Warnung vor Lehrermangel "Eine ganze Schülergeneration nimmt Schaden"

Zum Schuljahresanfang rufen Verbände und Gewerkschaften den "Bildungsnotstand" aus - sie beklagen fehlende Lehrer und Unterrichtsausfall. Zu Recht?

Ankündigung auf einer Schultafel
Caroline Seidel/dpa

Ankündigung auf einer Schultafel


Es sind die vermeintlich kleinen Meldungen, die zeigen, wie dramatisch die Lage ist: Wenn etwa aus Berlin bekannt wird, dass von den aktuell 2700 neu eingestellten Lehrern nicht einmal 40 Prozent ein Lehramtsstudium abgeschlossen haben. Die anderen Pädagogen sind Quereinsteiger, fachfremde Hochschulabsolventen und sogar Masterstudenten, die mit Zeitverträgen angeheuert wurden, um die Lücken in den Kollegien zu füllen.

"Einen derart dramatischen Lehrermangel hatten wir in Deutschland seit drei Jahrzehnten nicht mehr", sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, der "Passauer Neuen Presse": "Alles in allem fehlen fast 40.000 Lehrer."

Die Zahl setzt sich laut Meidinger wie folgt zusammen:

  • aus den derzeit rund 10.000 unbesetzten Lehrerstellen
  • sowie den 30.000 Stellen, "die notdürftig mit Nichtlehrern, Seiteneinsteigern, Pensionisten und Studenten besetzt werden" - so wie in Berlin.

Doch die Kultusministerkonferenz betont, dass mit belastbaren Angaben zu unbesetzten Lehrerstellen zum Schuljahresanfang erst Mitte Oktober zu rechnen sei. Bis dahin handele es sich allenfalls um Schätzungen.

Die allerdings fallen so hoch aus, dass Gewerkschaften und Elternverbände schon jetzt alarmiert sind. Insbesondere an Grundschulen gebe es eine "dramatische Lage", hier fehlten Lehrer "an allen Ecken und Enden", sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hatte im Frühjahr ebenfalls auf den großen Bedarf vor allem an Grundschulpädagogen hingewiesen. Demnach fehlen in den kommenden Jahren bis zu 35.000 Grundschullehrer. Erst ab 2025 werde sich die Situation etwas entspannen.

Auch Heinz-Peter Meidinger betont, dass die Situation an Grund- und Förderschulen besonders kritisch sei. Da sei in fast allen Bundesländern die Entwicklung verschlafen und seit Jahren nicht auf den Geburtenanstieg reagiert worden. In Ländern wie Berlin oder Sachsen müsse deshalb von einem "Bildungsnotstand" gesprochen werden. Meidinger befürchtet, dass jetzt im Grundschulbereich "in manchen Bundesländern eine ganze Schülergeneration Schaden nimmt".

Das würden die Kultusminister natürlich niemals so hart formulieren - doch ihre Aktivitäten zeigen, dass sie ebenfalls besorgt sind. So stellte Nordrhein-Westfalen im Frühjahr die Werbe- und Imagekampagne "Ein Job mit Pultstatus" vor, weil nach den aktuellen Bedarfsberechnungen bis 2025 landesweit eine fünfstellige Zahl von Lehrkräften in Grund- und Förderschulen sowie in der Sekundarstufe I fehlt. Einen Überhang gibt es dagegen bei Gymnasiallehrern.

Lehrermangel in der Primarstufe bis 2030
Bertelsmann Stiftung

Lehrermangel in der Primarstufe bis 2030

Andere Bundesländer setzen vor allem aufs Geld: Mit höheren Gehältern für Grundschulpädagogen soll der Beruf attraktiver werden, das Einstiegsgehalt soll etwa in Schleswig-Holstein, Berlin oder Brandenburg auf das Niveau von Lehrern an weiterführenden Schulen steigen. Manche Länder packen als Lockmittel für potenzielle Lehrkräfte noch eine Verbeamtung mit oben drauf.

Sachsen geht sogar noch weiter. Dort werden Referendare ab 2019 zu den bestbezahlten Berufseinsteigern in der Republik gehören: Sie können mit maximal 2500 Euro brutto im Monat rechnen, weil das Land die angehenden Lehrer mit einer Gehaltszulage von 1000 Euro dazu bewegen will, an Schulen im ländlichen Raum zu unterrichten.

