Kommentar zum Lehrerstreik Schafft die Schulbeamten ab

Weniger Geld, weniger Sicherheit: Im Vergleich zu ihren verbeamteten Kollegen sind angestellte Lehrer vielerorts schlechtergestellt. Ihr Streik ist daher sinnvoll. Noch sinnvoller wäre es, das Beamtentum für Lehrer flächendeckend abzuschaffen.

Lehrer in NRW: Der süße Reiz des Beamtentums
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Lehrer in NRW: Der süße Reiz des Beamtentums

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Herr Stein war mir einer der Liebsten. Er unterrichtete Erdkunde an einem bayerischen Gymnasium und sagte über sein Lehrerdasein, er habe den schönsten Job der Welt: immer junge Leute um sich, viele Ferien, wenig Abzüge von seinem Bruttolohn und im Krankenhaus auch noch Vorzugsbehandlung.

"Wer würde da nicht Lehrer werden wollen?", fragte er dann. Eine ironische Frage, die auf jene seiner Kollegen zielte, denen es bei ihrer Berufswahl vor allem um den größten Vorteil des Schulbeamtentums gegangen war: Sicherheit bis ans Lebensende.

Herr Stein liebte seinen Beruf und nahm ihn sehr ernst. Er ging auf die Schüler ein, war fleißig, fordernd, gerecht und ehrlich. So ehrlich, dass er gelassen aussprach, was auch ein Problem der Lehrerverbeamtung ist: Beamte sind eine privilegierte Berufsgruppe. Wer es einmal ist, der wird es für den Rest seines Berufslebens bleiben.

Praktisch unkündbar zahlen verbeamtete Lehrer auf ihren Sold geringere Abgaben als Angestellte. Dieser Anreiz ist so stark, dass zu viele vor allem deshalb Lehrer werden wollen.

Der Staat lässt seine Diener bei der Ernennung schwören, stets loyal zu sein. Streiken dürfen Beamte nicht. Im Gegenzug bietet der Staat Fürsorge in Krankheit und Alter.

Nach der Wiedervereinigung entschieden sich die neuen Bundesländer zu einem mutigen Schritt: Lehrer sollten dort Angestellte sein, keine Staatsdiener. Sie erhalten Lohn und zahlen Abgaben für Rente, Gesundheit, Arbeitslosigkeit. Die Pisa-Studie belegt, dass die Qualität der Lehre darunter nicht leidet: Sachsen, wo alle Lehrer angestellt sind, hat wie Bayern, wo die meisten Lehrer noch Beamte sind, eines der leistungsfähigsten Schulsysteme des Landes. Beamte sind keine besseren Lehrer.

In westdeutschen Ländern, die es den Ost-Ländern nachmachten, entstand allerdings eine Zweiklassengesellschaft in den Lehrerzimmern. Junge Kollegen arbeiten als Angestellte, mitunter nur befristet. Manche werden sogar vor den großen Ferien entlassen und danach wieder eingestellt, weil das dem Land Kosten spart. Die meist verbeamteten älteren Kollegen sind deutlich bessergestellt.

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Streitfall Lehrerberuf

Sollten alle Lehrer als Angestellte beschäftigt werden?

Für die Bundesländer haben angestellte Lehrer vor allem langfristig einen großen Vorteil: Für ihre Altersbezüge kommt die Rentenkasse auf, und nicht wie bei Beamten oft und immer noch der Steuerzahler. Für die westlichen Bundesländer ist der, auch durch die Lehrer aufgeblähte Beamtenapparat ein massives Kostenproblem: In Bayern und Baden-Württemberg etwa wird sich die Zahl der pensionierten Staatsdiener in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten verdoppeln. Das Geld für diese Pensionäre belastet die Länderhaushalte und raubt viel politischen Spielraum.

Gerade Bayern baut den Beamtenstand bei seinen Lehrern am langsamsten ab. Das hat zur Folge, dass der Lehrerstreik der Bildungsgewerkschaft GEW für eine einheitliche Lehrer-Entgeltordnung das reiche Südland kaum treffen kann. Nordrhein-Westfalen dagegen führt bereits ein Sechstel, Niedersachsen ein Viertel seiner Lehrer nur noch als Angestellte auf der Gehaltsliste. Das Ergebnis in der öffentlichen Wahrnehmung könnte sein: Bundesländer, die einen modernen Weg gehen und das Beamtenwesen bei Lehrern eindämmen, werden als chaotisch gebrandmarkt, weil wegen der Warnstreiks Unterricht ausfällt.

Schulen sind aber keine Kinderverwahranstalten, die vor allem reibungslos funktionieren müssen. Wenn Angestellte für eine Lohnerhöhung eintreten, ist der Streik ein probates Mittel. Und gegenüber den Privilegien ihrer verbeamteten Kollegen haben die Schullehrer mit Angestelltenstatus immerhin das Streikrecht auf ihrer Seite.

