Lehrermangel in Niedersachsen Problem-Ministerin vergrätzt Referendare

Niedersachsens Ministerpräsident Wulff hat ein Problem: Dem Land fehlen mindestens 1500 Lehrer. Und Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann steht massiv in der Kritik. Jetzt will sie Referendare schneller zum Examen treiben, früher einsetzen - und schlechter bezahlen.

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Siegfried Jäger* ist stinksauer. "Das ist eine bodenlose Unverschämtheit", schimpft der Referendar aus Göttingen. "Auf unsere Kosten will die Ministerin ihre Probleme lösen." Die Verursacherin seines Ärgers heißt Elisabeth Heister-Neumann und ist Kultusministerin von Niedersachsen. Sie sucht händeringend Lehrer, denn es fehlen mindestens 1500 Vollzeitstellen, allein in ihrem Bundesland.

Wenn es an Lehrern mangelt, gibt es stets einfallsreiche Vorschläge aus der Politik. Gerade hat Bundesbildungsministerin Schavan vorgeschlagen, Unternehmen sollten ihre "Top-Mitarbeiter" in die Schulen schicken, Honorare dafür waren nicht geplant. Für das Land Niedersachsen hat sich Heister-Neumann etwas ähnlich Kreatives ausgedacht, nur ohne Beteiligung der Wirtschaft.

Elisabeth Heister-Neumann, Christian Wulff: Scheinbar kreative Lösung
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Elisabeth Heister-Neumann, Christian Wulff: Scheinbar kreative Lösung

Wie allen niedersächsischen Referendaren an Gymnasien wurde auch Siegfried Jäger mitgeteilt, dass seine Prüfungszeit um zwei Monate verkürzt werden soll. In einem Erlass des Kultusministeriums, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es: "Wegen des zu erwartenden Unterrichtsbedarfs zum Schuljahresbeginn 2009/2010 ist dafür Sorge zu tragen, dass möglichst viele Referendare (...) ihre Zweite Staatsprüfung frühzeitig ablegen." Nach Bestehen könnten die Absolventen dann "zusätzlichen Unterricht im Rahmen einer Nebentätigkeit erteilen".

Für Jäger, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, bedeutet das: Statt im Oktober soll er schon bis August fertig werden - und sofort helfen, den akuten Lehrerbedarf des Landes zu stillen. Das klingt zunächst mal nach ordentlich Stress, aber es klingt auch nach der Aussicht auf eine schnelle Anstellung.

Voll eingesetzt, schlechter bezahlt

Doch im Erlass vom 12. Februar heißt es weiter: "Aus laufbahnrechtlichen Gründen" ende die Referendarzeit weiterhin erst am 31. Oktober. Der Status als Referendar und die Bezüge blieben demnach "unberührt". Sie würden als vollwertige Lehrer eingesetzt, blieben aber schlecht bezahlte Aushilfskräfte. Der angehende Gymnasiallehrer Jäger nennt das "schlicht dreist".

Der Streit droht ein größeres Problem für die schwarz-gelbe Landesregierung zu werden. Seit ihrem Amtsantritt vor einem Jahr steht die CDU-Ministerin Heister-Neumann massiv in der Kritik, nun wird sie zu einer Belastung für Ministerpräsident Christian Wulff. Am Wochenende forderte die SPD den Rücktritt der Ministerin. Sie habe die "Unterrichtsversorgung verschleiert" und stehe nun "vor einem Scherbenhaufen", sagte Fraktionschef Wolfgang Jüttner.

Für Wulff ist die Personalie allerdings recht kompliziert. Immerhin vollzog der Ministerpräsident nach der Wahl 2008 eine Rochade im Kabinett und tauschte die damalige Justizministerin Heister-Neumann mit ihrem Amtsvorgänger Bernd Busemann. Wulff kann sich einen erneuten Wechsel im wichtigen Kultusministerium daher kaum erlauben.

"Der Ministerpräsident trägt die Verantwortung für diese Personalauswahl", sagt Frauke Heiligenstadt, bildungspolitische Sprecherin der SPD. Ministerin Heister-Neumann sei in den vergangenen zwölf Monaten "in jedes denkbare Fettnäpfchen getreten". Die Unterversorgung im kommenden Schuljahr solle "auf dem Rücken der Referendare ausgesessen werden, die sich nicht wehren können", kritisiert Heiligenstadt.

"Von Freiwilligkeit zu sprechen, ist reiner Hohn"

Denn obwohl der Erlass "das Einverständnis des Prüflings" voraussetzt, weil der "Prüfungsablauf zeitlich verdichtet" werde, fühlt Jäger sich unter Druck gesetzt. Dass sein künftiger Schulleiter Verständnis aufbringe, wenn er sich dieser Regelung verweigere, glaubt er kaum. "Da von Freiwilligkeit zu sprechen, ist reiner Hohn", schimpft der Göttinger.

