Marcs Studienstart Mit Superman durch die Klausurphase

Erstsemester Marc Röhlig stolpert in Freiburg durch seine ersten Prüfungen, inklusive Latein. Hätte er doch nur Superhelden-Fähigkeiten! Stattdessen übermannt ihn dasselbe flaue Gefühl im Magen wie als Kind auf der guten alten Berg-und-Tal-Bahn.


Filmheld Superman: Hätte auch an der Uni nicht schlecht abgeschnitten
WARNER BROS.

Filmheld Superman: Hätte auch an der Uni nicht schlecht abgeschnitten

In meiner Heimatstadt Gera gab es zweimal im Jahr einen Rummelplatz. Neben Autoscooter, Losbuden und Zuckerwatteständen stand das "Breakdance", eine aufregende krakenförmige Wirbelapparatur, die ihre Sitzkapseln in sich selbst umherschleudert. Zum Mitfahren war ich lange Zeit zu klein. Mein Vater ging mit mir daher lieber auf die altmodische "Berg-und-Tal-Bahn". Eine Ladung quietschbunter Waggons fuhr stets im Kreis auf und ab, dazu ertönte Scooter, Dr. Alban oder die erste Single der Backstreet Boys. Über dem Eingang hing ein aufgemalter Superman. Das Tolle an der Berg-und-Tal-Bahn war: Man wusste vorher schon, dass es nur auf und ab geht, und fand sie trotzdem immer wieder aufregend.

Leider gleicht auch mein Studium einer Berg-und-Tal-Fahrt - es geht rauf und runter, immer wieder von vorn. In den ersten Wochen sagte ich: Hey, ich bin Student, lasst die Kühe fliegen! Kurz danach dann: Hey, ich bin Student, klemmt euch hinter die Bücher. Nur um schließlich wieder zu sagen: Moment mal, ich bin doch Student, also auf zur Party, lasst die Kühe höher fliegen. Plötzlich ist das Semester zu Ende, und ich muss Klausuren schreiben. Hey, ich bin Student, ich will noch nicht lernen.

Tatsächlich kam die Klausurenwelle angerauscht wie ein Schnellzug. Den hatte ich schon lange gehört, aber noch nicht gesehen. Jetzt zerwühlt mir der Fahrtwind die Haare und zwingt mich an den Schreibtisch. Die Lateinklausur kam als erstes. Und die musste ich mitschreiben, so hatte es der Studienbeauftragte Herr Schwendemann gesagt.

Wie schlimm ist Latein wirklich?

Schneller als ich "Rückmeldestudiengebühr" sagen kann, hatte mir die gute Seele der Studienberatung noch eine Woche vor der Klausur eine Lateinflucht ausgetrieben. Ich wollte auf den Studiengang "Neuere und Neuste Geschichte" wechseln, er erklärte eine Umbuchung für nicht möglich, die Studienrichtung werde abgeschafft. Ich ging also nach Hause und presste mir Vokabeln in den Kopf.

Mittlerweile hat sich herausgestellt: Das war ein Missverständnis. Tatsächlich wird nur der alte Magisterstudiengang zu den Akten gelegt, ich jedoch gehöre zum neustudentischen Gewächs "Bachelor". Und hier kann man jederzeit in die Neuere Geschichte wechseln und damit um Latein herumkommen. Theoretisch.

Aber will ich das überhaupt noch? Die Verwirrungen in Herrn Schwendemanns Beratungszimmer haben zu einem Erweckungserlebnis geführt: Latein ist gar nicht so schlimm. Es bleibt eine Hassliebe, aber jetzt weiß ich, dass man Lateinklausuren meistern kann. Mit meinem Stowasser unterm schweißnassen Arm habe ich die erste Klausur mit einer Drei bestanden. Wow, was für eine Genugtuung. Zweites Lateinsemester, ich komme.

Mein Gefühlschaos beschränkt sich nicht nur auf Latein. Das ganze Studium besteht aus Schwitzen, Zittern, Freuen und enttäuscht werden – und dann wieder Aufatmen. Emotional geht es rauf und runter, wie auf der Berg-und-Tal-Bahn. Kaum ist die erste Klausur bestanden, wartet die zweite mit noch höheren Hürden. Kaum sind diese genommen, wirkt die dritte wie unüberwindbar. Da wünscht man sich Superheldenfähigkeiten.

Denn Superman konnte nicht nur fliegen, durch Wände gucken und Gewehrkugeln abwehren. Er konnte auch Bücher mit einmal durchblättern lesen, mit Tolstoi wäre er in fünf Sekunden fertig gewesen und hätte dazwischen noch ein paar böse Buben verhauen. Früher, also im Rummelzeitalter, wollte ich auch über Wolkenkratzer fliegen und böse Buben verhauen. Heute würde mir das Bücher-Scannen reichen. Tatsächlich klappt es auch ohne Umhang und roten Schlüpfer. Denn wenn alles geschafft ist, zuckt der Student mit den Schultern und "fand's dann doch nicht so schlimm". Die Superhelden aus der Kindheit weichen dem Studentenhelden von heute.

Nach meinen ersten drei Runden Berg-und-Tal-Bahn war mir damals richtig schlecht. Ich übergab mich auf den Beifahrersitz meines Vaters. Das Erlebnis war großartig, aber die Verdauung missglückt. Diesmal wird es anders sein: Die Prüfungszeit bereitet dir Bauchschmerzen, das Gefühl danach wird großartig.



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