Lehrergeständnis Gib Schülern niemals Popcorn!

Drei Schulklassen und zwei verschiedene Verhaltensregeln beim Kinobesuch - das gibt Ärger. Ein Lehrer über zertretenes Popcorn, verschmierte Schokolade - und die späte Einsicht, dass die Kollegin recht hatte.

Schüler im Kino
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Schüler im Kino


"Lehrer müsste man sein", verabschiedete mich meine Frau am Morgen, "ins Kino gehen und dafür auch noch Geld bekommen!" Ich tat ein wenig empört und murmelte etwas von wegen blödes Klischee, aber im Grunde hatte sie Recht: Es gibt wesentlich Schlimmeres im Lehrerleben, als ein paar Schüler ins Kino zu begleiten. Zumal ich kaum etwas organisieren musste. Zu dem Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, was mich erwartete.

Nur durch Zufall hatte ich im Lehrerzimmer mitbekommen, dass eine Kollegin, nennen wir sie Frau Schmidt, mit ihren Schülern vormittags ins Schulkino fahren wollte. Passend zum Jahrgangsthema und auf Französisch mit Untertiteln. "Darf ich dich mit meinem Kurs begleiten?", fragte ich sie unvermittelt.

Frau Schmidt druckste ein wenig herum. Offenbar war es ihr nicht recht, aber es fiel ihr auch kein sozial kompatibler Grund dagegen ein. "Habe ich da gerade Kino gehört? Original mit Untertiteln? Da komm ich mit!", stieß ein weiterer Kollege hinzu. Am Ende fuhren wir mit einem vollgestopften Gelenkbus, ganzen drei Klassen, ins Kino.

"Wir müssen vorher noch etwas besprechen!", wandte sich Frau Schmidt noch im Bus an uns andere Kollegen: "Meine Schüler sollen im Kino nicht essen. Ich möchte, dass wir eine einheitliche Regel finden." Mir erschien das irgendwie übertrieben und sonderbar, dabei wollte sie doch nur diese fatale Verschaltung im Gehirn von Fernsehen und Fressen verhindern. "Solange sie alles wieder aufräumen, stört mich das nicht", gab ich zurück. Die restlichen Kollegen sahen das auch so. Wir wurden uns nicht einig, bevor der Bus ans Ziel kann. Zerknirscht nahm Frau Schmidt hin, dass das eben jeder mit seiner Klasse so handhaben könne, wie er wolle.

Vorne Knistern, hinten Ruhe

Kurze Zeit später saßen wir im dunklen Saal, in den Reihen vor uns knisterten die Popcorntüten. Hinter uns blieb es ruhig, denn dort saß die Klasse von Frau Schmidt. Nur manchmal zischelte einer ihrer Schüler missmutig vor sich hin.

Doch statt des französischen Films flimmerte plötzlich "Fack Ju Göhte" über die Leinwand. Die Schüler jubelten laut auf, aber für diesen Film waren wir nicht gekommen. Also wandte ich mich an den Filmvorführer.

Er habe wohl den falschen Film heruntergeladen, behauptete er. Ich war sehr verwundert. "Ist das nicht illegal?", fragte ich naiv. Aber tatsächlich laden sich Kinos heute ihre Filme wohl von den Verleihfirmen herunter.

Ein großes Buh-Konzert tönte aus dem Kinosaal, als wir Elyas M'Barek den Stecker zogen. Unter den Schülern breitete sich Unmut aus: Die einen strömten an die Junk-Food-Theke im Foyer, die Schüler von Frau Schmidt nagten an ihren mitgebrachten Stullen herum - das durften sie.

Ich hätte aufgeben sollen

Ich habe noch nie einen gefühlt so langsamen Downloadbalken gesehen. "In einer Viertelstunde haben wir ihn", versicherte uns der Vorführer. Aber an diesem Tag streamten sich wohl viele Leute Musik, schauten Pornos oder telefonierten via IP: Die Leitung war überlastet und aus der Viertelstunde wurde mehr als eine halbe. "Dürfen wir uns jetzt etwas kaufen?", bettelten die Schüler von Frau Schmidt, aber diese blieb hart.

Unterdessen fingen die durch Zucker und Cola aufgeputschten Schüler der vorderen Reihen an, immer mehr herumzulärmen und über die Sitzreihen zu turnen. Irgendwann wurde es auch mir zu viel und ich stellte mich vor die Leinwand: Es sei jetzt Ruhe, sonst würden wir alle zurück zur Schule fahren und Kino gäbe es sowieso nie wieder. Das half - fürs Erste.

Lehrergeständnisse

Zurück in der Vorführkammer musste ich feststellen, dass der Kino-Mann nun den richtigen Film, allerdings auf Deutsch, heruntergeladen hatte. An der Stelle hätte ich besser aufgeben sollen, aber dafür waren wir einfach zu kurz vorm Ziel.

Einen letzten Versuch wollte ich wider alle Vernunft noch wagen. Auch der zweite Download mochte nicht so recht vorangehen, so wie damals, als man mit dem 56K-Modem stundenlang auf ein MP3-Stück warten musste. "Ruf mal in der Schule an und sag die restlichen Stunden ab", trug ich einem Kollegen auf. Und während ich jeden neuen Pixel am rechten Rand des Downloadbalkens sorgsam beobachtete, flogen im Kinosaal die Popcorntüten durch die Reihen. Jegliche Hemmungen waren gefallen.

