Lehrergeständnis Ein paar Störenfriede - und die Mitschüler weinen

Kooperativ, aufgeweckt, interessiert - von solchen Schülern träumen Lehrer. Doch wer zu gut erzogen ist, kann im rauen Schulalltag untergehen. Unser Autor ist Lehrer und sagt: Schuld daran bin auch ich.

Randale in der Klasse
Getty Images/Westend61

Randale in der Klasse


Ob ich meine Schule für Lisa empfehlen könne, fragte mich eine Bekannte am Tag der offenen Tür. Na klar! Dann bekommt sie entweder Herrn Martens als Klassenlehrer, der ist sehr streng, aber ein toller Lehrer. Oder Frau Schwanke, die ist unheimlich engagiert.

Lisa ist eine Schülerin, wie man sie sich als Lehrer wünscht: höflich, fleißig und mit anderen hundertprozentig verträglich. Das Kind hat gelernt zu teilen, lässt anderen auch mal den Vortritt, kann warten und schreit nicht: Die Eltern haben ganze Arbeit geleistet. Solche Kinder wollen wir an unserer Schule!

Ein halbes Jahr später hatte ich Vertretung in Lisas Klasse. Seitdem traue ich mich nicht mehr, der Mutter in die Augen zu schauen: Lisa ist in eine furchtbare Klasse geraten. Rechts sitzt so ein Junge, der sieht aus wie ein Erwachsener im Körper eines Kindes. Sobald ich einmal wegschaue, nimmt er seinen Nachbarn etwas weg, springt auf, läuft durch den Raum. Und noch während ich ihm eine Standpauke halte, sehe ich in seinen Augen, wie er den nächsten Coup plant. In seinem Blick spielt immer etwas Unruhiges, Abgelenktes und Suchendes. Als ich mich kurz wieder abwende, streckt er mir die Zunge heraus.

Wenn Lernen kaum möglich ist

Von der Sorte gibt es mindestens eine Handvoll Kinder. Dazu herrscht in der Klasse ein Höllenlärm. Nur unter Androhung massiver Strafen und durch Umsetzen von Schülern schaffe ich es, die Klasse leidlich im Zaum zu halten. Die armen Klassenlehrer, die armen Kinder, die arme Lisa. Höflichkeit, Empathie und gute Erziehung, damit kommt man hier nicht weiter. Frühenglisch, Instrumentalunterricht, Antolin-Lesewerkstatt - alles für die Katz, denn hier ist Lernen kaum möglich.

Für eine Vertretungsstunde, da reibe ich mich nicht auf. Die Rädelsführer bekommen ihre Ansprache, es gibt Nachrichten an Klassenlehrer und Eltern - und damit ist der Fall für mich erledigt.

Dummerweise habe ich die Stunde im Alltagsstress wieder vergessen, ich hätte die Mutter warnen sollen: "Nimm dein Kind aus der Klasse, organisiert unter den Eltern einen Widerstand der Lernwilligen." Denn auf wütende Elternhorden, am besten mit der Presse im Schlepptau, reagieren Schulleitungen sehr empfindlich.

Oft wissen Eltern nicht, wie es in der Klasse ihrer Kinder zugeht. Vor allem beim ersten Kind sind sie unsicher, wollen nicht auffallen, denken, mit ihrem Kind stimme vielleicht etwas nicht.

Aber wie kann so etwas auf einem Gymnasium passieren? 55 Prozent der Schüler in unserem Bundesland gehen aufs Gymnasium, die Empfehlungen aus der Grundschule sind nicht bindend, und die Schulen konkurrieren permanent um Anmeldungen. Dazu ist es unglaublich schwer, verhaltensauffällige Schüler loszuwerden.

Wo sollen die auch hin? Die Stadtteilschulen bedanken sich, und Sonderschulen wurden im Zuge der Inklusion abgeschafft. Wer zu den 55 Prozent gehört, muss schon mehrfach massiv prügeln, um von der Schule zu fliegen. Bis dahin haben Dutzende Kinder chronische Bauchschmerzen bei dem Gedanken an Schule entwickelt.

Den anderen das Lernen unmöglich zu machen - das reicht für den Schulverweis leider nicht. Und das sind schlechte Voraussetzungen für eine staatliche Institution, die Chancen verteilt und Chancen nimmt.

Es ist häufig die Rede von bildungsfernen Elternhäusern, von Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Ich bin sehr dafür, dass alle Kinder, unabhängig von Herkunft und Schicht, die gleichen Chancen haben. Aber hier geht es nicht um Bildung, sondern um Erziehung, nicht um Wissen, sondern um Werte.

Es ist nicht gerecht, wenn Kinder aus erziehungsfernen Elternhäusern den anderen Kindern die Chancen zum Lernen nehmen. Jedes "Nein", jedes "Gib den anderen auch etwas ab", jede vorgelesene Seite kostet die Eltern viel Kraft. Diese Mühe darf nicht umsonst sein. Kinder, die keine Regeln, keine Rücksicht und keinen Respekt kennen, dürften den Klassenraum nicht dominieren.

Der Fall von Lisa ist nicht die Regel, doch so etwas kommt immer häufiger vor, und im Moment sind wir bei so etwas machtlos. Eine strenge Schulleitung ist da sicher eine gute Hilfe, aber auch ihr Handlungsradius ist beschränkt.

Gestern war ich bei Lisas Mutter und holte meine Tochter vom Geburtstag ihres Sohns ab. Endlich hatte ich Gelegenheit, der Mutter zu erzählen, wie leid mir meine Empfehlung tut und was für ein Pech Lisa gehabt hat.

Erst da wurde mir die Tragweite meiner Untätigkeit bewusst. "Mittlerweile geht es einigermaßen, aber das erste halbe Jahr hat Lisa jeden Tag nach der Schule geweint."

