Jugend in Nord-Schweden Grube der Besserverdiener

Nirgendwo in Schweden verdienen junge Leute so gut wie in der Region Kiruna: Eine Grubenfirma lockt Menschen wie Viktor Esseryd, 22, mit viel Geld unter die Erde. Er bekommt 4600 Euro - netto. Ältere klagen, dass keiner mehr schlecht bezahlte Jobs machen will.

Aus Kiruna berichtet

Frauke Lüpke-Narberhaus

Wovon er träumt? Er lacht. Ein neuer weißer Mercedes wäre nicht schlecht, sein jetziger sei schon so alt. Viktor Esseryd ist 22 Jahre und verdient bis zu 4600 Euro im Monat, netto. Er kann sich nicht vorstellen, jemals arbeitslos zu werden.

Jetzt, nach dem Urlaub, schmerzen seine Ohren jeden Morgen, wenn er runter fährt, Hunderte Meter unter die Erde. Es wird wieder etwas dauern, bis er sich daran gewöhnt hat. Viktor Esseryd, groß, kräftig, Dreitagebart, verdient sein Geld in der größten unterirdischen Eisenerzmine der Welt. Er arbeitet beim Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag, kurz LKAB, in Kiruna, der nördlichsten Stadt Schwedens, rund 15 Zugstunden von Stockholm entfernt. Hier, nördlich des Polarkreises, wachsen eher Sträucher als Bäume, hier geht die Sonne im Sommer nicht unter und im Winter kaum auf. In der Grube bekommt Viktor davon nichts mit. Er mag das. Bei 20 Grad im Büro sitzen? Ein schreckliches Gefühl, sagt er. Unter der Erde wisse er wenigstens nicht, wie das Wetter draußen ist.

Hier leben die bestbezahlten jungen Menschen Schwedens, sie verdienen fast doppelt so viel wie im Landesschnitt. Es gibt kaum eine schwedische Kommune, in der weniger junge Menschen arbeitslos sind. Der Grube sei Dank.

Eine Stadt zieht um

Die Grube ernährt die Stadt, gleichzeitig frisst sie sie auf. Denn was Viktor und seine Kollegen aus der Mine holen, sinkt oben ab, und die Erde reißt auf. Die Risse rücken immer näher an Kiruna. Deswegen zieht ein Teil der Stadt jetzt um, oder in der Sprache des Stadtmarketings ausgedrückt: Deswegen verwandelt sich Kiruna. Rund 20 kulturell bedeutsame Häuser werden erst ab-, dann wieder aufgebaut, die meisten werden abgerissen, darunter das Rathaus. Schon lange beobachten unzählige Wissenschaftler, Politiker, Architekten, Journalisten das Großprojekt. Nie zuvor sei eine Stadt umgezogen, weil ein Industriezweig das verlangt, heißt es auf der Webseite der Stadt.

Die ersten Menschen haben ihre alten Häuser bereits verlassen, 2016 soll das neue Rathaus öffnen. Noch stehen dort, wo in ein paar Jahren Schweden durch das neue Stadtzentrum flanieren sollen, ausrangierte Spielplatzschaukelpferde, kaputte Autos, Container.

Viktor hat in Kiruna das Gymnasium besucht, im Unterricht haben sie oft über den Umzug geredet. Inzwischen habe er das Interesse verloren. Klar, sei es schade, dass Menschen ihr Zuhause verlieren. Aber: "Was wären wir schon ohne die Grube? Ohne sie müsste ganz Nordschweden schließen."

Viele denken wie er, deswegen regt sich kaum Protest. LKAB gehört dem schwedischen Staat; im vergangenen Jahr lieferte das Unternehmen 26 Millionen Tonnen Eisenerz in die Welt, rund 30 Milliarden Schwedische Kronen setzt es damit jährlich um, 3,5 Milliarden Euro. Mehr als eine Milliarde Euro Gewinn blieben im vergangenen Jahr übrig.

