Mädchen-Bildung in Afghanistan Geheimschulen und Dorfprojekte

Die meisten afghanischen Frauen und Mädchen können weder lesen noch schreiben. In Kabul werden sie manchmal in den Höfen von Privathäusern unterrichtet. In einem Dorf bei Kunduz half ein deutscher Verein, zwei Schulen zu bauen - eine für Jungs, eine für Mädchen.


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Schulen in Afghanistan: Unterricht in Zelten
Mahdschan, 40, lebt in Kabul und hört auf das, was ihr Ehemann sagt. Weil ihr Mann gesagt hat, die Töchter dürften nicht in die Schule gehen, bleiben sie artig zu Hause. Damit sie trotzdem lernen können, um eines Tages nicht mehr nur auf das hören zu müssen, was der Mann sagt, dachte sich Mahdschan einen Trick aus.

"Während er arbeitet, öffne ich den Hof unseres Hauses", sagt sie - "für eine Lese- und Schreibklasse". Sie hat den Innenhof hinter den hohen, alten Mauern um ihr Grundstück im Zentrum Kabuls zum Klassenzimmer gemacht. Dort sitzt Mahdschan nun jeden Tag zwei Stunden lang mit ihren Töchtern und lernt das Alphabet. 20 andere Schüler aus der Nachbarschaft zwängen sich mit ihnen vor die Tafel.

Afghanistan ist eines der Länder mit der weltweit höchsten Analphabetenrate: Kaum mehr als eine von zehn Frauen kann lesen oder schreiben; selbst bei den Männern können das nur vier von zehn. Zum Vergleich: Im Irak können mehr als 80 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen lesen und schreiben.

30 Jahre Krieg haben Afghanistan, das bergige Land mit den extremen Klimaverhältnissen und der schlechten Infrastruktur, in der Entwicklung weit zurückgeworfen. Nie war das so sichtbar wie zwischen 1996 und 2001 unter der Herrschaft der Taliban.

Sie ließen Mädchen und Frauen nicht zur Schule gehen, sperrten sie von jeder Bildung aus. Erst seit Januar 2003 steht in der neuen Verfassung, dass Frauen das gleiche Recht auf Bildung haben wie Männer. Inzwischen geht nach Angaben von Unicef zumindest etwa jedes dritte Mädchen zur Schule.

Die Schüler hängen an den Lippen von Fachria Sidiki, die Lehrerin steht in der Ecke des Innenhofs von Mahdschan und unterrichtet. Bezahlt wird sie von der afghanischen Regierung, die das Land alphabetisieren will und dafür fast zwölf Millionen Dollar (umgerechnet rund 8,4 Millionen Euro) über das Budget für Schulen und Bildung hinaus bereitgestellt hat, vor allem mit Hilfe von UN-Behörden.

Der Fortschritt muss manchmal durch die Hintertür

"Bildung", sagt auch Omar Sayami, "ist die wichtigste Säule des gesellschaftlichen Fortschritts in Afghanistan. Ohne Bildung wird nichts vorwärts gehen, ohne Bildung werden vor allem die Frauen ihr Wünsche nicht artikulieren können."

Sayami startete vor knapp drei Jahren das Projekt, eine Schule in einer ländlichen Region im Norden des Landes zu bauen. Er hat einen afghanischen Vater, lebte als Kind in Afghanistan und kam im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland. 2005 gründete er die "Initiative Afghanistan". Der Art Director bei SPIEGEL ONLINE legte eine dreimonatige Auszeit ein, reiste durch Afghanistan und suchte nach einem Ort, der eine Schule brauchte.

Eigentlich wollte er in den Süden. "Gerade die Menschen dort brauchen Hoffnung", sagt Sayami. Aber das Projekt einer Schule im umkämpften Süden war zu gefährlich.

im Norden herrscht mancherorts eine Art Konkurrenz zwischen den Hilfsorganisationen: "Da haben manche einfach eine Schule in die Gegend gebaut, weil sie ihre Gelder noch vor Jahresende los werden mussten", sagt Sayami. "Und heute nutzt das Gebäude keiner."

Eine Schule für die Jungs, die Mädchen saßen weiter im Staub

Sayami wurde fündig: Im Dorf Char Gul Tepa in der Nähe der Stadt Kunduz wartete man schon lange auf eine Schule. Er sprach beim Tee mit dem Mullah. Dann mit dem Ortsbürgermeister, wieder bei einem Tee. Dann mit dem Polizeichef, es gab Tee. Er sprach mit Lehrern, Schülern, Dorfbewohnern. Es gab Gallonen von Tee.

