Lob von "Pisa-Papst" Schleicher "Das sind Riesenfortschritte"

Nächsten Dienstag wird die neue Pisa-Studie vorgestellt. Für Deutschlands Kultusminister ist Andreas Schleicher eine Reizfigur. Diesmal spendiert der internationale Pisa-Koordinator schon vorab Lob - an deutschen Schulen sei "enorm viel in Bewegung".

Pisa-Koordinator Schleicher: "Vielleicht fürchten Minister um ihre Interpretationshoheit"
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Pisa-Koordinator Schleicher: "Vielleicht fürchten Minister um ihre Interpretationshoheit"


Zehn Jahre nach dem ersten Pisa-Test ist im deutschen Schulsystem nach Auffassung der OECD "enorm viel in Bewegung gekommen". Dies sagte der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher, der an der Entwicklung der Pisa-Tests maßgeblich beteiligt war, der Wochenzeitung "Die Zeit".

So sei auch in Deutschland frühkindliches Lernen kein Tabu mehr. Als er vor knapp zehn Jahren für Bildungsangebote schon im Kindergarten plädierte, habe es einen Aufschrei gegeben: "Jetzt will er uns auch noch die Kinder wegnehmen!", so Schleicher. Inzwischen sieht er "Riesenfortschritte". So gebe es in den Schulen inzwischen Bildungsstandards, und "sogar Nordrhein-Westfalen" habe ein Zentralabitur eingeführt. In der Schulstruktur setze sich ein Zweisäulenmodell durch, das Gymnasium neben nur noch einer weiteren Schulform, die regional unterschiedlich heißt, mal Stadtteil-, mal Ober-, Mittel- oder Sekundarschulen.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird am kommenden Dienstag die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie veröffentlichen, deren Daten im vergangenem Jahr erhoben worden sind. Der Schwerpunkt liegt diesmal auf dem Lesen, wie schon beim ersten Pisa-Vergleich.

"Pisa hat eine höhere Prognosekraft als Schulnoten"

Die Veröffentlichung der ersten Studie im Dezember 2001 hatte in Deutschland einen Schock ausgelöst. Auffällig waren dabei nicht nur die mäßigen Schulleistungen der 15-Jährigen im internationalen Vergleich. Die Studie förderte zutage, dass fast ein Viertel nur auf Grundschulniveau lesen und rechnen konnte. Auch zeigte sich, dass in keiner vergleichbaren Industrienation die Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft so ausgeprägt ist wie in Deutschland. Weitere Pisa-Tests gab es 2003 und 2006.

Auf die Frage, was Deutschland von erfolgreicheren Ländern lernen können, antwortete Schleicher, Bildung müsse in der Politik Priorität genießen. "Das klingt trivial, aber zeigen Sie mir einen deutschen Ministerpräsidenten, der Schulpolitik zur Chefsache gemacht hat! Zweitens glaubt die Gesellschaft in Pisa-Spitzenländern wie Japan oder Finnland an den Erfolg jedes einzelnen Schülers und erschwert nicht schon Zehnjährigen den Zugang zu höherer Bildung", sagte der OECD-Experte.

Schleicher lobte die Aussagekraft der Studien: Die Pisa-Schüler des Jahres 2000 seien inzwischen Mitte zwanzig. "Untersuchungen in Australien, Dänemark und Kanada haben gezeigt, dass die Ergebnisse im Pisa-Test eine hohe Prognosekraft für den Erfolg im Berufseinstieg und an der Universität haben, die die Prognosekraft von Schulnoten weit übertrifft."

Jahrelang im Streit verkeilt mit Ministern der deutschen Bildungsprovinzen

Er kritisierte zudem die fehlende Transparenz in Deutschland: Es sei das einzige Land, das die Pisa-Daten nicht ins Netz stelle. "Vielleicht fürchten einige Kultusminister um ihre Interpretationshoheit", so Schleicher in der "Zeit".

An Erfahrungen mit hyperventilierenden Kultusministern mangelt es Schleicher nicht - es kam immer wieder zum Streit um die Deutungshoheit und die Konsequenzen aus den miserablen bis mittelprächtigen deutschen Ergebnissen. So forderten im November 2007 die Minister der unionsgeführten Länder die Absetzung des Pisa-Koordinators; auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) schloss sich an. Ihnen passte Schleichers Kritik am dreigliedrigen Schulsystem nicht, manche verdammten die Pisa-Studie insgesamt: Sie sei von vornherein als Instrument angelegt, das gegen selektive Systeme eingesetzt werden solle.