Gewerkschafter Heinz-Peter Meidinger hält solche Maßnahmen in vielen Fällen für Aktionismus. Es werde "mit Gewalt" versucht, die Lücken in der Lehrerstatistik zu füllen, so der Präsident des Lehrerverbands. Das diene aber mehr der Statistik als den Kindern.

him/AFP

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Objectives 20.08.2018
1. Lücke entsteht nicht von heute auf morgen
Die Länder befinden sich bildungspolitisch schon seit Jahren im Dornröschenschlaf. Da haben sich die Verantwortlichen wohl zu sehr auf die demographische Entwicklung verlassen, und Personalkosten eingespart. Jetzt wird an allen Ecken und Enden notdürftig geflickt. Ich kann es aber auch niemandem versenken, der nicht Lehrer werden will. Die Zahl der Brennpunktschulen ist in den vergangenen Jahren exploditiert, da helfen auch keine Risikozuschläge mehr. Lehrer werden offenkundig nur noch die, die keine bessere Alternative haben. Das sagt alles über den Zustand Deutschlands und seiner Bildungspolitik aus. Was uns droht, ist eine von Bildungsarmut gezeichnete Generation.
Bearhawk 20.08.2018
2. Seit Jahrzehnten wird in Deutschland herumexperimentiert!
Mikaetzchen, Kurzschuljahre, Oberstufenreform usw. Jedes Bundesland versucht sich da einmal zu profilieren. Deutschland braucht ein einheitliches Bildungssystem. Der Foederalismus, in anderen Belangen durhaus zu begruessen, ist hier eher kontraproduktiv. Die Geburtsraten sind doch ein eindeutiger Indikator fuer die Anzahl der Lehrer die ich in sechs Jahren benoetige. Jedes Unternehmen waere heute froh, so eine Vorlauf fuer Planungen zu haben.
dwg 20.08.2018
3.
Die physische Existenz eines zukünftigen Schülers ist nach grober Schätzung sechs Jahre vor der Einschulung bekannt. Die Regelstudienzeit für Lehramt liegt deutlich darunter. Man hat also in Kenntnis der Geburten alle nötige Zeit, um Lehrer in passender Zahl auszubilden. Für höhere Grundschulklassen und weiterführende Schulen ist die "Vorwarnzeit" entsprechend länger. Wozu haben wir all die Statistikämter und Kultusministerien, wenn diese erkennbar nötige und grundsätzlich erfüllbare Leistung nicht erbracht wird?
brut67 20.08.2018
4. Das ist ein spezielles GroKo-Problem
alle vier Jahre nach den Landtags-und Bundestagswahlen wird eine neue Sau durchs Dorf gejagt. Alle Fachleute aus den Parteien ( kleiner Witz ) dürfen dann als Kultusminister genannte Laien ihr Pädagogisches Geseire vom Stapel lassen . . . und schwupps gibt es neue Schulbücher, neue Lehrpläne, aber nur nicht ausreichend Lehrpersonal. Denn dieses "belastet" den Etat, der von der Kanzlerin und ihren Landtagsfürsten versprochen wurde, aber nie wirklich ausreichend erstellt wurde. Halt, die Sozen kommen hier zu gut weg . . . aber die CDU/ CSU reichen aber völlig. Wozu gibt es denn Studien, wenn sich niemand an sie erinnern möchte ? Und nun mit "SKALP-Prämien" untereinander das Lehrpersonal abwerben, ist typisch für dieses Land. Oder "Wera nderen in der Furch pickt, hat selber keine Würmer!" So begegnet man hier ja auch dem Pflegenotstand . . . Jahrzehnte nutzlos verstreichen lassen und sich nun über Notstände aufregen.
vliege 20.08.2018
5. verlorene Generation 2.0
Die katastrophale Bildungsmisere ist seit mindestens 20 Jahren bekannt und wurde immer schlimmer. Das Bildungsniveau für eine Industrienation und Exportfetischisten ist erschreckend. Statt in die eigene Bildung zu investieren werden Fachkräfte von ausserhalb abgeworben. Diese fehlen dann dem einheimischen Markt. Ich erkläre es mir scherzhaft mittlerweile damit, das die Bevölkerung mit voller Absicht verdummt werden soll. Dumme Menschen lassen sich einfacher Kontrollieren, hieß es mal in einem Film. Der Lehrermangel ist das Ergebniss jahrelangem kaputt sparens an der falschen Stelle. Ganz marktkonform können die mittlerweile vielen Privatschulen das für diejenigen auffangen die es sich leisten können. Der Rest hat eben Pech gehabt und wird mituntet von Quereinsteiger unterrichtet.
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