Markus Kavka übers Altwerden "Ich mach's mir lustig"

Was macht das Gesicht einer Generation, wenn es älter wird? Ein Gespräch mit Ex-MTV-Mann Markus Kavka, 47, übers Erwachsenwerden, Verlobungen, gute Musik und Zweisamkeit mit Madonna.

MTV

Ein Interview von Paul Andrä und Erik Dabbert


Zur Person
  • Schröder+Schömbs PR
    Markus Kavka, 47, war lange Zeit Anchorman des Musiksenders MTV. Es gab kaum einen Jugendlichen in den Nullerjahren, der seine Shows nicht kannte. Heute lebt Kavka in Berlin und arbeitet als DJ, Blogger, Kolumnist und Buchautor. Im Herbst startet die nächste Staffel seiner Sendung "Number One" auf ZDFkultur.
Kavka: Hallo?

Frage: Hallo. Markus?

Kavka: Am Apparat.

Frage: Markus, du bist…

Kavka: Einen Moment, ich glaube ich muss auf den Balkon gehen, wegen des miesen Handynetzes hier. So, ich denke jetzt geht's.

Frage: Markus, du bist mittlerweile 47. Müssen wir dich siezen?

Kavka: Nein, um Gottes willen. Das macht niemand. Und das soll auch niemand.

Frage: Weil du dich dann alt fühlst?

Kavka: Ach, nicht deswegen. Mein Job ist sowieso eher ein "Duz-Job", ich bin es also so gewöhnt.

Frage: Hast du Angst davor, erwachsen zu werden?

Kavka: Ich bin doch erwachsen. Das sollte ich ja auch sein in meinem Alter. Aber man sollte Erwachsenwerden und -sein gar nicht so sehr daran festmachen, wie man aussieht, wo man jobbt oder für wen. Den Kram, den ich im Fernsehen mache, den gucken 15-Jährige genauso wie 50-Jährige. Man verständigt sich heute eben mehr über Interessen als über das Alter.

Frage: Also bist du im Grunde nur du selbst.

Kavka: Ja, so abgedroschen das klingt. Ich mache die Sachen, die mich interessieren, und stelle die Fragen, die mich bewegen.

Frage: Aber was, wenn das Du-selbst-Sein bedeutet, irgendwann als "chronisch jung gebliebener, operierter und Viagra fressender Zombie, quasi als Bastard aus Thomas Gottschalk, Mickey Rourke und Ozzy Osbourne, als Dorian Grey 2.0" [Kavka über Kavka in seinem Buch "Hamma wieder was gelernt" - d. Red.] aufzuwachen?

Kavka: Ach, das ist eine Horrorvision, die so nie eintreten wird. Ich werde mich weder operieren, noch mit dem Rollstuhl in den Klub schieben lassen. Vor 20 Jahren konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass ich den Job heute immer noch machen würde. Und ich werde den wahrscheinlich in 20 Jahren auch nicht mehr machen. Aber dann suche ich mir etwas anderes, was mir Spaß bereitet. Solange ich körperlich noch in der Lage bin, mache ich einfach weiter. Bis ich umfalle.

Frage: Hast du eigentlich Kinder?

Kavka: Nein.

Frage: Schon mal verheiratet gewesen?

Kavka: Auch nicht.

Frage: Verlobt?

Kavka: Keine Ahnung, ob man das so nennen kann aber es gab durchaus schon zwei, drei Frauen, da war es eigentlich fast so weit. Aber dann ist nichts draus geworden.

Frage: Immerhin.

Kavka: Na ja, Verlobungen sind ja auch nur Schall und Rauch.

Frage: War der 40. Geburtstag für dich ein Schock?

Kavka: Nee, gar nicht.

Frage: Weil du mit 40 gesagt hast, dass du mit 45 wohl verheiratet bist. Und Kinder hast.

Kavka: Vor fünf Jahren konnte man sich das auch ungefähr denken. Mit Fünfzig bin ich dann so weit. Oder vielleicht auch nicht. Wenn man schon zwei-, dreimal das Gefühl hat, man wäre jetzt angekommen und kurz davor ist, eine Familie zu gründen, und es nicht klappt, aus welchen Gründen auch immer, dann ändert sich deine Sicht auf solche Dinge. Dann lernt man, dass man das nicht erzwingen kann. Und anstatt darüber traurig zu sein, macht man das Beste daraus und führt ein Leben, bei dem man auch allein Spaß haben kann. Bei dem man sich selbst genügt. Ich lebe einfach eher in den Tag herein und lass es auf mich zukommen. Keine Ahnung, wie überhaupt der nächste Monat aussehen wird, geschweige denn das nächste Jahr. Ich will auch gar nicht wirklich wissen, wie das aussehen wird. Da guck ich lieber von einem Tag auf den nächsten und mach's mir lustig.

Frage: Dann steht also am Ende von zehn Jahren Jetset und Unbeständigkeit die Erkenntnis, dass der Weg das Ziel ist?

