Lehrergeständnisse Kaum ein Schüler braucht später Physik

Jan-Martin Klinge weiß, dass seine Schüler später wenig aus dem drögen Physikunterricht erinnern werden. Außerdem würde der Lehrer viel lieber Themen behandeln, die Spaß machen. Doch die Vorgaben aus dem Ministerium sind strikt - und unrealistisch.

Physikunterricht: Lehrpläne lassen Lehrern kaum Freiheiten für die Unterrichtsgestaltung
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Physikunterricht: Lehrpläne lassen Lehrern kaum Freiheiten für die Unterrichtsgestaltung


Zur Person
Wenn ich ehrlich bin, mache ich mit meinen Schülern gern Unsinn. Mit einem Physikkurs habe ich zum Beispiel einmal recht viel Zeit vor der Leinwand verbracht. Wir haben Action-Filme geguckt und uns gefragt, ob das alles wirklich sein kann: Würden Spidermans Arme der Belastung seiner Heldentaten standhalten? Wie viele Hamburger müsste der Superheld Flash essen, um so schnell wie das Licht laufen zu können? Und kann Arnold Schwarzenegger tatsächlich so entspannt aus dem Handgelenk ballern, ohne mit der Wimper zu zucken?

Es ging dabei um viel angewandte Physik und eine Menge Mathematik. Aber vor allem ging es mir darum, dass meine Schüler mit Spaß lernen - und dabei will ich realistisch bleiben: Meine Schüler werden später vermutlich genauso viel oder wenig von Physik brauchen und wissen, wie jeder andere Mensch auch.

Aber sie werden sich hoffentlich daran erinnern, wie wir stundenlang berechnet haben, ob der Unglaubliche Hulk bei seiner Masse überhaupt normalen Betonboden betreten könnte oder ob man sich wie Bruce Willis in "Stirb langsam 1" tatsächlich mit seinen Fingerkuppen an einem Vorsprung auffangen könnte, nachdem man einen Fahrstuhlschacht hinabgerutscht ist.

Nur: Wer glaubt, Lehrer könnten sich ständig kreative Aufgaben ausdenken, liegt leider falsch.

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Lehrergeständnisse: Klassenfahrten und andere Dramen
Im Alltag sind wir viel zu häufig hin- und hergerissen zwischen dem, was wir gern machen würden und dem, was wir machen müssen. Zentralabitur, Vergleichsarbeiten und immer striktere Vorgaben im Lehrplan zwängen uns in ein enges Korsett. Die Kultusministerien nehmen uns Jahr für Jahr mehr Freiheiten in der Unterrichtsgestaltung. Das hilft zwar der Vergleichbarkeit zwischen Schulen und Ländern und gibt uns Lehrern einen roten Faden an die Hand.

Es führt aber auch zu Langeweile und Frust bei den Kollegen. Langeweile, wenn man in Deutsch zum x-ten Mal das gleiche Buch lesen lassen muss und Frust, wenn die Vorgaben der Ministerien schlicht nicht einzuhalten sind.

Wie soll ich mit meinen Schülern "computergestützt Produkte" entwickeln, wenn mir die nötige Ausstattung fehlt? Wie soll ich den Kindern beibringen, in den Naturwissenschaften "englischsprachige Quellen" zu nutzen, wenn viele noch mit Deutsch kämpfen?

Die Wahrheit ist: Viele der vorgegebenen Themen fallen unter den Tisch, weil sie inhaltlich nicht umzusetzen sind. Weil wir Lehrer mit dem anderen Stoff nicht so schnell durchkommen, wie die Mitarbeiter in Ministerien es gern hätten. Weil Unterricht ausfällt, wegen Krankheit oder Schulveranstaltungen. In der Zeit, die bleibt, versuche ich dann, hastig das Nötigste in die Kinder hineinzupressen.

