Lexikon der Jugendsünden Joystick rütteln, bis der Arzt kommt

Tagelang spielten Jungs in den späten Achtzigern mit den ersten plastikgrauen Heimcomputern - und klagten später über Sehnenscheidenentzündung. Lisa Seelig und Elena Senft haben Jugendsünden wie das exzessive Daddeln gesammelt. Diesmal: C wie C64.

TMN

Während man heute als männlicher Teenager kaum mehr dazu kommt, unbehelligt Computer zu spielen, ohne in Verrohungs- und Verdummungsverdacht zu geraten, war die Welt in den Neunzigern diesbezüglich noch heiler.

Man ließ die Jalousien runter und verbrachte Tage und Nächte vor dem (elterlichen) Commodore 64, Amiga, Atari oder Schneider, entwickelte Druckstellen an den Händen von übermäßigem Joystick-Gebrauch, spielte "Street Fighter II" (beliebteste Figur: Ryu), "Leisure Suit Larry" oder "Prince of Persia" und vertilgte Unmengen von Chips, die man mechanisch und ohne den fiebrigen Blick vom Bildschirm abzuwenden aus der Chipstonne direkt in den Mund schaufelte.

Die einzigen warmen Mahlzeiten bestanden aus Pizza-Baguette Funghi, die die besorgte Mutter von Zeit zu Zeit hereintrug und anmerkte, dass man etwas blass um die Nase sei und frische Luft nicht schaden könne. Zumindest aber stand man nicht unter Generalverdacht, die unendlichen Stunden vor dem Computer demnächst mit einem Amoklauf zu kompensieren.

Manche Spiele waren in Handlungslosigkeit und Stumpfheit kaum zu übertreffen. So zum Beispiel die von vielen Jungs innig geliebten C64-Spiele "Summer Games" und "Winter Games", in denen die Spieler in verschiedenen olympischen Disziplinen antreten mussten. Hier waren aber weder großartig Taktik noch Können gefragt, es ging meistens einfach nur darum, den schwarzen Joystick, den manche wie ein Penisimitat zwischen die Oberschenkel zwängten, mit dem roten Knopf möglichst schnell hin und her zu reißen, weil man so Geschwindigkeit oder Sprungkraft des Sportlers erhöhte.

Eine nicht zu vernachlässigende Zahl an jugendlichen Sehnenscheidenentzündungen war damals auf diese Technik zurückzuführen. "Mein Joystick ist kaputt" war die beliebteste Ausrede dieser Zeit, außer vielleicht noch "schwere Knochen" bei dicken Mädchen.

Das SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch "Wir waren jung und brauchten das Gel" ist beim Fischer Verlag erschienen.

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DerSponner 07.06.2011
1. Summer Games setzte auf Timing
Bei Summer Games und Winter Games ging es in den meisten Disziplinen um Timing, nicht um wildes rütteln. Es gab andere Sportspiele bei denen es nur um möglichst schnelles Rütteln ging, ich glaube eines hiess Daley Thompson's Decathlon.
faustjucken_tk 07.06.2011
2. xxx
Zitat von DerSponnerBei Summer Games und Winter Games ging es in den meisten Disziplinen um Timing, nicht um wildes rütteln. Es gab andere Sportspiele bei denen es nur um möglichst schnelles Rütteln ging, ich glaube eines hiess Daley Thompson's Decathlon.
Jain. Das Rütteln war bei "Decathlon" angesagt. Am schlimmsten: 1500 Meter, die letzte Disziplin. Die ersten 1300 Meter langsam hin und her. Und wenn man schon nicht mehr konnte, dann die letzten 200 Meter Vollgas rütteln. MANN!!! Oder die Hürden, Rütteln und rechtzeitig drücken/springen.... das waren noch Zeiten. Und da bekam man wirklich Blasen an den Fingern.
Ambermoon 07.06.2011
3. Willkommen, Ambermoon.
295 Wörter. Respekt. Mal im Ernst: "Vom Fachmann für Kenner"-Schnipsel in der Titanic sind mitunter länger, Schülerzeitungsartikel fundierter. Was soll der Leser mit solchen hingerotzten Erinnerungen anfangen? Wenn der SPON kein Geld für richtigen Journalismus hat, würden doch auch eine Handvoll fundierter Artikel am Tag reichen, oder man schreibt einfach (was ja schon oft genug geschieht) einfach den DPA-Ticker oder Pressemitteilungen ab. Na ja, ich guck jetzt mal ein, zwei Tage bei der Konkurrenz vorbei, aber vermutlich wird's nix bringen, weil das Thema "seriöses Online-Magazin ohne zu viel Meinungsmache, aber mit ein bisschen Unterhaltungspotenzial" zumindest für Deutschland möglicherweise erledigt ist. Schade. Viel Spaß noch mit eurer Schülerzeitschrift.
Tertinator, 07.06.2011
4. Zeitvernichtung?
Ich kann mich noch gut an den C64 erinnern. Diskette reil, load "*",8,1 und dann erst mal was anderes machen. Selbst tolle Spiele wie Giana Sisters, Summer Games oder Ugh Lympigs hat man vielleicht eine oder eineinhalb Stunden gespielt. Dann war fertig. Bei manchen heutigen Spielen braucht man manchmal so viel Zeit für EINE Mission. Es gibt Spiele, die kann man 8-10 Stunden am Stück spielen, ohne dass einem langweilig wird. Solch eine Zeitvernichtung gab es zu C64-Zeiten noch nicht…
Herr P., 07.06.2011
5. Mitte der 80er
Also, bei mir fing das so ab ca. Mitte der 80er an und eine Zeitvernichtung war es auch. Man denke da an Micoprose "Pirates" oder "Gunship". Das waren meine Favoriten! Da konnte man die Spielstände abspeichern und es wurde auch tagelang gespielt.
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