Leistungsdruck in der Familie Unerwartete Erwartungen 

Sein Kind liebt man so, wie es ist. Oder? Väter und Mütter haben manchmal Erwartungen an ihren Nachwuchs, die ihnen selbst gar nicht bewusst sind: Gymnasium? Klar! Abi? Logisch! Aber manchmal kommt das Leben dazwischen.

Eine Eltern-Kolumne von Birte Müller

Erstklässler an der Tafel
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Erstklässler an der Tafel


Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
  • Hier schreiben abwechselnd Birte Müller, Armin Himmelrath und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.
Viele Eltern merken erst, wenn ihre Kinder in die Schule kommen, dass sie Erwartungen haben, die ihnen vorher gar nicht bewusst waren. Sie haben sich keine großen Gedanken gemacht, als sie ihrem Neugeborenen einen Body mit dem Schriftzug Abi 2025 anzogen und regelmäßig Bemerkungen wie "später auf dem Gymnasium" oder "wenn sie dann mal studiert" fallen ließen.

Mir fällt so etwas immer auf. Wahrscheinlich, weil meine Erwartungen an mein erstes Kind - von denen ich ebenfalls nichts geahnt hatte - am Tag seiner Geburt zu einem Klumpen Traurigkeit zusammenschmolzen: Mein Sohn Willi kam 2007 mit dem Down-Syndrom zur Welt.

Die Traurigkeit verschwand zwar bald, weil die Freude über dieses - wenn auch unerwartet andere - Kind und die Liebe zu ihm alles übrige unbedeutend machten. Ich dachte aber, dass ich seine Behinderung längst akzeptiert hatte, als mich bei Willis Einschulung vor knapp drei Jahren diese Traurigkeit noch einmal voll erwischte.

Bei den Meilensteinen des Lebens lauert er: der Vergleich mit anderen Kindern. Jetzt ist er in der dritten Klasse, und ich bin schon lange wieder im Reinen damit, dass mein Sohn selbst in der Förderklasse noch das wildeste und unberechenbarste Kind von allen ist. Ich genieße die Vorteile, die unsere Spezialschule bietet: Jedes Kind lernt tatsächlich nach seinen Möglichkeiten. Es gibt keinen Leistungsdruck, keinen Schulstress und auch keine Rechtfertigungen anderen Eltern gegenüber.

Fit machen für "Deutschland sucht den Supermongo!"

Dass ich mich vom Leistungsdruck verabschiedet habe, war allerdings ein längerer Prozess. Am Anfang von Willis Leben hatte ich mir sogar vorgenommen, die tollste Behindertenmutti der Welt zu sein und die Entwicklungsverzögerung durch ein knallhartes Therapieprogramm möglichst auszugleichen.

Heute kommt es mir so vor, als hätte das Schicksal damals gleich mehrfach eine große Glocke geläutet, um mir zu sagen: "He, du sollst dein Kind doch so lieben, wie es ist!" Mein Sohn hatte in seinen ersten Lebensjahren gleich mehrere schwere gesundheitliche Komplikationen auf einmal - darunter eine therapieresistente Epilepsie - und da war mir bald sein Überleben wichtiger, als Willi fit zu machen für "Deutschland sucht den Supermongo!".

Für uns ist Willi perfekt, so wie er ist. Zugegeben, es wäre einiges einfacher, wenn er sprechen könnte (oder auf die Toilette gehen würde), aber man kann nicht alles haben - ich habe immerhin ein glückliches, gesundes Kind, das sich Stückchen für Stückchen weiterentwickelt.

Wir haben noch ein zweites Kind, das genau so toll ist: unsere Tochter Olivia. Sie ist knapp zwei Jahre nach Willi irgendwie in unser Leben gepurzelt.

Wenn man ein Kind hat, bei dem praktisch gar nichts wie von selbst "funktioniert", kommt einem so ein ganz normales Kind durchgängig vor wie das siebte Weltwunder! Genau genommen sind Kinder das ja alle, aber wir sind wirklich nie aus dem Staunen herausgekommen, was Olivia alles lernt - ganz von allein, ohne Übung, nebenbei, einfach so.

Ja, und dann ist Olivia im Sommer eingeschult worden und - oh Wunder - plötzlich kann sie nicht alles von allein, man muss mit ihr üben und lernen! Und da ist mir wieder einmal klar geworden, dass ich auch bei ihr nicht frei von Erwartungen bin: Sie ist doch ein helles Köpfchen. Ich hatte gedacht, sie würde einfach so durch die Grundschule flutschen. Tut sie aber nicht.

Und so hab ich wieder was gelernt. Hätte ich gedacht, dass ich schon in der ersten Klasse zu meiner Tochter Sätze sagen würde wie "Jetzt üben wir jeden Tag fünf Minuten rechnen"? Nein, hätte ich nicht gedacht.

Zur Person
  • Birte Müller, Jahrgang 1973, ist Kinderbuchautorin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern Willi, 9 (Down-Syndrom), und Olivia, 7 (Normal-Syndrom), in Hamburg. Ihr Lebensmotto: It's not a bug, it's a Feature.

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
MarkusW77 20.03.2016
1.
Erwartungen an die Kinder wachsen auch unbewusst, wenn man die tollsten Kindergeburtstage ausrichtet, den teuersten Kinderwagen kauft, die neuesten Markenklamotten anschafft usw. Das sind alles unbewusste Investitionen, die man mit Erwartungen verknüpft. Und wenn die sich nicht erfüllen, kommt ein Gefühl der Enttäuschung. Beobachte ich zumindest hier und da.
stabilobacter 20.03.2016
2. überrascht
Da selbst kinderlos fehl mir dazu jegliche Selbsterfahrung. Überrascht und beeindruckt hat mich die Klarheit und die Wachheit Ihrer Selbstbetrachtung. Der Umgang mit meinen eigenen Erwartungen wurde mir so sehr bewusst gemacht. Vielen Dank! S.
Akonda 20.03.2016
3.
Ich habe bei keinem meiner 4 Kinder mit irgendwelchen Anschaffungen - die ich auch nicht als Investitionen gesehen habe - Erwartungen verknüpft. Allein Geburt und Dasein jedes meiner Kinder waren das reinste Glück und so ist das noch heute, wo sie erwachsen sind. Niemals habe ich meine eigenen Wünsche oder Vorstellungen auf meine Kinder projiziert, sie sind gut so, wie sie sind. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Eltern enttäuscht sein können, weil oder wenn die Kinder nicht einer gewünschten Schablone entsprechen. Und was bitte sollte man von einem tollen Geburtstag als Gegenleistung oder Investition erwarten?
sarkasmis 20.03.2016
4.
Mit den Kindern Hausaufgaben zu machen ist auch eime wichtige form der Zuwendung. Bei Erwartungen macht wie so oft die dosis das Gift. Einem Kind vorzugaukeln es gebe ein leben ohne jeden stress bringt auch nix. Irgendwann kommt der realitätsschock.
beuerlein 20.03.2016
5. Der Artikel regt zum Nachdenken an
Wir haben vier Kinder großgezogen und ich kann mich in Vielem wiederfinden. Ich denke Eltern wollen sich nicht über die Kinder selbst verwirklichen, sondern schlicht und einfach das Beste für ihre Kinder erreichen. Das Beste sehen sie natürlich zuerst mit ihren eigenen Augen und nicht mit denen ihrer Kinder. Das sollten wir uns immer wieder bewußt machen.
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