Guillermo Spreckels vom niedersächsischen Philologenverband sieht die Maßnahme "eingebettet in die aktuelle Notsituation". Angesichts der fehlenden Lehrer müsse die Politik Phantasie aufbringen. "Das Problem ist allerdings seit 1998 bekannt", sagt Spreckels. Die Politik habe die drohende Unterversorgung schlicht verschlafen. Sein Verband appelliere nun an die Politik, "von unüberlegten Zwangsmaßnahmen gegen die Lehrkräfte abzusehen". Den Referendaren rät Spreckels, sich zu organisieren und ihre Ausbilder um Hilfe zu bitten.

Das sei allerdings kaum möglich, klagt Jäger. "In der Endphase des Referendariats ist sich jeder selbst der Nächste und die Seminarleiter können sich gar nicht für uns einsetzen, wenn sie nicht Ärger mit der Landesregierung bekommen wollen."

Wulff sagte am Montag, in drei Jahren werde es wieder einen Überschuss an Lehrern in Niedersachsen geben. Das hängt allerdings lediglich mit den sinkenden Schülerzahlen zusammen. Während Haupt- und Realschulen teilweise Probleme haben, ihre Klassen vollzubekommen, droht an den Gymnasien die Unterversorgung. Fast 38.000 Überstunden haben die niedersächsischen Lehrer bereits angesammelt. Kurz nach Amtsantritt kündigte Heister-Neumann an, die Beamten ihre Überstunden nicht abbauen zu lassen. Dagegen demonstrierten im Sommer 2008 11.000 Lehrer. Mit Erfolg: Die Kultusministerin musste ihre umstrittene Pläne zurückziehen, Überstunden können nun abgebummelt oder ausgezahlt werden.

Doch die Kritik an Heister-Neumann lässt nicht nach. Der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Eberhard Brandt, kritisiert: "An den Schulen greifen sich alle an den Kopf. So schlimm wie zurzeit war es noch nie im Kultusministerium."