Selbst namhafte Bildungsforscher wie der deutsche Pisa-Koordinator Manfred Prenzel oder der Dortmunder Wissenschaftler Wilfried Bos waren der Meinung, aus den Pisa-Daten lasse sich nicht herauslesen, dass die mittelmäßigen Leistungen von Schülern in Deutschland auf das dreigliedrige Schulsystem zurückzuführen seien.

Schleicher hatte die Kritik vehement zurückgewiesen und von einer "absurden Posse" gesprochen: "Für die Leistungsergebnisse selbst zeichnet aber die Bildungspolitik und nicht die OECD verantwortlich." Im Alltag laufe die Zusammenarbeit mit den Ministerien gut, sagt er heute. Wenn OECD-Daten zeigten, dass die Schulstruktur in Deutschland ein Problem sei, "dann sagen wir das. Das ist ja ein Diskussionsbeitrag und keine Anordnung".

bim/dpa

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
c++ 02.12.2010
1. .
Nichts Neues. Schleicher jedenfalls macht keine Riesenfortschritte, sondern verharrt in antiquierten Denkmustern. Dass Schulstruktur ohne Einfluss auf die Leistungsfähigkeit des Bildungssystems ist, kann man im förderalen Deutschland hervorragend sehen. Die Bundesländer mit strikter Gliedrigkeit sind die Bildungsspitzenreiter, Bundesländer mit einem höheren Anteil an Gesamtschulen schneiden schlechter ab. Völlig unsinnig ist auch die Behauptung, in Deutschland würden 10jährigen Bildungschancen vorenthalten. So etwas kann nur jemand erzählen, der im OECD-Elfenbeinturm sitzt und reiner Schreibtischexperte ist.
DerZauberer 02.12.2010
2.
Zitat von c++Nichts Neues. Schleicher jedenfalls macht keine Riesenfortschritte, sondern verharrt in antiquierten Denkmustern. Dass Schulstruktur ohne Einfluss auf die Leistungsfähigkeit des Bildungssystems ist, kann man im förderalen Deutschland hervorragend sehen. Die Bundesländer mit strikter Gliedrigkeit sind die Bildungsspitzenreiter, Bundesländer mit einem höheren Anteil an Gesamtschulen schneiden schlechter ab. Völlig unsinnig ist auch die Behauptung, in Deutschland würden 10jährigen Bildungschancen vorenthalten. So etwas kann nur jemand erzählen, der im OECD-Elfenbeinturm sitzt und reiner Schreibtischexperte ist.
Was ist daran bitte unsinnig? Nach der vierten Klasse (also nach einem Drittel der maximal möglichen Schulzeit, wenn man noch ein Studium drauflegt wohl nach einem Viertel der Ausbildungszeit insgesamt) wird Kindern der Stempel "zu doof" auf die Stirn gedrückt und sie werden an die Hauptschule gesteckt. Dort haben es selbst helle Köpfe dann oft schwer. Eine gute Kollegin hat sich hier in Bayern über Hauptschule, Realschule, Gynmasium (1,x Abi) bis hin zum Hochschulstudium gehangelt - gegenüber einem "normalen" Schüler, der nach der 4. Klasse einfach "weiter" ist, ist das eine ziemliche Ochsentour. Die macht nicht jeder mit. Mann kann bei Kindern in der 4. Klasse keine seriösen Prognosen über die weitere Entwicklung und schulische Leistungsfähigkeit treffen - das haben andere Staaten erkannt, nur wenige (vor allem deutschsprachige...) Länder glauben das nach wie vor nicht.
saint-bernard 02.12.2010
3. x
und was ist mit Kindern, die in der 4.Klasse eine Hauptschulempfehlung bekommen? Deutschland produziert Bildungsverlierer und beklagt sich über Fachkräftemangel. Wir sollten uns an Schulsystemen wie in Kanada oder Finnland ein Beispiel nehmen statt auf einer Bildungsbaustelle zu verharren, die auch noch in 16 Bundesländern anders aussieht. Schule sollte Spaß machen und motivieren, doch such mal jemanden in den heutigen Schulen, der sich bei Unterrichtsausfall nicht freut. Die Pädagogik ist schlecht, die Lehrpläne zugemüllt...