Tränen in Schüleraugen

Schülergruppen von Frau Schmidt beknieten sie unter Tränen, endlich auch Geld in Fett und Kohlehydrate umsetzen zu dürfen. Schüler aus den anderen beiden Klassen setzten inzwischen ihr letztes Taschengeld in Schokoriegel um, wieder andere rannten in den freien Reihen um die Wette oder bewarfen sich mit Verpackungsmaterial.

Nach anderthalb nervenaufreibenden Stunden fing endlich unser Film an. Erst danach begannen wir mit den Bergungsarbeiten: eingetretenes Popcorn, verschmierte Schokolade, angekaute Gummibärchen und Verpackungen über Verpackungen.

Zurück im Lehrerzimmer holten wir uns dann bei Frau Schmidt eine ordentliche Standpauke ab. Nicht ganz unberechtigt, denn ihre Schüler hassten sie jetzt. Und das nur, weil wir den Ausflug der Kollegin gesprengt hatten. Gemeinsame Regeln sind eben doch wichtig, oft für die banalsten Dinge.

Und jetzt kommen Sie
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insgesamt 29 Beiträge
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reflexxion 29.11.2017
1. da weiß ich nicht ob ich weinen oder lachen soll.
Dilettantischer geht es ja wohl kaum. Wieso gibt es in Schulen keine Aula/Turnhalle mehr, wo man so was mit einem Beamer hätte veranstalten können. Ganz ohne auch nur die Idee auf Popcorn und Snacks aufkommen zu lassen und sicher auch ohne den falschen Film zu starten. Bei nur einer Klasse hätte es eventuell auch ein etwas größerer Flachbild-TV in der eigenen Klasse getan. Zu meiner Schulzeit gab es ja noch den landeseigenen Schulfilmverleih, der 16mm schwarzweiß Filme hatte die so langweilig waren, das man regelmäßig einschlief. Welcher Schaden ist nun entstanden: Es musste ein Bus gemietet werden, den man sich hätte sparen können. Ob das Kino Geld gekostet hat bleibt unklar, ich denke aber es kostet Geld. Es sind weitere Stunden ausgefallen, weil der Film nicht bereit war. Natürlich kommt da auch noch der zwischenmenschliche Schaden hinzu, weil jetzt diverse Lehrer wütend auf einander sind. Da bin ich echt froh das ich trotz Lehramtstudium noch einen anständigen Beruf erlernt habe und mit dem ganz gut durchs ganze Berufsleben gekommen bin, wenn auch mit etwas weniger Geld im Monat aber halt auch mit viel weniger Ärger.
topas 29.11.2017
2.
Gut, auf zwischenmenschlicher Basis hätte ich die diversen Punkte gar nicht zur Disposition gestellt. Als zweiter (und gar dritter) Lehrer klinke ich mich in die Veranstaltung ein. Somit "kaufe" ich das Gesamtpaket mit allen Features. Das hätte der Respekt der Lehrerin gegenüber schon verlangt, immerhin hatte sie die Idee, die Planung und Vorbereitung ... alles Arbeit, die mehr als ein "ich komme mit" umfasst. Auf das Alltagsleben übertragen setze ich mich doch nicht im Restaurant ungefragt an den Nebentisch, bestelle für den Gast das Essen und lase ihn das dann bezahlen. wenn ich mich Freunden bei deren Urlaub anschließe biege ich den All-Inclusive-Urlaub doch auch nicht in einen Backpacking-Trip um, nur weil ich es will. Oder hoffen wir einfach, dass der Artikel eine starke Übertreibung ist und die Lehrkräfte sich in Wirklichkeit erwachsener benehmen ...
rocknrolltattoo 29.11.2017
3. Mal von der anderen Seite beobachtet.
Ich bin Kinobetreiber und wir machen sehr oft Schulvorstellungen. Auch bei der Schulkinowoche sind wir immer dabei. Was viele nicht wissen ist, dass grob die Hälfte des Eintrittsgeldes an die Filmverleiher geht. Bei den Schulkinowochen ist der Eintrittspreis festgelegt (3,50 €). Da bleibt nicht viel über. Erst mit den Nebenumsätzen machen Schulvorstellungen finanziell Sinn. Kulturell machen sie auf alle Fälle sinn. Wir veranlassen in Absprache mit den Lehrern die Schüler zum Aufräumen. Pädagogisch sicher nicht falsch ;-) Wir gingen auch vor Jahren dazu über, dass Schulklassen sich schriftlich anmelden müssen und der Filmtitel explizit genannt werden muss. Nur zur Sicherheit. Schlimm ist, dass viele Kinogänger sich in Kinos nicht zu benehmen wissen und meinen sie können alles dreckig machen. Warum das so ist, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Vor kurzem ging einer unserer Mitarbeiter nach dem Film in den Kinosaal um ihn zu reinigen und dort war eine Mutter mit ihrem Kind. Das Kind wollte noch die Krümel und den Müll welches es verursacht hat, aufsammeln wurde aber von der Mutter gestoppt mit dem Hinweis, dass mein Kollege dafür da sei. Ja dann gute Nacht!
biber555 29.11.2017
4. tja
...da können sich 3 erwachsene Lehrer nicht auf eine Regelung einigen, dabei hätte man meinen sollen wenn man Argumenten aufgeschlossen ist dass das nicht schwer sein sollte. Welche Diskussions und Kompromiss Kultur können solche Lehrer an die Jugend weitergeben?
opeongo 29.11.2017
5. Rettet den Genitiv!
"Doch statt unserem französischen Film ..." Autsch ... und ich bin kein Lehrer.
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