Plädoyer Ich bin Lehrer, verbeamtet - und das ist auch gut so

Jobgarantie, keine Geldsorgen - und erst der ganze Urlaub: Das Lehrerdasein weckt Neidgefühle. Zu Unrecht, sagt ein Pädagoge aus Hamburg. Er fordert den Beamtenstatus für alle Kollegen.

Physikunterricht in Baden-Württemberg (Archivbild): "Wie lange haben Sie gebraucht, um den 20-minütigen Vortrag für das letzte Meeting vorzubereiten?"
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Physikunterricht in Baden-Württemberg (Archivbild): "Wie lange haben Sie gebraucht, um den 20-minütigen Vortrag für das letzte Meeting vorzubereiten?"


Falls ich vor Erreichen der Pension sterben sollte, dann bitte wenigstens am Anfang eines Monats. In dem Fall würde ich noch ein letztes Gehalt einstreichen - ohne dafür zu arbeiten. Im Gegensatz zu Angestellten erhalten wir Beamte unser Gehalt nämlich nicht nach erbrachter Leistung, sondern davor.

Das Leben als Beamter ist ein verlässliches Geben und Nehmen. Mit der richtigen Idee werden Leute in der freien Wirtschaft zu Millionären, mit der falschen zu Sozialhilfeempfängern. Andere schuften täglich für das Nötigste und haben überhaupt keine Zeit oder Kraft für irgendwelche Ideen. Sie alle zahlen Steuern, mit denen der Staat meine Kollegen und mich bezahlt. Dafür erbringen wir eine Dienstleistung - wiederum für alle.

Mein Gehalt macht mich nicht reich. Der Staat bezahlt mich nicht nach Leistung, es gibt keine Boni für erfolgreiche Vertragsabschlüsse und keine Steuertricks in Form von Dienstwagen. Aber ich komme gut zurecht. Für Hochzeit und Kind gibt es zum Beispiel jeweils einen Hunderter brutto mehr, für ein drittes Kind sogar 244,91 Euro. Dazu werden bis zu 70 Prozent der Krankenversicherung übernommen.

Bessere Kredite als Angestellte

Außerdem bin ich - wenn ich keine groben Fehler begehe - auf Lebenszeit verbeamtet. Ich werde nicht unverschuldet in Not geraten wie Selbstständige bei einer Unternehmenspleite oder Angestellte bei betriebsbedingten Kündigungen. Auch deshalb bekomme ich bessere Konditionen bei Krediten. Hinzu kommen die hohen Pensionen und die relativ gute Absicherung bei Berufsunfähigkeit.

Mein Beamtenstatus prägt auch das Verhältnis zum Schulleiter. Zwar ist er mir weisungsbefugt, aber ich muss seinetwegen nicht um meinen Job fürchten, was mir viele Freiheiten gibt: Ich kann offen Kritik üben und meine Meinung vertreten. Vor allem aber bin ich in meinen Entscheidungen über Lehrstoff und Noten nur meinem Amt verpflichtet und anderen gegenüber unabhängig.

Und wenn ich ein Problem habe, gehe ich zum Personalrat, einer etablierten Institution an der Schule. Als ich einer Bekannten nach einem Streit mit ihrem Chef riet, sich an den Personalrat zu wenden, schaute sie mich nur entsetzt an: "Da kann ich ihm auch gleich die Reifen aufstechen!"

Gute Leute könnten in der Wirtschaft viel mehr verdienen

Viel zu viele Privilegien, obwohl ich "nur" Lehrer bin? Nein, denn ich arbeite in einem sehr anstrengenden und anspruchsvollen Job. Wie lange haben Sie gebraucht, um den 20-minütigen Vortrag für das letzte Meeting vorzubereiten? Davon halte ich jede Menge am Tag, und der Unterricht ist nur der kleine, für alle sichtbare Teil des Jobs. Dazu kommen schwache und undisziplinierte, starke und dabei anspruchsvolle sowie mittlerweile auch Schüler mit Behinderungen - alle in einer Klasse. Immer mehr beruflich stark eingespannte Eltern wälzen die Erziehung auf uns ab, klopfen aber bei der Schulleitung an die Bürotür, wenn ihnen etwas nicht passt. Und diese wiederum buhlt um jeden Schüler, der Konkurrenzkampf mit den anderen Schulen im Viertel ist hart.

