Lehrergeständnis Digitale Schule? Lasst uns die grüne Tafel!

Die Bildungspolitiker diskutieren über den Digitalpakt: mehr Computer für die Schulen, mehr digital gestützter Unterricht. Unsinn, findet Lehrer Arne Ulbricht. Er will weiter mit Kreide auf grünen Tafeln schreiben.

Schüler am Smartboard
Getty Images/Westend61

Schüler am Smartboard


"'Rom zur Zeit Caesars' - diese Überschrift habe ich mit Kreide an eine klassische Schiefertafel geschrieben; deshalb bin ich einen Augenblick lang der glücklichste Lehrer des Planeten. Denn ich hatte vergessen, wie sich das Schreiben mit Kreide anfühlt; an meiner ehemaligen Schule gab es ausschließlich digitale Whiteboards.

Und ja: Diese Boards sind manchmal der Hammer. Zum Beispiel kann man auf ihnen DVDs in Kinoqualität zeigen. Ein passendes YouTube-Kurzvideo, um einen zähen Text zu veranschaulichen? Kein Problem!

Zum Autor
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht, Jahrgang 1972, unterrichtet an einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen Französisch und Geschichte. Der Lehrer ist Autor mehrerer Bücher. Soeben ist sein Erzählband "Vatertag!" erschienen.
  • Arneulbricht.de

Trotzdem wuchs Jahr für Jahr meine Sehnsucht nach der klassischen Tafel. Warum? Ganz einfach: Für die täglichen Anschriebe aller Art eignet sich die bewährte Schiefertafel nicht nur genauso gut, sondern meistens besser.

Oft sage ich zum Beispiel: 'Anna, schreib deine Ergebnisse schon mal verdeckt an!' Anna, die immer besonders schnell fertig ist, springt auf, versteckt sich hinter der aufgeklappten Tafel und präsentiert später ihre Ergebnisse. Mit Tafeln kann man auf diese Weise wunderbar binnendifferenziert arbeiten - digitale Whiteboards sind dagegen einfach nur XXXL-Desktops, die sich nicht aufklappen lassen.

Tabellen an normalen Tafeln können von vielen Schülern gleichzeitig ausgefüllt werden. Ein solcher Kollektivanschrieb endet oft in pädagogisch wertvollem Chaos, weil die Schüler in Bewegung sind, und das Vergleichen bringt wegen der unterschiedlichen Schülerbeiträge besonders viel Spaß. Auch das geht nicht am digitalen Whiteboard, denn man kann nicht gleichzeitig mit mehreren Stiften schreiben.

Hin und wieder höre ich: 'Herr Ulbricht, ich kann Ihre Schrift nicht entziffern!' 'Sorry', sage ich und schreibe anschließend ordentlicher. Und es stimmt! Kreide-Tafelbilder sind individuell und tragen im wahrsten Sinne des Wortes die Handschrift des Lehrers, weil man die eigene Schrift eben nicht in Einheitsschrift verwandeln oder ein zu Hause vorbereitetes Worddokument hochladen kann. Und das macht uns Lehrer nicht unmenschlicher.

Und last, but not least: Die Schiefertafel ist sofort einsatzbereit. Okay, manchmal muss sie gewischt werden (dauert eine Minute). Und wenn Kreide fehlt, schickt man einen Schüler in die Parallelklasse (dauert dreißig Sekunden). Das digitale Whiteboard muss erst hochgefahren und der (teure) Stift 'kalibriert' werden, damit er dort seine Linien zieht, wo man ihn aufsetzt.

Und manchmal geht gar nichts mehr - teure Technik ist nun mal anfällig. Dann ist ein digitales Whiteboard zu nichts nutze, bis der Systemadministrator Zeit hat und den Fehler findet (und ihn irgendwann behebt). Eine Schiefertafel geht nie kaputt.

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Für Bildungspolitiker, deren Lieblingsthema gerade der Digitalpakt ist, sind die Schiefertafeln leider Relikte aus alten Zeiten - aus der Kreidezeit sozusagen. Am liebsten würden sie noch heute alle Schiefertafeln gegen digitale Whiteboards austauschen. Der Unterricht wäre damit in der Tat digitaler, und der Grad der Digitalisierung scheint momentan das einzige Kriterium für die Schule der Zukunft zu sein.

