammenarbeiten, mal läuft ein Film einfach nicht, dann ist wieder ein Boxenkabel kaputt. Das kann meine ganze schöne Vorbereitung ruinieren.

Für die grundsätzliche Konfiguration ist ein Dienstleister der Schulbehörde zuständig. Vor Ort gibt es aber immer einen Kollegen als Ansprechpartner. Er ist selbst Lehrer, um die Rechner kümmert er sich zusätzlich. Er kann einfach nicht überall sein und jeden Schaden sofort beheben. Eigentlich bräuchten wir so etwas wie einen digitalen Hausmeister.

Das ist nicht das einzige Ressourcenproblem. Die meisten meiner Kollegen, die ihre Materialien am Computer vorbereiten, benutzen zu Hause Computer von Apple, ich auch. Die Schule kann sich aber nur PC leisten. Vieles ist dann oft inkompatibel oder sieht anders aus. Und niemand kann von uns erwarten, dass wir die Schulrechner dafür nutzen. Im Lehrerzimmer stehen fünf - für rund 100 Lehrer.

Eine große Enttäuschung sind Smartboards. Bei ihrer Einführung vor ein paar Jahren war ich begeistert. Aber die Vorbereitungszeit für eine Stunde mit Smartboard ist wesentlich länger, weil es viel mehr technische und gestalterische Details zu beachten gilt. Außerdem lösen sie das Versprechen der Interaktivität nicht wirklich ein.

Ja, jeweils ein Schüler kann mit dem Smartboard-Tafelbild interagieren, zum Beispiel Wörter in einen Lückentext schieben. Aber eben nur einer. Und die anderen beschäftigen sich derweil nur mit der Frage, wann sie wohl endlich ans Smartboard dürfen - statt die Aufgabe mit durchzudenken. Das Problem habe ich an einer klassischen Tafel nicht."

Anke W., Deutschlehrerin an einer Hamburger Stadtteilschule

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Tablets für alle: Nur gut, wenn alles funktioniert

Normalerweise funktioniert das super

"Für die tägliche Arbeit mit Kindern wünsche ich mir effiziente, kompatible und zuverlässige Werkzeuge - egal ob digital oder analog.

Gestern war ein Vertreter von einem großen Verlag an meiner Schule, um einen digitalen Lehrwerkassistenten vorzustellen. Schülerbuch, Workbook und Hörtexte - alles auf einem Stick. Klingt sehr praktisch.

Da fragt eine Kollegin, wie man die Bilder vergrößern könne - eine Funktion, die wir Fremdsprachenlehrer oft brauchen. Kein Problem, so der Referent und klickt etwas an. Ich zähle langsam im Kopf bis zehn, bis er den Prozess abbricht. 'Ihre Rechner sind leider zu langsam, normalerweise funktioniert das super.' Also zurück zu den alten Farbfolien.

Ähnlich ging es mir mit einem digitalen Notenkalender. Ein Jahr lang habe ich der App eine Chance gegeben. Nach jeder Stunde musste ich 25 Popups für die mündlichen Noten bestätigen - mittlerweile bin ich wieder beim gedruckten Notenkalender von der Sparkasse. Baut mir ein Tool, mit dem ich Listen schneller bearbeiten kann als mit dem Stift, und ich werde es nutzen!

Ich habe großen Respekt vor Pionieren. Wo wären wir ohne Marie Curie oder Otto Lilienthal? Aber vielen von ihnen ist es nicht gut ergangen. Profitiert hat meist erst die nächste Generation. Deshalb warte ich bei technischen Neuheiten mittlerweile erst auf die Version 4.0 - ohne Bugs, am Menschen getestet und noch immer auf dem Markt."

Torben F., Französischlehrer an einem Hamburger Gymnasium

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Informatik-Unterricht: Schüler sollen öfter selbst ans Gerät

Der Admin nutzt die Rechner auch nicht so gern

"Ich bin elektronischen Medien gegenüber sehr aufgeschlossen - deshalb bin ich auch vor ein paar Jahren Systemadministrator unserer Schule geworden. Trotzdem setze ich IT im Unterricht praktisch nur zu Präsentationszwecken ein: Hin und wieder ergänze ich mein Tafelbild durch vorbereitete Schaubilder.

Allerdings verwende ich inzwischen immer öfter Lehrvideos, die ich mir bei YouTube raussuche. In einem zum Beispiel werden die binomischen Formeln sehr anschaulich erklärt. Ist der Film vorüber, kann ich mit den Schülern gleich zu üben beginnen. Aber am liebsten an der Tafel, die Onlineübungen, die ich kenne, sind für fortgeschrittene Mathematik nicht geeignet.

Klar, es wäre wünschenswert, die Schüler selbst öfter an die Rechner zu lassen, etwa damit sie in Gruppenarbeit recherchieren. Aber dafür fehlen uns die Voraussetzungen. Es gibt keine Tablets oder Schüler-Laptops an unserer Schule, die PC stehen in den Computerräumen.

Wir haben rund 130 Geräte für 500 Schüler. Das klingt ganz ordentlich, aber in der Praxis können viele Lehrer nicht kurzfristig an die Computer, weil sie meist für den Informatik-Unterricht im Einsatz sind.

Die meisten Kollegen sind sowieso noch zurückhaltender. Ich kann das gut verstehen: An den wenigen mobilen Beamern ist dauernd etwas kaputt, und die PC machen auch häufig Ärger, zur Zeit etwa mit der Office-Aktivierung. Außerdem haben wir für die ganze Schule nur 6000er-DSL. Schon, wenn wir Google Maps anwenden, wird alles sehr langsam.

Von meiner Arbeitszeit sind pro Woche zwei Stunden für Admin-Aufgaben vorgesehen, da kann ich nicht viel reißen. Selbst dringende Reparaturen muss ich oft eine Woche liegen lassen - befriedigend ist das nicht. Ich hoffe, dass auch unsere Schule bald mal einen Wartungsvertrag abschließt."

Arndt W., Mathelehrer an der Realschule einer bayerischen Kleinstadt

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