Lehrergeständnisse Ist Facebook eine Sekte?

Wer mit Schülern oder Eltern zu tun hat, kommt an Facebook eigentlich nicht vorbei. Lehrer Arne Ulbricht schon - obwohl ihn mancher deswegen für sozial tot hält.

Facebook-Nutzerin
DPA

Facebook-Nutzerin


Zur Person
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht, 44, unterrichtet an einem Berufskolleg in NRW. Er ist zudem Autor verschiedener Bücher. In seinem Roman "Nicht von dieser Welt" geht es um einen Lehrer, der analog lebt und an der Gesellschaft scheitert.
  • www.arneulbricht.de

Allein in Deutschland sind 28 Millionen Menschen auf Facebook. Darunter gefühlte 99,9 Prozent aller Schüler, die älter als 15 Jahre sind. Das ist schon allein deshalb verrückt, weil ihnen oft nicht schmeckt, was sie dort zum Fraß vorgeworfen bekommen. Neulich diskutierte ich mit einem Kurs über das Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Dabei staunte ich, wie ekelhaft manche Schüler die flüchtlingsfeindlichen Hetztiraden und hochgeladenen Handy-Mitschnitte fanden, die auf Facebook schon kursierten, als die Polizei noch nicht mal wusste, ob es sich überhaupt um ein Attentat handelte.

In einem anderen Kurs erzählte ich den Schülern von einem Video, das zeigte, wie ein 15-jähriges Mädchen in Österreich krankenhausreif geprügelt wurde. Es war millionenfach angeklickt worden. Facebook wies zunächst darauf hin, dass der Film "nicht gegen Gemeinschaftsstandards" verstoße. Erst nach massiven Protesten wurde er gelöscht. Ich sprach das Thema im Unterricht an, weil mich die Meinung der Schüler interessierte. Und niemand, wirklich niemand hatte Verständnis für Facebooks anfängliche Haltung. Ein Schüler schüttelte verächtlich den Kopf und sagte, dass "jede Brustwarze" sofort entfernt werde, aber Gewaltvideos auf Facebook ständig zu sehen seien.

Ich selbst liebe diese Diskussionen und frage immer wieder nach, weil ich dazulerne: Schüler sind für mich Experten auf diesem Gebiet und die charmantesten Nachhilfelehrer, die man sich vorstellen kann. Und da ich eh nicht zu ihrem Freundeskreis gehöre, finden Sie es nicht weiter "schlimm", dass ich selbst nicht auf Facebook bin.

Die Bedeutung von Facebook wurde mir vor Jahren erstmals bewusst, als Schüler auf einmal Sätze mit "Auf Facebook stand, dass ...…" begannen. Und sie glaubten alles, was "auf Facebook stand".

Eine ganz besondere Form der Freiheit

Und die Lehrer? Gefühlte 99,9 Prozent der unter 40-Jährigen sind ebenfalls auf Facebook. Mich verblüfft immer wieder, wie genervt dabei mancher von dem Netzwerk ist. Erst vor Kurzem hat ein Kollege über "den ganzen Mist" geklagt, den er lesen und beantworten müsse.

Eine Sache ist und bleibt mir bei aller Liebe zu meinen Schülern und meinen Kollegen ein Rätsel: Warum meldet sich trotz Hetze, Gewaltvideos, Fake News und Zeitraubs eigentlich kaum jemand von Facebook ab? Ist es inzwischen so eine Art Konsens, dass man ohne Facebook sozial tot ist? Und wenn das der Grund sein sollte: Ist Facebook dann nicht längst mehr eine Art Sekte als ein "soziales Netzwerk"?

Als ich neulich einem Bekannten erzählte, dass ich selbst nicht auf Facebook sei, wunderte er sich. Ob ich denn Freunde habe, wollte er wissen. Und ob man es mir glaubt oder nicht: Ja, die habe ich! Ich kommuniziere und verabrede mich sogar mit ihnen. Und ich gehe ins Kino, ins Theater und in Konzerte. Und dass ich mich nie über irgendwelchen geposteten Blödsinn aufrege oder zwanghaft darauf reagiere, empfinde ich als eine ganz besondere Form der Freiheit.