Mich ärgert, dass ich viel zu selten die Chance habe, Dinge zu tun, die allen Seiten auch Vergnügen bereiten. Zum Beispiel die Physik von Superhelden zu analysieren.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 314 Beiträge
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Seite 1
berndasbrot 30.10.2014
1. Physik......
......erklärt die gesamte Welt um uns herum. Und das braucht man also nicht? Ohne ein physikalisch-technisches Grundverständnis kann man sich in unserer Welt kaum kompetent bewegen. Das fängt z.B. schon beim Autofahren an (ja, das ist pure Physik, so mit F=m*a und P=F*v und Luftwiderstand=1/2*cw*ro*A*v² usw.). Hiflt ungemein, zu verstehen, warum der neue SUV auf einmal 2 Liter mehr braucht als der alte Kompaktwagen. Wenn man in Autoforen sieht, mit welcher absoluten technischen Ahnungslosigkeit die Leute unterwegs sind, kann einem nur Angst und bange werden. Es geht aber dann z.B. bei der Energiepolitik weiter. Wer ein bisschen naturwissentschaftliche Bildung hat, wird nicht -so wie die breite Masse- nur "Elektroauto her" und "Atomkraft nein danke!" brüllen, sondern eine differenziertere und intelligentere Meinung haben. Aber Mathe, Physik, Chemie sind ja uncool. Man macht lieber was "mit Tieren" oder "mit Medien". Oder man geht zu DSDS. Oder wird Politiker. Oder Lehrer.
HansCh 30.10.2014
2. Kein Wunder das Ingenieursmangel ...
... in Deutschland herrscht. Wenn selbst Physiklehrer ihr Fach als dröge empfinden. Wie sollen sie ihre - nichtvorhandene - Begeisterung für die Essenz der Naturwissenschaften an die Schüler weitergeben, wenn sie selbst Hollywoodfilme benötigen, damit es "allen Seiten Vergnügen" bereitet. (Natürlich kann es gelegentlich eines Anstoßes aus der Lebenswelt der Schüler bedürfen, um Interesse zu wecken, aber dass ansonsten die Physik dröge sei, das haben uns unsere Lehrer früher nicht vermittelt.)
mailo 30.10.2014
3. Omg!
Bei solchen Lehrern wundert mich das, was heutzutage in den Ausbuldungsbetrieben ankommt wenig. Weiß er eigentlich was er da den ganzen Tag in der Schule macht, bzw. machen soll? Flaschenzug, Hebelgesetze, Elektrizität.... Alles Unfug, was?
buntschwarz 30.10.2014
4. Schade
das selbst einem Physiklehrer keine praxisnahen Beispiele einfallen. Aber auch meine letzte PH-Wertanalyse liegt ein wenig zurück und wann hatte ich gleich das letzte mal Pantoffeltierchen beobachtet. Das ist leider das Schicksal der meisten Wissensgebiete aus der Schule. Aber wir lernen ja fürs Leben. Welches Schulwissen haben sie gestern benötigt? Wenn es über lesen, schreiben und die Grundrechenarten hinaus geht wäre es schon viel.
großwolke 30.10.2014
5.
Da sagt der Mann viel Wahres. Vor allem, wenn man dann sieht, was bei der Umsetzung der tollen Vorgaben als Endprodukt herauskommt: Bei mir zum Beispiel Azubis, die zu keinem Zeitpunkt ihrer Schülerlaufbahn begriffen haben, dass all dieses Zeug, was sie in der Schule gelernt haben (gern bis zum Abitur) tatsächlich einen praktischen Nutzen hat. Dass man es hernehmen kann, um sich in realen Anwendungsfällen zu behelfen. Und die diesen Blödsinn, trotz eindringlicher Appelle, während der Lehre auch nicht mehr ablegen. Falls das hier irgendjemand liest aus dem Kreis der (angehenden) Eltern, der sogenannten Erziehungswissenschaftler: es ist überhaupt nicht nötig, Fremdsprachen im Kindergarten zu lernen und in der Mittelstufe fremdsprachige Quellen in den naturwissenschaftlichen Unterricht einzubeziehen. Es gibt für alles eine Zeit, und das Vorschulalter ist zum Spielen da, die Schule dazu, gute Grundlagen zu legen für den Erwerb von Wissen und den Umgang damit. Quellen im Internet bewerten zu können ist eine tolle Fähigkeit, aber sie verliert an Wichtigkeit, wenn man viel Wissen anwendungsbereit im Kopf hat. Und es ist ein Trugschluss zu glauben, dass man sich ja seine Infos jederzeit online zusammensuchen kann. Wenn man mit der Recherche erst anfängt, wenn das Problem schon brennend und blubbernd vor einem liegt, verliert man bei der täglichen Arbeit wertvolle Zeit, und in Diskussionen, in Meetings kommt man gar nicht erst zu sinnvollen Ergebnissen, sondern muss sich ein ums andere Mal vertagen. Wenn ich ich mit deutlich älteren Kollegen zusammenarbeite, habe ich jedesmal tiefsten Respekt vor dem oft wahnsinnig umfangreichen Wissen, das diese Leute haben. Leider werden es in dem Maße, in dem ich selber älter werde, immer weniger von denen, und die nachwachsende Generation. mich eingeschlossen, hat in der Breite nicht mehr dieselbe Qualität. Da muss man ansetzen, wenn man das Bildungsniveau verbessern will, nicht an möglichst früher Einführung von Fremdsprachen oder moderner Technik. Wer einmal denken gelernt hat, der erschließt sich später auch technisches Englisch oder eine Programmiersprache viel schneller als jemand, der schon ganz früh in die Kunst des seelenlosen Bulimie-Lernens eingeführt wurde.
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