Lehrerlyrik Von Hausaufgaben-Kaspern und fetten Schulrektoren

Das Pädagogendasein ist manchmal nur mit Rumpelversen und makabrem Humor zu ertragen. Ein ehemaliger Lehrer und Schulrektor hat deshalb den "Bildungs-Struwwelpeter" geschrieben - mit lästigen und lustigen Geschichten aus dem Schulalltag.

Druckwerkstatt Kollektiv Verlag

Von


Das Titelbild ist so gelb wie beim Original, doch statt des ungezogenen Jungen mit wilden Haaren und langen Fingernägeln prangt da ein exhibitionistischer Pauker mit scheinbar entblößtem Genital - der "Bildungs-Struwwelpeter" sieht schon auf dem Umschlag nach Provokation aus. Ganz so drastisch geht es drinnen zwar nicht weiter, aber was sich Autor Michael Hüttenberger da von der Seele geschrieben hat, zeigt schon deutlich, wie es um das deutsche Schulwesen bestellt ist: Dringend verbesserungsbedürftig, lautet Hüttenbergers Diagnose.

Der Mann muss es wissen. 25 Jahre lang hat er in Darmstadt als Lehrer gearbeitet, 18 davon als Schulleiter in einem sozialen Brennpunktstadtteil. "Irgendwann habe ich mir dann überlegt, ob ich das noch 15 Jahre weiter machen will oder ob nicht vielmehr mein Leben umgebaut werden müsste", sagt Hüttenberger. Er entschied sich für den Neustart - und schreibt seither in einer alten Schmiede in Ostfriesland Spottverse auf das deutsche Schulsystem. Wilhelm Buschs Max und Moritz waren schon dran, Schillers Glocke wurde zum "Lied von der Gesamtschule". Und aus Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter machte der 55-Jährige ebenfalls eine bittere Bildungsvariante. Hüttenberger arbeitet mit der Illustratorin Ingrid Freihold zusammen, ihre Zeichnungen lehnen sich wie seine Texte an die Vorlage an.

Schnipp und schnapp, Finger ab

Da gibt es Verse vom bösen Gymnasium und vom Hausaufgaben-Kasper, von herzkranken, fetten Schuldirektoren und bösen Ministern, alles ganz im Struwwelpeter-Stil. "Das sind aber nicht alles meine eigenen Erlebnisse", betont Hüttenberger: "Einen Herzinfarkt hatte ich nicht, und mir schnitt auch keine Ministerin den Stinkefinger, klipp und klapp, mit der Schere einfach ab" - so, wie es im Buch dem bonbonlutschenden Rektor ergeht. Den Schulalltag, das zeigen die Rückmeldungen von Kollegen, hat Hüttenberger trotzdem gut getroffen: "Spielerisch meine Kritik an den Zuständen zu äußern, das macht einfach Spaß und trifft offenbar den Humor vieler Lehrer."

Die Unzufriedenheit mit dem Schulalltag und den Zuständen in den Klassenzimmern, sagt der frühere Pädagoge, reiche noch für weitere Bücher - er weiß aber noch nicht, welchen Autor er als nächstes parodieren will. "Eine Bekannte hat mir vorgeschlagen, den 'Herrn der Ringe' zu nehmen, und den Prolog habe ich auch schon mal geschrieben - aber das ist kein ernsthaftes Projekt", winkt er ab. Ringelnatz wäre noch ein Kandidat, vielleicht auch Karl May mit seinem Winnetou, "aber so weit bin ich noch nicht". Erst einmal bleibt es beim Struwwelpeter und Figuren wie dem Zappel-Philipp:

Ob der Philipp heute still
bleiben und nicht stören will?
Also spricht mit ernstem Ton
der Herr Lehrer, lauter schon.
Und die Klasse guckt sich stumm
und gespannt nach Philipp um.

Klar, wie die Geschichte endet: Mit Ritalin wird der Zappel-Philipp ruhig gestellt - Geschichten aus dem deutschen Schulalltag eben.


Mehr zu Michael Hüttenberger und seinen Büchern erfahren Sie auf seiner Homepage.



insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Tastenhengst, 11.02.2011
1. Schulzwang, die Wurzel des Übels
Süß, daß so viele am deutschen Schulsystem was auszusetzen haben, aber so wenige etwas an der Ursache ändern wollen, nämlich dem Schulzwang und damit dem erzwungenen faktischen Staatsmonopol auf dem Bildunssektor.
kalumeth 11.02.2011
2. Lieber ein
Zitat von TastenhengstSüß, daß so viele am deutschen Schulsystem was auszusetzen haben, aber so wenige etwas an der Ursache ändern wollen, nämlich dem Schulzwang und damit dem erzwungenen faktischen Staatsmonopol auf dem Bildunssektor.
demokratisch verankertes Schulmonopol als ein scheinfreier Sektenzwang.
atomkraftwerk, 11.02.2011
3. .
Zitat von TastenhengstSüß, daß so viele am deutschen Schulsystem was auszusetzen haben, aber so wenige etwas an der Ursache ändern wollen, nämlich dem Schulzwang und damit dem erzwungenen faktischen Staatsmonopol auf dem Bildunssektor.
Schulzwang ist ganz richtig, von alleine wird nichts. Es muss nur mal ordentlich durchgegriffen werden. Preußische Zucht und Ordnung ist das was in D fehlt, auch an den Schulen. Zu meiner Zeit waren Lehrer geachtet und schülerisches Fehlverhalten wurde beim Appell offenkundig gemacht - das war eine drakonische Strafe weil es zu tiefst peinlich war vor versammelter Schülermannschaft und Lehrkörper abgemahnt zu werden. Und de facto standen die Eltern auf der Seite der Lehrer wenn das Kind Mist gebaut hat. Heute ist das anders, je dümmer und peinlicher man sich gibt desto cooler und angesagter ist man. Und das Kind wird immer von den Eltern unterstützt auch wenn es nachweislich völlige Sch... baut. Das liegt aber nicht an der Schule sondern an den Eltern die ihre Kinder völlig verziehen anstatt zu erziehen, aber bei dem sinkenden Intelligenzniveau der Eltern ist das ja auch nicht anders zu erwarten. Diese Fehlentwicklung kann dann von der Schule auch nicht mehr ausgeglichen werden.
gsm900, 11.02.2011
4. Karl May Parodien
Zitat von sysopDas Pädagogendasein ist manchmal nur mit Rumpelversen und makabrem Humor zu ertragen. Ein ehemaliger Lehrer und Schulrektor hat deshalb den "Bildungs-Struwwelpeter" geschrieben - mit lästigen und lustigen Geschichten aus dem Schulalltag. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,744071,00.html
Titelvorschläge (Copyright?) Durch die Servicewüste Durchs wilde Multikultistan (kennt der Autotr ja) Von Begdad nach Dietzenbach In den Schluchten des Starkenburgrings/Speassartviertels
_export_ 11.02.2011
5. .
der käse ist ein artikel wert? Und ja, preußische Zucht brauchts, hat ja nur das beste bewirkt in der menschheitsgeschichte... mal so richtig angepasste und gebrochene persönlichkeiten produzieren, so kann deutschland seine intellektuellen ressourcen voll ausschöpfen. schwachsinn.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.