Lehrermangel "Die Unterrichtsversorgung ist auf Kante genäht"

Vor dramatischen Unterrichtsausfällen warnen Experten zu Beginn des neuen Schuljahres. Doch ein Konzept, wie die Bundesländer gemeinsam gegensteuern könnten, fehlt bisher.

Leeres Klassenzimmer in Hoyerswerda (Sachsen)
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Leeres Klassenzimmer in Hoyerswerda (Sachsen)


Das Ende der Sommerferien in diesen Tagen in mehreren Bundesländern macht Heinz-Peter Meidinger nervös. Nicht weil er als Lehrer neue Klassen und Schüler bekommt, sondern weil Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, flächendeckenden Unterrichtsausfall durch einen dramatischen Lehrermangel befürchtet: "Ich rechne mit einer Verschärfung vor allem in den neuen Bundesländern und auch in den Stadtstaaten, insbesondere in Berlin."

Aber auch in anderen Bundesländern warnt Meidinger vor "massiven Versorgungsengpässen". Wenn es zu Krankheitsausfällen komme, sei dort unmittelbar der reguläre Unterricht gefährdet, denn "auch in Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ist die Unterrichtsversorgung auf Kante genäht".

Sogar Schüler beklagen Unterrichtsausfall

Wie viele Lehrer in Deutschland genau fehlen, weiß niemand. Belastbare Zahlen zum Schuljahresbeginn werde es erst im Herbst geben, heißt es bei der Kultusministerkonferenz (KMK) auf Anfrage. Klar sei nur, dass der Bedarf an Lehrkräften in den kommenden Jahren enorm sei. Nach der offiziellen KMK-Prognose wird die Zahl der Schüler bis 2030 bundesweit um 278.000 auf 11,2 Millionen steigen - über zwei Prozent mehr als 2016. Verantwortlich dafür sind gestiegene Geburtenzahlen und viele Zuwanderer, auch aus anderen EU-Ländern.

Dass jetzt wegen des Lehrermangels Stundenausfall droht, gefällt nicht einmal den Schülern. Sie befürchteten Nachteile für ihre Zukunft - zum Beispiel bei Bewerbungen. "Weniger Unterricht heißt weniger Stoffvermittlung. Und der Stoff, der nicht vermittelt wird, kann auch in späteren Jahren nicht aufgeholt werden", sagt Hannes Leiteritz, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. "Es entstehen Lücken, die später nicht wieder geschlossen werden können, weil immer neuer Stoff nachkommt", so der Abiturient aus Schleiz in Thüringen.

Lehrermangel an Schulen: Mit Ansage gegen die Wand

Die Bundesländer versuchen mittlerweile, auf ganz unterschiedlichen Wegen dem Lehrermangel entgegenzutreten:

  • Bayern will mit einem Ausbau des Studienangebots auf die steigenden Schülerzahlen reagieren: Ab Oktober soll es dort unter anderem 700 neue Studienplätze fürs Grundschullehramt geben.
  • Mehrere Bundesländer, darunter Nordrhein-Westfalen, versuchen, durch Imagekampagnen mehr Interessenten für ein Lehramtsstudium zu gewinnen. Geworben wird auch um Quereinsteiger ins Lehrerzimmer - was Experten wegen der fehlenden pädagogischen Qualifikation kritisch sehen.
  • Sachsen will mit einer Geldprämie versuchen, den Lehrermangel auf dem Land einzudämmen: Referendare sollen von Januar 2019 an bis zu 1000 Euro Zulage bekommen, wenn sie das Referendariat im ländlichen Raum absolvieren.
  • In Brandenburg können demnächst Lehrer nach der Pensionierung weiter arbeiten, bei einem besonderen dienstlichen Interesse - auch andere Bundesländer beschreiten diesen Weg.
  • In Thüringen hat das Bildungsministerium bei rund tausend noch in der DDR ausgebildeten Erzieherinnen, sogenannten Hortnerinnen, angefragt, ob sie bis zu sechs Stunden pro Woche an Grundschulen unterrichten wollen - zugesagt haben nach Medienberichten bisher nur rund 150.
  • In Berlin hat der Lehrermangel besonders dramatische Züge angenommen: Im Juni fehlten laut Bildungssenatorin Sandra Scheeres in der Hauptstadt noch 1250 Lehrer - so viele wie noch nie. "Unterrichten statt Kellnern" heißt ein Projekt, mit dem die Lücken gestopft werden sollen: Masterstudenten in Lehramtsfächern werden Halbjahres- oder Jahresverträge als Aushilfslehrer an Schulen angeboten.