DanielaMund, 02.12.2010
4. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von DerZaubererWas ist daran bitte unsinnig? Nach der vierten Klasse (also nach einem Drittel der maximal möglichen Schulzeit, wenn man noch ein Studium drauflegt wohl nach einem Viertel der Ausbildungszeit insgesamt) wird Kindern der Stempel "zu doof" auf die Stirn gedrückt und sie werden an die Hauptschule gesteckt. Dort haben es selbst helle Köpfe dann oft schwer. Eine gute Kollegin hat sich hier in Bayern über Hauptschule, Realschule, Gynmasium (1,x Abi) bis hin zum Hochschulstudium gehangelt - gegenüber einem "normalen" Schüler, der nach der 4. Klasse einfach "weiter" ist, ist das eine ziemliche Ochsentour. Die macht nicht jeder mit. Mann kann bei Kindern in der 4. Klasse keine seriösen Prognosen über die weitere Entwicklung und schulische Leistungsfähigkeit treffen - das haben andere Staaten erkannt, nur wenige (vor allem deutschsprachige...) Länder glauben das nach wie vor nicht.
a) hat es ja Ihre Kollegin entgegen "allen 10jährigen wird ja die Zukunft verbaut" geschafft ein Abi zu bekommen, weil diese 3gliedrige Schulsystem nämlich durchlässig ist, wenn die Leistungen stimmen b) weiß niemand, ob Ihr Kollegin nicht an einer gesamtschule in der 5. vollkommen frustiert gewesen wäre und zur lernverweigerin geworden wäre, wenn sie festgestellt hätte, dass sich die besten 20 % im unterricht nur langweilen, während sie richtig keulen muss, um dem Unterricht zu folgen.
Geometretos 02.12.2010
5. .
Zitat von DerZaubererWas ist daran bitte unsinnig? Nach der vierten Klasse (also nach einem Drittel der maximal möglichen Schulzeit, wenn man noch ein Studium drauflegt wohl nach einem Viertel der Ausbildungszeit insgesamt) wird Kindern der Stempel "zu doof" auf die Stirn gedrückt und sie werden an die Hauptschule gesteckt. Dort haben es selbst helle Köpfe dann oft schwer. Eine gute Kollegin hat sich hier in Bayern über Hauptschule, Realschule, Gynmasium (1,x Abi) bis hin zum Hochschulstudium gehangelt - gegenüber einem "normalen" Schüler, der nach der 4. Klasse einfach "weiter" ist, ist das eine ziemliche Ochsentour. Die macht nicht jeder mit. Mann kann bei Kindern in der 4. Klasse keine seriösen Prognosen über die weitere Entwicklung und schulische Leistungsfähigkeit treffen - das haben andere Staaten erkannt, nur wenige (vor allem deutschsprachige...) Länder glauben das nach wie vor nicht.
Bin Gymnasiallehrer für Mathematik. In der 5. Klasse kann man mit ziemlicher Sicherheit schon voraussagen, ob ein Schüler die Schule vorzeitig verläßt oder sein Abitur gut, mittel oder gerade so schafft. Die Grundschullehrer können das sicher noch besser, weil sie die Kinder ja mehr als 20 und nicht nur 4 Stunden pro Woche unterrichten. Das Beispiel Ihrer Kollegin beweist, daß auch im Falle einer Fehleinschätzung "Spätentwickler" nicht vom Universitätsbesuch ausgeschlossen werden. Diese Fehleinschätzungen sind der Preis, der bezahlt werden muß, damit in (einigermaßen) homogenen Gruppen wesentlich effektiver gelernt werden kann. Zu Pisa selbst: Jeder (Mathematiker), der sich mit den Originalergebnissen (also nicht den fetten Überschriften in Spon) beschäftigt, lacht sich schlapp über die vielen handwerklichen Fehler. Es ist traurig, daß er die Vorurteile so vieler (linker) Zeitungsredakteure bedient. PS: Komme selbst aus einer Handwerkerfamilie.
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