Das ist leider Unfug. Wir brauchen keine Totaldigitalisierung, sondern ausreichend begeisterte Kollegen, engagierte Sozialarbeiter und Klassengrößen, die vernünftigen Unterricht ermöglichen. Die grünen Tafeln waren und sind kein Problem. Die meisten Kollegen arbeiten gern und gut mit ihnen.

Also lasst sie uns!

insgesamt 141 Beiträge
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Seite 1
Humboldt 12.12.2018
1. Das Eine tun - ohne das andere zu lassen!
Selbstverständlich stelle ich mir vor, dass es weiterhin die grüne Tafel mit ausklappbaren Flügeln geben soll, und dazu natürlich auch ein digitales Whiteboard! Tafel nach unten, Whiteboard noch oben - und umgekehrt! So einfach ginge das!
samhall 12.12.2018
2. Visualisierung
Digitalisierung ist nicht allein seligmachend. Das gesprochene Wort, das erarbeitete Ergebnis muss visuell verstärkt werden. Das kann auch klassisch mit Tafel und Kreide geschehen. Das mit der Hand geschriebene prägt sich nach meiner Erfahrung auch stärker ein als gemarkerte Texte. Der schlaue Medienmix und die Wiederholung als Mutter der Pädagogik sind der Schlüssel; und das immerwährende Wecken der Neugier.
patricia.steinkirchner 12.12.2018
3. Genau!
Ganz meine Meinung! Auch ich gehöre zu den Kreidezeitlehrern - mit Vergnügen. Alles wirklich Wichtige lässt sich mit der Tafel erarbeiten.
ice945 12.12.2018
4. Sie haben das falsche Smartboard...
Ich kann Ihnen in genau einem Punkt zustimmen: Technik ist leider nicht immer verlässlich und die Tafel hochfahren kann gerade in der ersten Stunde schon mal etwas länger dauern. Unsere gesamte Schule ist mit digitalen Tafeln ausgestattet. Ich muss vielleicht zweimal im Schuljahr die Tafel neu kalibrieren (dauert 10 Sekunden), ich kann ganz normal in meiner eigenen Handschrift darauf schreiben (ohne Worterkennung des Programms) und habe mehr als einen Stift zur Verfügung. Zudem haben wir "klassische" Seiten an den Tafeln, auf denen ganz normal mit Marker geschrieben werden kann und die genau so umzuklappen sind wie bei den althergebrachten Tafeln. So habe ich bei unseren Tafeln neue Möglichkeiten, ohne auf Bewährtes verzichten zu müssen. Am besten mag ich allerdings, dass meine alten Tafelbilder nicht verloren gehen. Die klassische Schüleraussage "Das stand so nie an der Tafel!" ist damit recht schnell entkräftet. Zu dem kann ich das Tafelbild der letzten Stunde noch einmal aufrufen, falls meine Schüler Schwierigkeiten haben, sich zu Stundenbeginn zu verorten. Und: War ein Schüler einmal länger krank, kann ich ihm die Tafelbilder zur Verfügung stellen. Das entbindet ihn nicht vom nacharbeiten, aber es erleichtert das ganze erheblich. Denn egal, ob analoge oder digitale Tafel: Es wird immer Schüler geben, die es schaffen Sachen von der Tafel abzuschreiben und solche, die das auch in der Sek II noch nicht können...
treinisch 12.12.2018
5. Es gibt also doch intelligentes Leben auf der Erde
so lange die Grundprobleme nicht gelöst sind und Schüler auf hohem Niveau lesen, schreiben und rechnen können und mindestens 95% des vorgeschriebenen Unterrichts auch stattfinden, gibt es einfach wichtigere Probleme als die Digitalisierung des Mangels. Was ich bisher an digitalen Lösungen gesehen habe sind nette Spielereien, die den ganzen Lärm einfach nicht wert sind. Interessant wird digitaler Unterricht, wenn Schüler dadurch stark differenziert unterrichtet werden können, aber das geht im Moment nicht. Warum also nicht Tafel? Intuitiv bedienbar, funktioniert auch ohne WLAN, kann nicht gehackt werden, brummt nicht, braucht keine Ersatzbirne, alle 20 Jahre mal ein Update, hat keine Datenschutzproblematik und die Schule macht sich auch nicht zur Edelnutte für Digitalkonzerne. Computer sind natürlich auch nötig und Beamer auch, aber nicht unbedingt als zentrales Medium des Unterrichts.
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