* Name von der Redaktion geändert



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Hilfskraft 24.02.2009
1. Jetzt will sie Referendare schneller zum Examen
Zitat von sysopNiedersachsens Ministerpräsident Wulff hat ein Problem: Dem Land fehlen mindestens 1500 Lehrer. Und Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann steht massiv in der Kritik. Jetzt will sie Referendare schneller zum Examen treiben, früher einsetzen - und schlechter bezahlen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,609437,00.html
Ach ja! Seufz! Auch sollen angehende und amtierende Lehrer nicht über genügent IQ verfügen, um ihr Amt auszuüben. Hat schon mal jemand einen IQ-Test von Ministern verlangt? Doof, wie ein Stück Brett. Aber das Volk bezahlt sie doch. Da wundert einen nichts mehr.
VorwaertsImmer, 24.02.2009
2. Steuern rauf für Überkapazitäten?
...mittelfristig gesehen benötigt man also weniger Lehrer in Niedersachsen. Für die nächsten drei Jahre hat man zu wenig Lehrer. Aber kann man deshalb zu viele Leute einstellen - die verbeamtet werden und auf Lebenszeit beschäftigt sind? Sollen die Steuern erhöht werden um einen Überhang zu bezahlen? In der Industrie macht man eben Überstunden wenn Aufträge mit der momentanen Anzahl von Beschäftigten nicht abgearbeitet werden können. Man zahlt Überstunden aus wenn sie nicht abgefeiert werden können. Nur eine Berufsgruppe verlangt, das sich die Welt um sie dreht anstatt der Welt ein wenig entgegen zu kommen.
sorry ich bin bloß arzt 24.02.2009
3. Dummheit der Politik kennt keine Grenzen mehr
Wie dumm darf eigentlich eine Kultusministerin sein? Alle Welt redet von PISA, von Bildung sei die Zukunft unserer Kinder. Und was macht diese Frau? Sie versucht junge Lehrer zu vergraulen. Kein Wunder, wenn bei dieser Bildungspolitik niemand mehr Lehrer werden will. Aber Wullfs Ministerin befindet sich in bester Gesellschaft mit ihrer obersten Chefin, Frau Schavan. Die forderte Top-Manager und Ingenieure auf wegen des Lehrermangels mit Unterrichtsstunden auszuhelfen. Das ist so, als würde man den Ärztemangel dadurch beheben wollen, Gesundheitspolitiker in die Sprechstunde zu setzen. Bezahlt die Lehrer anständig und angemessen, dann setzt auch ein Run der Besten auf diesen Beruf ein. Wie wäre es, wenn Frau Schavan und Frau Heister-Neumann gleich morgen in der Schule anfangen? Aber nicht als Ersatzlehrer, sondern in der ersten Klasse als Schüler, am besten in Berlin-Neu-Kölln.
edna krabappel 24.02.2009
4. Lehrermangel bundesweit
Ich habe mein Erstes Staatsexamen vergangenen November abgeschlossen und mich in sechs Bundesländern für einen Referendariatsplatz mit dem Einstellungstermin 1.2.2009 beworben. Kurz zuvor gab es an meiner Uni (in Hessen) eine Informationsveranstaltung für werdende Referendare. Dort wurde uns prophezeit, dass wir ohne Sozialpunkte und/oder Mangelfächer eigentlich nicht damit rechnen müssten, einen Platz zu bekommen. Schon gar nicht am Wunscheinsatzort. Deshalb auch meine vielen Bewerbungen, aus lauter Angst, nicht unterzukommen. Absurd gestalten sich allerdings schon die Bewerbungsverfahren, die von Bundesland zu Bundesland viel zu unterschiedlich sind. Hessen, Niedersachsen und Baden Württemberg konnten auf mein Zeugnis warten, das eigentlich im September hätte eingereicht werden sollen, aber ja erst im Dezember ausgestellt wurde. Niedersachsen, Berlin und Bayern haben direkt abgeblockt: Das Zeugnis müsse um jeden Preis noch vor Dezember eingereicht werden. Dass die Bewerbungstermine nicht für alle Bundesländer gleich sind, ist schonmal ein kaum durchschaubares Problem. Dass dann absurde Fristen für das Nachreichen von Zeugnissen, Gesundheitszeugnissen, Führungszeugnissen eingehalten werden müssen, während man eigentlich noch in den letzten Prüfungen steckt, ist unerhört. Da wundere ich mich nicht, dass überall Lehrermangel herrscht. Wer nicht nach dem Prüfungssemester erst noch eine Weltreise machen, sondern gleich Geld verdienen will, hat dazu kaum Möglichkeiten, weil sich das Ende des Studiums selten mit dem Anfang des Referendariats vereinbaren lässt. Letztenendes habe ich Plätze in BaWü, Hessen und NRW bekommen. Überall hätte ich an meinem Wunscheinsatzort eingesetzt werden können. Ich habe mich jetzt für NRW entschieden, wo ich seit dem 1.2. glücklich mit zwei Fremdsprachen (in NRW keine Mangelfächer) vereidigt bin. Worüber ich mich hier jetzt allerdings wundere: Die meisten meiner Mitreferndare haben keine fundierte fachdidaktische Ausbildung von den Unis in NRW mitgebracht. Es ist offensichtlich normal, in neun Semestern nur ein oder zwei Didaktikveranstaltungen belegt zu haben und ein Schulpraktikum absolviert zu haben. Aus meinem eigenen Studium bin ich es anders gewohnt: drei Semesterbegleitende Praktika und sechs fachdidaktische Seminare sind Pflicht. Bei dieser schlechten Vorbereitung wundert es mich nicht, dass die NRW-Referendare reihenweise abbrechen bzw. gar nicht erst mit dem Referendariat anfangen: Wenn man im ganzen Studium nicht ein Mal mit der Schulrealität konfrontiert wird, fällt es schwer, sich aktiv für den Lehrerberuf zu entscheiden. Ich sehe hier auch ganz klar einen Grund für die schlechten Pisa-Ränge des Landes NRW. Schlecht ausgebildete Lehrer können Schüler nicht gut ausbilden. Die ganze Arbeit hängt so bei den Ausbildungsseminaren, von denen ich mir eher erhofft hatte, dass ich dort meine Ausbildung spezialisieren und mein Lehrerdasein für die Zukunft profilieren kann. Stattdessen lerne ich dort jetzt wieder, was Methodenvielfalt heißt, wie man Unterrichtsentwürfe schreibt und wie man Schüler diszipliniert. Schavans Idee ist diesbezüglich vielleicht gar nicht so komisch: Ingenieure sollen an die Schulen gehen und dort unterrichten. Einige NRW-Referendare haben sicher auch nicht unbedingt mehr fachdidaktisches Grundwissen als Ingenieure aus der freien Wirtschaft, oder?
Seifen 24.02.2009
5. Ingenieure in Wirtschaftsunternehmen "auf Halde"?
naja, jetzt bin ich als Ing in altersteilzeit, also Zeit und auch Lust sind ausreichend vorhanden. Leider hat mir der Gesetzgeber eine Nebentätigkeit verboten. Es zeigt sich hier mal wieder, daß die Politker durch ihre eigenen Gesetze zunehmend handlungsunfähig werden. Im übrigen kann ich mir nicht vorstellen, daß in einem Wirtschaftsunternehmen geeignete Ingenieure "auf Halde" sind.
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