Die GEW wird behutsam vorgehen müssen, denn ihr Hebel ist mächtig: Ab Dienstag, dem ersten Tag der Warnstreiks, werden die Eltern in Berlin, Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt zürnen, Schulen dürfe man nicht einfach zusperren. Die Schüler werden sich vermutlich über ein paar freie Stunden freuen und die Schulen müssen irgendwie Betreuung gewährleisten.

Trotzdem wäre es falsch, reflexhaft am Schulbeamtentum festzuhalten. Die finanzielle Bürde durch verbeamtete Lehrer und die Frage einer gerechten Bezahlung der angestellten Lehrer sind wichtiger. Denn gerade wenn nicht mehr das Berufsbeamtentum lockt, muss der Lehrerberuf attraktiv bleiben - auch beim Gehalt.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Christoph Titz studierte Journalistik, Politik, Soziologie und Geschichte in München, im dänischen Århus und in Utrecht in den Niederlanden. Bis Mai 2015 leitete er das SPIEGEL-ONLINE-Ressort UniSPIEGEL und SchulSPIEGEL, heute ist er Politik-Redakteur mit Berichtsschwerpunkt Afrika.

E-Mail: Christoph_Titz@spiegel.de

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insgesamt 474 Beiträge
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Seite 1
caone 02.03.2015
1. dann will ich aber mehr geld
ich hab 11 semester studiert (drei fächer) und danach noch 2 jahre weiter in ausbildung verpasst. wenn der beamtenstatus wegfällt, dann will ich aber angemessen für diese qualigikation bezahlt werden. und DAS kann sich der staat eher nicht leisten. zumindest nicht flächendeckend.
JPT223 02.03.2015
2. absolute Zustimmung
zu viele völlig unmotiviert Lehrer auf der einen sowie regelrecht ausgebeutete angestellte Lehrer auf der anderen Seite sprechen eine deutliche Sprache: aufräumen mit dem weiter so und konsequente Gleichstellung der Lehrer auf vernünftigem Niveau zwischen Ausbeutung und verbeamtung!
Banause_1971 02.03.2015
3. Davon rede ich seit Jahren.
Vor allen würden dadurch auch endlich jene Lehramtsanwärter abgeschreckt, die den Job nur wegen der Sicherheit wählen und somit völlig falsch am Platz sind, da derart unsichere Kandidaten später diejenigen sein werden, die wegen psychischer Probleme zuerst ausscheiden. Ausserdem könnte man so die Qualität an den Schulen verbessern. Aus meiner Schulzeit ist mir nur zu gut bekannt, wie sich einige Lehrer zurückgelehnt haben und nicht mehr bereit waren, neuen Stoff zu vermitteln. Sie hatten ja ausgesorgt. So können Schüler auch keinen neuen Stoff lernen. Mit Händen und Füßen haben sich sogar in meiner Studienzeit die Professoren für Informatik dagegen gewehrt, in den EDV-Raum zu gehen. Stattdessen wurde mir die Technik der Datensicherung beigebracht,... auf großen Magnetbändern die an Filmprojektoren der 80er Jahre erinnerten. Dabei sicherte ich privat bereits mit DAT und DLT.
doccy 02.03.2015
4. Die teuersten Lehrer der Welt
und dann wundern sich alle, dass die Klassen vollgestopft sind mit manchmal über 30 Schülern. Deswegen: Gehälter um 30 % runter, Mehr Lehrer einstellen, kleinere Klassen, weniger Wochenstunden, keine Beamten-Lehrer mehr. Das kann man im Ausland echt niemandem plausibel machen, was hierzulande möglich ist - Beamten-Lehrer, muss man sich mal vorstellen. Danke, es reicht uns.
monolithos 02.03.2015
5. Lehrer müssen Beamte bleiben
Was im Artikel beschrieben wird, sind zum Großteil Vorzüge und Nachteile (je nach Sichtweise) des Beamtentums generell, nicht speziell des Lehrerberufs. Der bringt dann lediglich noch die Ferien mit, deren zahlreiche "Urlaubstage" mit fehlender Flexibilität bei der Urlaubsgestaltung erkauft werden und zudem hohe Urlaubspreise mit sich bringen, weil man ja immer nur in der Hauptsaison Urlaub haben kann. Ansonsten bleibt anzumerken, dass wir den Lehrern das Wertvollste in die Hände geben, was wir haben: unsere Kinder. Wenn die Lehrer dann nicht beamtenrechtlich zu einem besonders hoheitlichen Staatsdienst verpflichtet werden, wer dann? Wer in diesem Land trägt real eine höhere Verantwortung für die Zukunft unserer Bevölkerung als die Lehrer? Natürlich müssen sie Beamte bleiben. Nur sollte man in Zukunft Beamte die gleichen Sozialabgaben zahlen lassen wie andere Arbeitnehmer auch, also das Beamtentum an sich reformieren. Aber wer fordert, Lehrer sollten keine Beamte mehr sein, hat, wie viele in diesem Land, die besondere Verantwortung von Bildung nicht verstanden. Ich würde daher auch Kindergartenerzieher verbeamten.
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