Lehrlingsmangel Hilfe, die Polen bleiben weg!

Osteuropäer überrennen Deutschland? Im Gegenteil. Mit Zoobesuchen, Werbereisen und Vorträgen versucht die ostdeutsche Wirtschaft verzweifelt, Jugendliche aus Polen, Tschechien und der Slowakei für freie Lehrstellen zu begeistern. Doch der östliche Nachwuchs will kaum rübermachen.

Aus Cottbus berichtet Christian Fuchs

DPA

Auf dem Weg zu ihrem Traumjob kommt Samanta Tronjar nicht an einem Glas Bier vorbei. Die 17-jährige Polin steht im Raum 2-121 einer Berufsschule in Cottbus. Vor ihr auf dem Tisch liegen Spielkarten mit Worten wie "Topf", "Käse" oder "Fisch". In der Hand hält sie eine Karte mit einem gezeichneten Bierhumpen - die muss sie dem richtigen Wort zuordnen.

Das Spiel ist Teil eines Deutschkurses, den die Handwerkskammer seit drei Monaten Jugendlichen aus Polen spendiert. Ab September will Samanta eine Ausbildung zur Friseurin im brandenburgischen Burg beginnen, da muss ihr Deutsch sitzen. Außer dem Kurs finanziert die Kammer, mit Geld ihrer Mitgliedsunternehmen und aus dem europäischen Fonds für Regionalentwicklung, den zukünftigen Mechatronikern, Bäckern und Fleischern auch Unterkunft, Fahrtkosten und ein Taschengeld.

"Jeder, der eine Ausbildungsstelle sucht, ist bei uns hochwillkommen", sagt Horst Freimann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer (HWK) Cottbus. Er erzählt, warum er sich das Pilotprojekt ausgedacht hat, um polnische Jugendliche für eine Ausbildung in Deutschland zu begeistern: "Unsere eigenen Lehrstellenbewerber decken seit einigen Jahren leider nicht mehr den Bedarf der Firmen." Das war in den ersten zwei Jahrzehnten nach der Wende noch anders. Damals fehlten Ausbildungsplätze, viele junge Menschen wanderten in den Westen ab.

Jetzt, nach der Krise und wegen der geburtenschwachen Jahrgänge, fehlen plötzlich qualifizierte Azubis, nicht nur im Osten. In ganz Deutschland konnten im vergangenen Jahr 55.000 Stellen nicht besetzt werden. In den neuen Bundesländern starteten fast zehn Prozent weniger Jugendliche in eine Lehre als im Vorjahr. Allein in der Region Cottbus hätten sich die Schulabgängerzahlen in den vergangenen fünf Jahren halbiert, sagt Freimann.

Weil die deutsche Jugend nichts taugt, sollen jetzt die Polen helfen

Zuerst versuchte Freimann mit einer Lehrstellenbörse, Azubis in die ausgeblutete Region zu locken - laut Internetseite sind darin derzeit 400 Stellen offen. Dann lud er 200 junge Menschen ohne Ausbildung aus dem Berliner Umland ein und gab ihnen überbetriebliche Ausbildungsplätze. Doch nur jeder Fünfte habe bis zum Gesellenbrief durchgehalten. "Den meisten fehlte die Motivation, jeden Tag um 7 Uhr aufzustehen", sagt Freimann, "die wollten gar nicht arbeiten und leben lieber von Hartz IV." Jetzt also die Polen.

Das Modellprojekt kostet die Grenzregion fast 70.000 Euro. Andernorts wird noch aufwendig versucht, die Meister von Morgen zu halten. Im Altmarkkreis in Sachsen-Anhalt produzierten Jugendliche mit "Wir bleiben hier!" einen Jubelfilm auf ihre Heimat, finanziert vom Bundesfamilienministerium. Die IHK Potsdam möchte mit der Kampagne "Mach es in Brandenburg!" Jugendliche zum Bleiben bewegen. Doch seit im Mai in Deutschland die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit in Kraft getreten ist, lagen die größten Hoffnungen auf der Jugend aus Osteuropa.

Die "Bild"-Zeitung sah bereits voraus, dass Deutschland von Polen "überschüttet" werde; ostdeutsche Betriebe wünschten sich einen Ausweg aus dem Lehrlings-Krise unter anderem durch Jugendliche aus Tschechien herbei. Viele dachten, die jungen Nachbarn seien die Lösung ihres Problems.

Darum warb die IHK Görlitz im Frühjahr mit Plakaten und Flyern auf polnischer Seite für den "Aktionstag Bildung", auf dem sich 60 Unternehmen den polnischen Azubis vorstellten. Für die Handwerkskammer Frankfurt (Oder) zog eine Mitarbeiterin durch die Schulen von Slubice, um sie von einer Ausbildung auf der anderen Oder-Seite zu überzeugen. Und die Chemnitzer Kammer lud tschechische Jugendliche gar in den Leipziger Zoo ein, um ihnen so den Arbeitsplatz bei einer Elektrofirma schmackhaft zu machen.

Azubi verzweifelt gesucht: Zoo-Besuch als Anwerbegeschenk

Das Problem ist nur: Die osteuropäischen Nachwuchs-Handwerker wollen einfach nicht kommen. Eine Umfrage bei den Handwerkskammern in den Grenzregionen zu Polen, Tschechien und der Slowakei ergab, dass seit Mai nur rund ein Dutzend Jugendliche aus Osteuropa rübergemacht und einen Ausbildungsvertrag unterschrieben haben. In manchen Kammerbezirken wie in Rostock, Dresden oder im bayerischen Regensburg gibt es bis heute nicht einen neuen unterschriebenen Ausbildungsvertrag mit einem Gast-Azubi aus dem Ausland.