LKAB baut neue Häuser, zahlt den Umzug, etwa 800 Millionen Euro hat das Unternehmen bislang bereitgestellt. Und LKAB hofft, dass sich der Aufwand lohnt, dass keine Wirtschaftskrise die Stadt fallen lässt. Denn ohne LKAB, kein Kiruna.

Alle wollen in die Grube

Viktor würde vielleicht mit fallen. Schließlich hat er keine Ausbildung. Unter der Erde arbeitet er als "Operatör", als Mädchen für alles, er sprengt, fährt Schlepper, hilft, wenn es klemmt. Jeder Tag sehe anders aus. Viktor sagt, fast jeder in seinem Alter wolle zu LKAB. Sein Bruder arbeitet dort, seine Ex-Freundin, sein Freund, bei dem er gerade wohnt, seit er bei der Freundin ausgezogen ist. Die meisten wollten nachts arbeiten, im Schichtdienst, dann gibt es noch mehr Geld.

Es gefällt nicht jedem, dass die Jungen schon so viel verdienen. Kjell Törmä gehört dazu. Er begleitet LKAB und den Umzug so intensiv wie kaum ein anderer. Er ist Chefredakteur der "Kiruna Tidningen", einer kleinen Lokalzeitung, die fast in jeder Ausgabe über den Umzug berichtet. Zudem fotografiert er die Stadt, Ehepaare, Wohnzimmer, Straßen. In Tausenden Bildern hält er für die Zukunft fest, was bald verschwindet.

Er sagt, er verstehe natürlich, dass viele in der Grube arbeiten wollen, bei den Löhnen. "Aber es braucht doch auch junge Menschen, die in der Schule arbeiten, in der Krankenpflege, im Altenheim, in Geschäften." Viele hätten Schwierigkeiten, junges Personal zu finden. Außerdem, sagt er, würden sich viele durch die Grube gegen ein Studium entscheiden. So machen es sich schon 20-Jährige bequem im sehr beschaulichen Kiruna.

"Herrgott, das ist eine verdammt langweilige Stadt"

Was er in seiner Freizeit mache, fragte eine Reporterin von "Sveriges Radio" einen von Viktors Kollegen. "In Kiruna?", fragte der zurück. "Herrgott, das ist eine verdammt langweilige Stadt. Man tut hier nichts, man arbeitet." In der Innenstadt folgt H&M auf Dressmann auf Systembolaget, das staatliche Alkoholgeschäft, auf Pub auf Buchladen, auf das Café Safari, in dem sich alle treffen. In den siebziger Jahren hatte Kiruna mal 25.500 Einwohner, jetzt sind es noch rund 18.000. Neben der Grube hat die Stadt nicht viel zu bieten - auch wenn sie versucht, mehr und mehr Touristen zu locken. Mit einem Eishotel beispielsweise.

Viktor wirkt trotzdem sehr zufrieden. Sehr unbekümmert, glücklich, entspannt. Obwohl er, wie er selbst sagt, eigentlich nichts kann. Er lacht viel, sagt, er habe nichts in seinem Leben geplant, er nehme alles, was er bekomme. Deswegen denkt er auch nicht daran, was passieren könnte, wenn. Er hat keine Ambitionen, Karriere zu machen oder Kiruna zu verlassen, geschweige denn das Land. Den Sommer verbrachte er bislang immer in Schweden. Nur einmal habe er seine damalige Freundin in Kanada besucht. Sie machte dort gerade ein Gruben-Praktikum.

Am liebsten möchte er irgendwann zurückziehen in sein Heimatdorf Nattavaara mit seinen rund 115 Einwohnern. Er angelt dort gern oder fährt mit dem Schneemobil, das er sich kürzlich gekauft hat. Und er spielt Eishockey, fünfmal die Woche trainiert er. Dafür hat er sogar den lukrativen Schichtdienst aufgegeben, ihm fehlte die Energie fürs Training. Geld sei eben nicht alles, sagt er.

Denn Viktor Esseryd hat noch einen anderen Traum, den er sich nicht einfach kaufen kann wie einen weißen Mercedes. Er möchte Profi-Eishockey-Spieler werden. Nur müsste er dann doch häufiger mal seine heimelige Heimat verlassen.


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