Etliche Länder versuchen außerdem, insbesondere Grundschullehrer durch eine bessere Bezahlung oder Verbeamtungszusagen zu gewinnen - was wiederum bei anderen Bundesländern für deutliche Verstimmung sorgt, weil sie einen ruinösen Wettbewerb untereinander fürchten. "Am Ende kommt auch die Frage, ob die unterschiedliche Besoldung von Grundschul-, Regelschul- und Gymnasiallehrern aufgehoben wird", sagte am Donnerstag Helmut Holter, Bildungsminister in Thüringen und Präsident der KMK, der sich gegen Gehaltsunterschiede bei Lehrern aussprach.

Im Kampf gegen den Lehrermangel schlägt Holter vor, Lehrer nicht mehr strikt getrennt nach Schularten auszubilden. "Wenn wir erreichen wollen, dass wir den Unterricht an den Schulen absichern wollen, müssen wir die Durchlässigkeit zwischen den Schulen erhöhen", sagte der Linken-Politiker. Seiner Ansicht nach dürfe die Lehrerausbildung nicht mehr etwa nach Gymnasium, Grund- und Realschule erfolgen, sondern nach Altersstufen der zu unterrichtenden Kinder. Dadurch könnten Lehrer an verschiedenen Schularten zum Einsatz kommen.

Aus Sicht des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) ist der Lehrermangel zu einem großen Teil hausgemacht. "Wie kann es sein, dass man in solch eine enorme Lücke hineinschlittert?", sagt VBE-Chef Udo Beckmann. "Wenn die Politik nicht massiv nachsteuert und umsteuert, dann sehe ich auf absehbare Zeit keine Entspannung."

Der Lehrermangel verstärke den Arbeitsdruck und die Belastung der Kollegen, ergänzt Hans-Peter Meidinger vom Lehrerverband. "Im Endeffekt sind die Kinder die Leidtragenden, weil sie keinen guten und vollständigen Unterricht bekommen." Das frustriere auch die Lehrer, weil sie ihr Ziel, die Schüler bestmöglich zu fördern, nicht erfüllen könnten.

Video: Lehrermangel in Deutschland

SPIEGEL TV

him/dpa

insgesamt 138 Beiträge
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kritischer321 09.08.2018
1. Schwer zu glauben.
Solange die Juristen des bayerischen Kultusministeriums Lehrer die angestellt, gesund und arbeitsfähig sind, über viele Jahre daran hindert ihrer Arbeit nach zugehen, ist es schwer zu glauben dass die Ministerien den Lehrermangel tatsächlich bekämpfen möchten.
bencolonia 09.08.2018
2. Fehler im System Bildung
"Freu mich, dass Ihr heute so zahlreich erschienen seit, aber 80% von Ihnen werde ich nicht wiedersehen." Professor in der ersten Vorlesung. Solange solche Methoden des "Aussiebens" noch existieren, bleiben auch die Probleme bestehen. Viel Spaß auf der Suche nach Personal.
Der BIicker 09.08.2018
3. Alles in Deutschland ...
... ist "auf Kante genäht" - außer der Selbstversorgung der politischen Kaste mit guten, hochdotierten und oft unnötigen Pöstchen für verdiente Parteigenossen. Hier hat das Saarland, sonst häufig Schlusslicht, sicherlich einen der vorderen Plätze unter allen Bundesländern!
Bell412 09.08.2018
4. Bundesländer? Gemeinsam??
Die misgönnen sich doch das Schwarze unterm Fingernagel. Und jagen sich gegenseitig die Lehrer ab. Ok, in einem Punkt sind sie sich einig: Alle gegen den Bund (ausser dessen Geld).
schlago 09.08.2018
5. Lieber kein Lehrer
Bei den ganzen Helikopter- und Drohneneltern sagt sich jeder junge Mensch: „ich bin doch nicht bescheuert, werde Lehrer und muss mich danach von pöbelnden Eltern runterputzen und beleidigen lassen. Da geh ich lieber in die Wirtschaft.
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