"Die polnischen Jugendlichen gehen lieber nach England, dort wohnen schon ihre Geschwister, weil die Grenzen schon seit sieben Jahren offen sind", sagt Sebastian Szajek, ein polnischer Mitarbeiter der HWK Cottbus. Und in Tschechien sind die Arbeitslosigkeit und das Lohngefälle zu Deutschland so gering, dass sich eine Auswanderung für die meisten Jugendlichen nicht lohnt.

Den jungen Polen Piotr Wozniak, 18, reizte eine Ausbildung in Deutschland. Er nimmt am Cottbuser Pilotprojekt teil und sagt: "Die duale Ausbildung in der Berufsschule und in einer Firma gibt es in Polen nicht, bei uns ist alles nur theoretisch." Obwohl er schon fertiger Elektromechaniker ist, konnte er in der ersten Praktikumswoche in seinem deutschen Ausbildungsbetrieb schon mehr anpacken als in der gesamten Lehrzeit in Polen. "Ich liebe Autos, darum war es für mich das Größte, dass ich einen Gabelstapler reparieren durfte."

Auch die angehende Friseurin Samanta Tronjar hat gute Gründe für einen Wechsel über die Grenze. An sprachkursfreien Wochenenden habe sie schon in ihrem Salon ausgeholfen "und den ersten Euro verdient", sagt sie. Ab September erhält sie zusätzlich einen Lehrlingslohn. In Polen wird die rein schulische Ausbildung nicht vergütet.

Trotz der Anreize sind die Probleme mit den Azubis aus dem Ausland in dem Klassenraum in Cottbus nicht zu überhören. Es ist so laut wie in einer Bahnhofshalle. Einige spielen in der Stunde "Counter-Strike" auf dem Laptop, andere schlafen auf dem Tisch. Mit harten "Entschuldigung!"-Rufen versucht die Lehrerin immer wieder, die Oberhand zu gewinnen.

Die Schüler antworten auf Polnisch mit "curva", eine derbe Beleidigung, die aber auch als "scheiße" verwendet wird. Sie wollen lieber Strähnchen färben oder Gabelstapler reparieren, als sich mit Modalverben und Akkusativen herumzuschlagen. Ihre Ausbildungsbetriebe, in denen sie ab September arbeiten sollen, schätzen die Sprachkenntnisse bisher als "durchschnittlich bis unterdurchschnittlich" ein. Aber fachlich seien die Polen sehr talentiert.

Von 22 Teilnehmern sind nach drei Monaten noch 17 beim Deutschkurs dabei, diese Woche werden wohl noch drei Jungs den Kurs auf eigenen Wunsch verlassen - zurück gen Polen.

Horst Freimann von der Handwerkskammer hat dafür Verständnis. Er sieht das Projekt auch eher als längerfristige Investition in eine gemeinsame Wirtschaftsgrenzregion, es solle mentale Barrieren abbauen. Man könne die Jugendlichen halt nicht zwingen, an den Kursen teilzunehmen. "Und ganz ehrlich: Wir hatten die Vorkenntnisse in Deutsch überschätzt."



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insgesamt 154 Beiträge
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Seite 1
manta 31.07.2011
1. B(.)(.)bs
Die klauen lieber Klotüren...
BaywatchamStrandvonMalibu 31.07.2011
2. wozu
auch? Damit die dann in prekären Arbeitsverhältnissen für 5 Euro Stundenlohn hier keine Zukunft haben? Das können sie auch in ihrer Heimat bekommen.
weltbetrachter 31.07.2011
3. Politiker - Traum und Wirklichkeit
Bloß keine Arbeitnehmerfreizügigkeit - die überrennen uns mit billigen Arbeitskräften. Ich höre noch die Warnungen in ALLEN TALK-SHOWS !!! . War wohl nichts - und jetzt - geben wir Geld aus, damit überhaupt noch arbeitswillige Menschen aus dem Osten zu uns kommen. . Soviel zum Thema - Traum und Realität aus politischem Munde !
hausmeister hempel 31.07.2011
4. Rassismus pur!
---Zitat--- Weil die deutsche Jugend nichts taugt, sollen jetzt die Polen helfen ---Zitatende--- Und, warum taugt die "deutsche Jugend" nichts? .. .es liegt nie an der Jugend, es liegt immer an den "Alten"....Und warum gibts zu wenig Deutsche? Schonmal drüber nachgedacht?
klowasser 31.07.2011
5. gegen titelzwang!
Zitat von sysopOsteuropäer überrennen Deutschland? Im Gegenteil. Mit Zoobesuchen, Werbereisen und Vorträgen versucht die ostdeutsche Wirtschaft verzweifelt, Jugendliche aus Polen, Tschechien und der Slowakei für freie Lehrstellen zu begeistern. Doch der östliche Nachwuchs will kaum rübermachen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,775747,00.html
Warum ist man so verwundert? Ist die Wirtschaft auch von Stammtischpolitikern durchzogen, sodass der Glaube besteht, Deutschland hätte ein supertolles Sozialsystem, bei dem alle in Scharen einwandern? Zeitarbeit, befristete Verträge, Kürzungen in der sozialen Sicherheit und dazu noch schwelende Konflikte in der Bevölkerung gegenüber "Nicht-Deutschen". Welcher Pole/Polin tut sich das freiwillig an?
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