Und jetzt kommen Sie
  • Getty Images

    Sie sind Lehrer oder Lehrerin und möchten auch etwas gestehen, erzählen, loswerden? Dann schicken Sie uns gern Ihre kurze Geschichte (mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden) an: Lehrer@spiegel.de

insgesamt 73 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
stern1961 11.01.2017
1. So einen Lehrer
Wünsche ich meinem Kind! Wie wunderbar die Gedanke: "die Schüler sind Experte... und sharmantesten Nachhilfelehrer..." und nicht die schäbige Gedanke - Störer und Nichtwissende. Vielleicht könnte man vielen Lehrer(einen) mit einem Kurs beibringen - wie respektiere ich meine Schüler, dass ich das Respekt zurückbekomme! Danke für ihre Worte, Herr Ulbricht!
g_bec 11.01.2017
2. 28 Mio Nutzer.
Soso. 28 Mio von 81 sind also die Mehrheit. Und unter diesen 28 Mio sind sicherlich noch ein Haufen Firmenauftritte und Scheinaccounts. Aber gefühlt sind 99,9% der Schüler dabei. So'n Quatsch. Im persönlichen Umfeld sind von 20 Kollegen vielleicht 2 bei fb. Und eher werden DIE komisch angeguckt;-) Hätte er WhatsApp geschrieben, könnte man es verstehen. Aber so riecht es doch danach, dass hier jemand mit seiner Digitalabstinenz (auf dieser Plattform!) kokettiert. Um sein Buch anzupreisen?
Phil2302 11.01.2017
3. Bin als Lehrer auch als Facebook
Dabei gibt es natürlich keine Freundschaften mit Schülern. Ich poste selten mal ein Foto aus dem Urlaub und kommentiere abseits von Fotos von Freunden auch gar nichts. Heutzutage grenzt es ja auch an gesellschaftlichem Selbstmord, wenn man seine eigene politische Meinung zu gewissen Dingen online unter echtem Namen postet. Der eigentliche Grund, warum ich da bin: Ich werde über Feiern informiert. Silvesterfeiern, Karneval, Geburtstagen, was auch immer: Man wird zu Gruppen eingeladen und hat daher eine Ahnung, was wo los ist. Das geschieht zwar auch häufig über WhatsApp, aber eben - speziell bei größeren Veranstaltungen - nicht nur. Davon ab habe ich nicht das Gefühl, dass Facebook bei Schülern noch sehr beliebt ist. Snapchat und Instagram sind da viel wichtiger. Und zum Punkt, dass Schüler alles auf Facebook glauben: Naja, die meisten in dem Alter glauben schlicht ALLES, was im Internet steht.
Luke1973 11.01.2017
4. Facebook
Mir kommt es auch ein bißchen seltsam vor. Denn Kind Nummer 1 und Klassenkameraden sind zu 99 Prozent NICHT bei FB. Für sie ist das "was für Erwachsene" und eher uncool / out. Die Erwachsenen sind nämlich tatsächlich, in MEINEM Umfeld, zu 99 Prozent bei FB.
sikasuu 11.01.2017
5. Ohne FB sozial TOT? Das real life ganz vergessen?
Bei der Unmenge von zur Verfügung stehenden Kommunikationskanälen ist es mMn. gut möglich auf FB zu verzichten. Wer mit mir was zu tun haben will erreicht mich. Das klappt komischerweise öfter als mir lieb ist & ich bin wirklich kein Eremit. . Meine Telefonnummern, Adressen usw. kennen genügend Leute, die melden sich wenn es notwendig ist, sie das möchten, umgekehrt dito. . Ohne FB lässt sich mMn. sehr gut leben. Habe mehrfach "fake Accounts" angelegt, aber nach einigen Tagen kam immer der Moment "Er wendete sich mit Grauen"! . Gegen FB sind/waren Usnet, Foren usw. ja fast hoch intellektuelle Gesprächskreise. . Gut der Mann, kann ich verstehen. @stern1961: In einer Lern-/Lehrsituation profitieren IMMER beide Seiten. Beide lernen voneinander, von der Kita bis zum Doc- Kolloquium, die meisten reden nur nicht darüber, weil "falsches Verständnis der Rolle!"
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.