Mail aus Yale Keine Gnade auf dem Elite-Campus

Wie fühlt sich einer, der nach dem ersten Semester an einer US-Eliteuni zurück in Neuss ist? Nach harter Klausurphase sinniert Thomas König, 19, in der Heimat über seine persönliche Yale-Bilanz: 15 Partys, elf Dates - und 70 unpassende Bemerkungen.


"Ey, isch weiß doch auch nich', was der gemacht hat. Hab' auch keinen Bock auf den! Klar, Mann, ja, bis dann, Alter."

Kein Zweifel, ich war wieder zu Hause. Diese kleine Handykonversation auf der hintersten Sitzreihe meines einstigen Schulbusses, Linie 851, machte es klar: Nach viereinhalb Monaten fuhr ich wieder durch Neuss am Rhein statt durch New Haven Richtung Yale Campus. Es hatte sich anscheinend nichts verändert.

Wenn man eine Weile von zu Hause weg ist und sich das eigene Leben völlig wandelt, erwartet man irgendwie, dass diese Veränderungen auch das "alte Zuhause" einschließen. Ich habe mich sehr an meine neue Umgebung in Yale gewöhnt. Als ich in Düsseldorf erschöpft aus dem Flugzeug stieg und meine Mutter in die Arme schloss, fand ich es schon ein wenig befremdlich, niemanden mit einem Yale-Sweatshirt herumlaufen zu sehen.

Hier aber war alles beim Alten: das Wetter nieselig, die Leute gestresst. Mein altes Zimmer wirkte ein wenig leer. Mit üblem Jetlag fiel ich sofort ins Bett, bis es an der Tür klingelte und meine Freunde mir in die Arme fielen. Auch sie waren wie immer.

Langsam dämmerte mir: Glücklicherweise hatte ich mich gar nicht so umgekrempelt, wie ich dachte. Nach zwei Tagen war es, als wäre ich gar nicht weg gewesen: Meine Mutter regte sich über herumliegende Kleidung auf, die Hunde bellten bei jedem Türklingeln, mein Opa nahm gern ein Gläschen Wein mit meinem Stiefvater, und mein Bruder hatte keine Zeit für mich. Ich aber war entspannter. Ich genoss den freien Wäscheservice, den vollen Kühlschrank, ausgeschaltete Wecker und die Gesellschaft meiner family and friends. Nach vier Monaten Yale sind die Prioritäten anders als zuvor.

Deutschland wirkt jetzt surreal

Das liegt auch daran, dass die letzten Wochen vor der Winter Break alles andere als entspannt waren: Mit den finals, mündlichen Prüfungen, sowie papers, die ich zu schreiben hatte, wuchs mir - wie eigentlich allen Studenten - das Arbeitspensum schnell über den Kopf. Auch wenn es unser erstes Semester war, hatte Yale keine Gnade mit uns.

Den Yalies wird viel geboten, doch wir müssen auch Einsatz zeigen. So kam wieder einmal der Grundsatz "Nicht schlafen - arbeiten!" auf dem Campus zum Einsatz. Der erste Schnee fiel, ich werde es nie vergessen, um 7.11 Uhr morgens und wurde von uns von den Bibliotheksfenstern aus beobachtet. Die Weihnachtssänger, die im Dezember durch New Haven zogen und Lieder wie Have Yourself a Merry Little Christmas und Jingle Bells zum Besten gaben, waren für uns nur vage hörbar, während wir hinter 500-Seiten-Schinken und Notizheften fieberhaft paukten.

Als alles vorbei war, konnte ich kaum glauben, dass ich wirklich nach Deutschland fliegen durfte. Plötzlich war ich frei, zumindest für ein paar Wochen. Natürlich musste das gehörig gefeiert werden (allein in meinem Flur im Wohnheim fanden in einer Nacht drei riesige Partys statt), bevor wir uns auf den Weg in die Heimat machten.

Und dann saß ich wieder im 851er. Noch habe ich nicht ganz begriffen, dass diese beiden Leben zusammen gehören. Jetzt in Neuss fühlt sich Yale unglaublich fern und surreal an; dasselbe gilt für Neuss, wenn ich in Yale bin. Das wird schon, da bin ich mir sicher.

Was erwartet mich nun in Yale? Erstmal "Die Möwe" von Anton Tschechow auf die Bühne bringen, die Improvisier-Gruppe weiter ausbauen, die YMUN (Yale Model United Nations) vorbereiten, meine Bewerbungen schreiben, um im Sommer nach China zu gehen. Viel zu tun.

Meine persönliche Yale-Statistik:

  • Partys beigewohnt: etwa 15
  • betrunkenen Freunden unter die Arme gegriffen: vier Mal
  • betrunkenen Freunden peinliche Geheimnisse entlockt: elf Mal
  • die ersten beiden "Veronica Mars"-Staffeln gesehen: drei Mal
  • Tofu gegessen: mindestens 40 Mal
  • zu viel gegessen: zu Thanksgiving
  • zu viel gelernt: von Oktober bis Dezember
  • zu viel über Harvard gelästert: nie
  • auf Dates gegangen: 11,5 Mal
  • die DJ Sachen meines Roommate zu seinem nächsten Gig geschleppt: zwei Mal
  • mich über Leserbriefe empört: einmal
  • auf Chinesisch Essen bestellt: einmal
  • auf Chinesisch etwas Unpassendes gesagt: mindestens 70 Mal

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