Ja, Schulen sind auch ohne Beamte denkbar, aber sind das dann auch gute Schulen? Nein. Ohne Verbeamtung hätten wir eine ungerechtere Schule mit schlechteren Lehrern und boomenden Privatschulen. Dort, wo Chancen gegeben und genommen werden, sollte Neutralität herrschen. Kinder sollten gleich behandelt werden, auch wenn ein Vater die Computer gesponsert hat.

Die Lehrer-Ausbildung dauert lange - und wie sollten wir gute Leute, insbesondere Naturwissenschaftler, an die Schulen holen, wenn wir den zumeist besseren Gehältern in der freien Wirtschaft nichts entgegenzusetzen haben? Viele Lehrer könnten in der Industrie oder im Finanzwesen weitaus mehr Geld verdienen, sie hätten in den Medien einen interessanteren Job oder in der Verwaltung weniger Stress.

Aber Bildung, gute Bildung, braucht verbeamtete Lehrer!

Der Autor ist Lehrer an einem Hamburger Gymnasium.

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Seite 1
KPKoch 03.03.2015
1. Arbeiten bis in die Nacht
Es ist so, wie es überall ist: "kommt drauf an!" Nämlich auf das Tätigkeitsumfeld und auf den jeweiligen Stelleninhaber. Meine Lebensgefährtin ist Lehrerin, und ich nehme immer mit ein wenig Belustigung wahr, wie sehr sie sich auf die Ferien freut. Aber es kommt nicht nur häufig, sondern SEHR häufig vor, daß sie bis in die Nacht Klassenarbeiten korrigiert. Und die jeweiligen Prüfungsarbeiten sind dann der totale Horror. Klassenfahrten sind auch kein Quell der Freude, und mehrere Stunden pro Tag den Vortänzer für eine Horde von schlecht gelaunten Kids zu spielen, stelle ich mir ebenfalls nicht leicht vor. Nö - da möchte ich nicht tauschen. Auch nicht, wenn die Netto-Auszahlung bei 3.000 Euro liegt. Liegt sie bei mir auch, aber ich habe mehr "Fun" in meinem Job.
Florian Lüttgens 03.03.2015
2.
Ich bin mit der gleichen Begründung gegen verbeamtete Lehrer. Leistung sollte belohnt werden, auch bei Lehrern. Ja, dieser Lehrer steckt viel Energie und Leidenschaft in seinen Beruf, ich kenne und hatte viele Lehrer die das tun. Ich kenne aber auch Lehrer die für 45min Unterricht grade mal 30 Minuten arbeiten und das inklusive der 45 Minuten Unterricht. Die bekommen das gleiche Gehalt. Es ist schön wenn man die Unkündbarkeit des Beamtenstatus für Sinnvolles nutzt, aber ich glaube nicht das das die Regel ist, so rein aus Schülersicht.
captainpetrov 03.03.2015
3. sehe ich genauso
Natürlich gibt es schwarze Schafe, aber die gibt es überall. Ohne diese Vergütungen bekommen Sie keinen Naturwissenschaftler als Lehrer an die Schule. Und der beste Chemie Lehrer an meiner Schule War ein studierter und promovierter Chemiker.
ClausWunderlich 03.03.2015
4.
Beamte sind aber einfach viel zu teuer! Das können wir uns nicht mehr leisten. Es muss weiter eingespart werden PUNKT
synopia 03.03.2015
5.
Wollen Sie wirklich behaupten, nicht verbeamtete Lehrer sind keine guten Lehrer? Sie reden, als ob es keine "normalen" Lehrer gaebe - tut es aber, sogar richtig viele. Nicht, dass ich was gegen Beamte haette (hab selbst viel mit eben jenen zu tun), aber dieser Text hat nen ganz fiesen Unterton, der nicht ueberall gut ankommen duerfte. Ob das hilfreich ist in der aktuellen Situation?
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