Irgendwann war man sich einig: Char Gul Tepa bekommt eine Schule. Sayami begann Spenden zu sammeln bei Bekannten, Freunden, im Verlag in Hamburg, in der Redaktion - 80.000 US-Dollar.

Er verhandelte mit Beamten in Kunduz und Kabul - und immer wieder versuchte jemand die Hand aufzuhalten. Aber Sayami blieb strikt: "Ich habe von Anfang an zu allen gesagt: Diese Schulen werden ohne Mauschelei aufgebaut. Wem das nicht passt, der soll nicht mitmachen." Schon im Juni 2005 konnte der Bau beginnen.

Die Männer von Char Gul Tepa wollten eine Schule zunächst nur für Jungs. Die Mädchen mussten erstmal weiter auf dem staubigen Boden lernen. Doch Sayami war sich mit den Dorfbewohnern einig: Als nächstes sollte es eine Mädchenschule geben. Erneut führte er Gespräche, flog hin und her zwischen Afghanistan und Hamburg, bis der letzte Urlaubstag verbraucht war.

Er sammelte wieder Spenden. Diese Schule sollte 180.000 US-Dollar kosten. Auf Anregung der "Initiative Afghanistan" übernahm dann die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) einen Großteil der Finanzierung. Sayamis Verein zahlt Außenanlagen, zusätzliche Klassenzimmer, die Bibliothek und den Sportplatz.

1.000 Bücher für Char Gul Tepa

Char Gul Tepa ist zu einem Anziehungspunkt geworden: Dass es da eine Schule gibt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Neue Siedlungen entstehen rund herum.

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Hilfsprojekt: Mädchenschule in Afghanistan

Zur Eröffnung der neuen Mädchenschule im August dieses Jahres kamen die Dorfbewohner, der Distriktgouverneur, der Abgesandte des Kultusministeriums und einige ausländische Gäste, auch jemand vom Auswärtigen Amt.

Und Sayami brachte eine Bibliothek mit 1000 Büchern mit. Nicht einmal dafür hat der Staat, haben die Gemeinden in Afghanistan das nötige Geld, geschweige denn für dringend benötigte Schulbücher und Hefte.

Nach Regierungsangaben haben fast 276.000 Erwachsene in mehr als 10.000 Bildungszentren lesen und schreiben gelernt, seit die Taliban gestürzt und die Regierung von Hamid Karsai an der Macht ist. Das klingt gut.

"Klar, es könnte jeden Moment knallen, direkt neben mir"

Die Realität sieht aber so aus: Meist ist selbst das Bildungsniveau der Lehrer noch niedrig, Pädagogen fehlen überall. Darum hilft in den Schulen jeder aus, der kann: Oft, ohne jemals studiert zu haben oder auch nur einen qualifizierten Schulabschluss vorweisen zu können. Unicef und viele andere Organisationen fördern deswegen die Lehrerausbildung.

Im friedlichen Char Gul Tepa sehen die Schüler und Schülerinnen ihrer Zukunft halbwegs optimistisch entgegen. In vielen Landesteilen aber ist es deutlich gefährlicher geworden. Immer wieder kommen Nachrichten von einer neuen Entführung, einem weiteren Attentat.

Auch Omar Sayami konnte sich bei seinem letzten Besuch nicht mehr so frei bewegen, wie er das eigentlich gewohnt war - in dem Land, in dem er seine Kindheit verbracht. "Da ich die Landessprache spreche, nehmen mich die Leute als einen der ihren wahr. Aber ich musste zum ersten Mal einen Flieger von Kabul nach Kunduz benutzen. Es war Ausländern nicht erlaubt, ohne Polizeischutz über Land die Hauptstadt zu verlassen. Außerdem hatte ich plötzlich öfter diese Momente, in denen ich dachte: Klar, es könnte jeden Moment knallen, gleich hier, direkt neben mir."

Im Süden und Osten des Landes sind auch zahlreiche Schulen und vor allem ihre Lehrer und Schüler in die Schusslinie der Taliban geraten. Aber Sayami wird wieder nach Afghanistan fahren, nach Char Gul Tepa, nach Kabul. Sein nächstes Projekt steht schon fest: Sein Verein will afghanischen Frauen dabei helfen, qualifizierte Berufe zu lernen und Arbeit zu bekommen.

Von Beatrice Khadige, afp, und Markus Flohr



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