Sommercamp für besondere Kinder Hier dürfen Jungs noch Mädchen sein

Sie flüchten aus der Welt der Hänseleien: In einem speziellen Sommercamp treffen sich US-Familien, deren Kinder sich in ihren Körpern unwohl fühlen. Fotografin Lindsay Morris begegnete erleichterten jungen Menschen.

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Immer gibt es Wiesen und Bäume, Lagerfeuer und Marshmallows, Gitarren und Gesang und Freiheit. Jedes Jahr findet das Sommercamp irgendwo anders statt, mal an der Westküste der USA, mal an der Ostküste, mal im Mittleren Westen, weil die Teilnehmer aus dem ganzen Land angereist kommen. Vier Tage verbringen die Kinder mit ihren Eltern hier - in einer Welt fernab von Vorurteilen und Hänseleien.

Denn die 6- bis 13-Jährigen, die ins Sommercamp kommen, fühlen sich unwohl in ihren Körpern. Die Mädchen wären vielleicht lieber als Jungs geboren worden und die Jungs wären vielleicht lieber Mädchen. Viele von ihnen sind noch nicht sicher, welches Geschlecht wirklich zu ihnen passt.

In ihren Heimatstädten werden sie oft gemobbt und ausgelacht. Weil sie anders als andere Kinder sind. "Die Eltern sind oft schlimmer als die Mitschüler. Sie laden die Kinder von Geburtstagspartys aus", sagt Lindsay Morris. Die US-Fotografin hat selbst jemanden in der Familie, der sich nicht sicher ist, welchem Geschlecht er angehören will. "A loved one", sagt Morris, mehr verrät sie nicht.

Eltern sind verzweifelt

Diese Person war es, die sie dazu gebracht hat, das Camp mitzugründen und sich über Transgender und Transsexuelle zu informieren. Über Menschen, die gern in einem anderen Körper geboren worden wären - wie der ehemalige US-Athlet Bruce Jenner, der nun als Caitlyn lebt, das italienische Model Lea Cerezo oder Laverne Cox aus der US-Serie "Orange is the New Black".

Jedes Jahr fährt Morris ins Camp, das keinen offiziellen Namen hat, um die Kinder und deren Eltern wiederzutreffen, sich mit ihnen auszutauschen und sie zu fotografieren. Die Fotografin trifft im Camp Gläubige, Alternative, Konservative, Mormonen, Arme, Reiche, Republikaner, Demokraten. Gleich sind sie, weil sie ein gleiches Schicksal teilen.

Aus Morris' Besuchen ist der Fotoband "You Are You" entstanden. Und der Name drückt aus, was das Camp den Kindern vermitteln will: Sie sollen sie selbst sein dürfen. Um teilnehmen zu können, müssen sich die Eltern vorher von den Organisatoren interviewen lassen. "Wir wollen sichergehen, dass die Eltern nicht versuchen, ihre Kinder zu ändern, sondern sie so akzeptieren, wie sie sind." Negative Erfahrungen hätten die Organisatoren noch nie gemacht, sagt Morris. Viele Eltern seien einfach zu verzweifelt und suchten Hilfe.

Bunte Kleider und Engelsflügel

"Sie fühlen sich sehr alleingelassen. Wenn sie andere Mütter und Väter treffen, deren Kinder sich nicht auf ein Geschlecht festlegen wollen, dann ist das meist sehr bewegend für sie", sagt Morris. Sie fragten sich, warum ihr Sohn gerne Mädchenkleidung trage und müssten sich im Alltag mit Mobbing und Geschlechtsumwandlungen auseinandersetzen. "Im Camp merken sie, dass sie nicht allein da stehen, dass es auch andere gibt. Und das gibt ihnen Kraft."

In den vier Tagen sprechen die Erwachsenen mit den Kindern nicht über ihre Identitäten oder Anfeindungen im Alltag. "Wir wollen nicht, dass sie sich während des Camps Sorgen machen", sagt Morris. Die Kinder sollen darin bestärkt werden, dass sie so sein können, wie sie sein wollen.

Auf Morris' Bildern sieht man Kinder in Abschlussballkleidern, in Röcken und Blusen oder mit bunten Engelsflügeln auf dem Rücken. Jungs, die sich schminken oder die Nägel lackieren. Morris zeigt Kinder, die spielen, hüpfen und tanzen. Oft kommen auch die Geschwister mit ins Sommercamp und unterstützen ihre Brüder und Schwestern.

Und so tun es auch die Eltern. Ein Vater habe einmal mit seinem Sohn gespielt, sagt Morris. Das habe sie sehr gerührt, denn der Vater sei der typische amerikanische Daddy gewesen, mit Baseballcap und Bierbauch. Er nahm gar nicht mehr wahr, dass sein Sohn ein Kleid trug.

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insgesamt 64 Beiträge
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otto02 05.06.2015
1. Bewegend - Moving
Diese Bilder machen mich im positiven Sinne nachdenklich, danke dafuer
Freiberufler 05.06.2015
2. Hier läuft etwas schief
Erstens würde ich nie öffentlich solche Photos von Minderjährigen zeigen. Zweitens: Wo sind die Mädchen, die die andere Richtung gehen möchten? Sie werden im Artikel gar nicht erwähnt. -------------
KatiWie 05.06.2015
3.
Schön! Das gibt es auch in Deutschland. Sowohl für Familien mit minderjährigen Transkindern(bei Trans-Kinder-Netz e.V.), als auch Jugendfahrten für Transkinder.
Faktenanalyse 05.06.2015
4. Verwirrte
Verwirrte Kinder und verwirrte Eltern, die bräuchten eher ein Treffen mit einem Psychologen als ein Treffen mit anderen Verwirrten. Dennoch typisch, daß der Spiegel aus solchen Themen einen großen Artikel macht.
humorrid 05.06.2015
5. Medizinische und rechtliche Grundlagen
für eine Hormontherapie für Kinder, vor Pubertät, d.h. bevor sie überhaupt eine Chance haben ein Selbstbewusstsein für eigene Sexualität "evolutionär" zu entwickeln, scheinen in der USA sehr waage zu sein. Letztendlich entscheiden dort wohl die Eltern und greifen radikal vor, ob ihre Kinder im "richtigen Körper" stecken oder nicht. Nicht zuletzt tragen Medienphänomene wie Jenner zu Verwirrung bei, indem sie technische, finanzielle und medizinische Machbarkeit der mühsamen Arbeit der Aufklärung und psychologischen Betreuung der Eltern und Kinder vorziehen und sogar glorifizieren. Als Resultat wird die eigene Sexualiät weniger als ein natürliches Teil, aber nur ein Teil, der Persönnlichkeit betrachtet sondern als Einstiges, Bestimmendes, ja als Persönnlichkeit selbst - steht die Person mit der eigenen Sexualität im Konflikt, bedeutet es Versagen auf der ganzen Linie. Ein Camp mit "normalen" Kindern und mit verstärkter Betreuung wäre für "beide Seiten" eher von Vorteil, als den Kindern beizubringen, dass sie nur unter gleichen sich wohlfühlen können.
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