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insgesamt 176 Beiträge
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Seite 1
carl.greuber 24.01.2019
1. Traurig aber wahr
Das große Problem in D ist nicht die soziale Trennung, wie sie oft beklagt wird. Das große Problem ist die Profilierungsneurose und Sparwut unserer "Bildungs"politiker. In einigermaßen homogenen Gruppen lernt es sich, zumindest was die Grundlagen angeht, wo viel lernen und üben wichtig ist, eben besser. Und dazu gehört auch sich benehmen zu können und die anderen lernen zu lassen. Und hier liegt es an allen Kindern, die Chancen zu ergreifen! Und es ist eigentlich die Pflicht der Gesellschaft, denen die wollen, auch eine Möglichkeit zu geben. Empirisch hat sich das viergliedrige Schulsystem, in dem jeder nach seinen Bedürfnissen gefördert wurde, als das erwiesen, bei den die Schüler nach Beendigung ihrer Schullaufbahn am besten auf die Zukunft vorbereitet waren. Und jeder Spätzünder konnte über BOS und FOS usw. mit ungefähr einem Jahr Verögerung sein Abi machen. Leider alles mal gewesen.
The Restless 24.01.2019
2. Ganz wichtiger Punkt!
Es wird gepredigt, dass die Kinder gewaltfrei aufwachsen sollen. Daher dürfen Lehrer fast nicht mehr strafen: kein Nachsitzen, keine gepfefferten Strafarbeiten mehr, kein 'Vor die Tür Setzen'. Infolge dessen leben die Kinder leider dennoch nicht gewaltfrei: Die Gewalthoheit besitzt jetzt eine kleine Minderheit von Rüpeln, denen keine Grenzen mehr gesetzt werden und die komplett das Zepter übernehmen. Früher wurden diese 10% von den Lehrern bestraft, damit die 90% der anderen Kinder vernünftig lernen konnten. Heute bleiben die Rüpel ungestraft und 90% der Kinder leiden unter ihrer Tyrannei.
georg69 24.01.2019
3.
Dass der - durch viele Ausfälle ohne dezimierte - Unterricht nicht durch Einzelne stark beeinträchtigt werden darf, ist offensichtlich. Doch diese negativ auffälligen Kinder müssen die Unterstützung bekommen, die ihnen das eigene Elternhaus - aus welchen Gründen auch immer - offenbar verwehrt. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, Kinder auszusortieren. Das war schon immer problematisch, heute wäre es fatal! Daher kann die einzig sinnvolle Lösung nur sein, mit diesen Kindern das bisher nicht gelernte Sozialverhalten in der Schule nachzuholen. Dazu müssen die Schulen befähigt werden.
hackman36 24.01.2019
4. Mit bestem Dank an Politiker und Juristen!
Das ist also aus unseren Schulen geworden, anstatt die Kinder zu fördern nehmen wir immer nur Rücksicht auf die schwachen - und auffälligen - Warum darf ein Kind fünfundzwanzig andere vom Lernen abhalten? Wie sollen sich Lehrer bitte Respekt verschaffen? Welche Möglichkeiten hat man Ihnen an die Hand gegeben wo man Ihnen so viele genommen hat? Warum dürfen Lehrer hier nicht mehr wir früher durchgreifen? Wo bleibt hier endlich eine Gestztesänderung, welche die Mehrzahl (!) der Schüler schützt und nicht immer auf die Minderzahl der Randalierer Rücksicht nimmt? Wo bleibt die Möglichkeit, solche Kinder zurückzustellen, zu versetzen oder in Sonderschulen unterzubringen, in denen sich mehrere speziell ausgebildete Lehrer um Sie kümmern können, anstatt dies den Lehrern zu überlassen, welche für das Gro unserer Gesellschaft ausgebildet wurden. Inklusion kann funktionieren, aber nicht immer; und sie zu einem Muß zu machen schadet wesentlich mehr Schülern, als dass es Sie nach vorne bringt! Unsere Großeltern und Eltern wurden in einem wesentlich strengeren Schulsystem groß und hatten Erfolge damit, Sie haben Deutschland aufgebaut und zu dem gemacht, was es heute ist. War das so schlecht? Musste man dies tatsächlich so abändern? Müssen wir uns immer nach irgendwelchen Studien richten? Aussagekraft der vielgelobteb PISA Studie: Vergleichen Sie hier die Rangordnung mit der wirtschaftlichen Stellung der Länder!
bjtimmy2 24.01.2019
5. Ohne Druck geht es nicht
Ich kenne auch solche Fälle. Und die Hilflosigkeit der Lehrer, die dann in den eigenen Überlebensmodus wechseln. Wenn sowohl normativer Druck, als auch Sanktionsmöglichkeiten fehlen, wird es schwierig. Die Schüler erziehen sich wechselseitig nur bedingt und erst in höherem Alter, wenn (falls) die Normen verinnerlicht sind. Bis dahin schrecken die vorhandenen Sanktionsmittel die renitenten Schüler*innen nicht ab, wenn der Rückhalt durch die Eltern, und damit die normative Basis fehlt. Die Idee, dass brave Schüler aus Rabauken brave Schüler machen, hat noch nie funktioniert. Letztlich fände ich es OK, wenn Schulen für solche Schüler*innen selbst Sonderklassen mit verschärften Regeln einführen. Oder einen so gut wie leeren Disziplinarraum als "Mini-Gefängnis" einführen, wo solche Schüler*innen gerne den Vormittag verbringen können. Mit den Störenfrieden zu reden, und ihnen die Alternativen aufzuzeigen, ist wichtig, aber irgendwann muss man sich durchsetzen.
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