Kavka: So kann man das sagen. Ich bin jetzt seit… äh, lass mich mal rechnen… seit gut 25 Jahren Musikjournalist, seit fünfzehn Jahren im Fernsehen, und wenn es nach mir geht, könnte das gern noch so weitergehen. Vielleicht denke ich auch irgendwann: "Jetzt reicht es langsam, jetzt sollte ich mal zur Ruhe kommen", aber ein fester Vorsatz steckt da nicht dahinter. Vielleicht denke ich auch nie so, und dann komme ich eben bis ans Ende meiner Tage nicht zur Ruhe. Wäre auch okay.

Frage: Von allen Berühmtheiten, die du im Laufe deiner Karriere getroffen hast - Bono, Lars Ulrich, Ozzy Osbourne, Joe Cocker, Robbie Williams, Patti Smith, Farin Urlaub und so weiter - wer stach da heraus?

Kavka: Es gibt schon Leute, die einen nachhaltig beeindrucken.

Frage: Wer denn?

Kavka: Madonna zum Beispiel. Und das, obwohl ich nie wirklich Fan ihrer Musik war. Aber wenn man sie trifft, dann kann man schon ungefähr nachvollziehen, warum sie so ein Superstar ist. Sie hat einfach die entsprechende Ausstrahlung.

Frage: Trotz ihrer hyperkontrollsüchtigen Managerin, Liz Rosenberg?

Kavka: Wenn man die erst mal hinter sich gelassen hat und allein mit Madonna in einem Raum sitzt, ist alles total cool.

Frage: Nur du und Madonna und der Knopf in ihrem Ohr.

Kavka: Nee, den hat sie nicht.

Frage: Stimmt es auch, dass Phil Collins mit dir feiern gehen wollte?

Kavka: Ja, ich hatte ein Interview mit ihm und hinterher fragte er, ob wir nicht einen trinken gehen könnten, falls ich abends noch in der Stadt bin. Er ist wohl ein wenig einsam am Genfer See.

Frage: Wirklich?

Kavka: Ja, ist er. Aber ich bin nicht mit ihm ausgegangen. Man muss die Distanz wahren.

Frage: Hast du ihn wenigstens zurückgerufen?

Kavka: Nee.

Frage: Klingt nach bestätigten Stereotypen. Sind Stars also wirklich so spleenig, wie man denkt?

Kavka: Nicht wirklich. Die meisten sind Typen wie du und ich, die aber zufällig das Talent haben, Dinge zu erschaffen, die anderen Menschen eine Menge bedeuten.

Frage: Du warst mehr als zehn Jahre der Frontmann des deutschen Musikfernsehens. Dabei hatten die meisten Moderatoren MTV's für mich immer etwas von "Flucht ins 23. Jahrhundert", zumindest was das Alter angeht. Wie hast du es geschafft, so lange durchzuhalten?

Kavka: Ich denke, das kam daher, dass ich nie der süße Typ war, der unbedingt mal vor die Kamera musste. Ich wäre auch selbst nie auf die Idee gekommen, bei einem Casting mitzumachen. Aber irgendwann bin ich dann doch im Fernsehen gelandet, bloß ging es da um Inhalte, nicht ums Aussehen. Und wenn man einigermaßen weiß, wovon man redet, dann ist es auch nicht so wichtig, ob man nun über oder unter 30 ist.

Frage: Wie war die Zeit bei MTV?

Kavka: Das waren die fetten Jahre. Die Plattenfirmen hatten noch Geld, MTV hatte noch Geld, und das wurde manchmal auch wirklich mit beiden Händen zum Fenster rausgeworfen. Ich bin mindestens einmal im Monat nach Amerika geflogen, um irgendeine Band zu interviewen, bin jedes Jahr bei den MTV Music Awards in Miami oder New York gewesen und habe Sachen erlebt, die ein Normalsterblicher wahrscheinlich nicht erleben würde. Bis es dann vorbei war.

Frage: Kam die Kündigung unerwartet?

Kavka: Nicht ganz. Es hat sich alles von Jahr zu Jahr mehr abgezeichnet.

Frage: Hattest du Schiss vor dem, was danach kommt?

Kavka: Zu Beginn schon, immerhin war ich zehn Jahre fest angestellt. Aber es gab vorher schon Anfragen für dieses und jenes.

Frage: Keine Angst, in den Privatsendergossip abzudriften?

Kavka: Nö, gar nicht. Wenn sich jemand dazu entscheidet, mit mir eine Sendung zu machen, dann weiß derjenige auch, worauf man sich einlässt. Und alle anderen fragen mich erst gar nicht.

Frage: Inzwischen wird deine neue Sendung "Number One" auf ZDFkultur ausgestrahlt. Damit stehst du an der Seite von Leuten wie Jan Böhmermann, Manuel Möglich und Katrin Bauerfeind. Es sieht so aus, als wärst du schon wieder der Älteste.

Kavka: Vermutlich bin ich das. Vermutlich bin ich das fast immer. Ist mir gar nicht so explizit aufgefallen.

Frage: Sind die öffentlich-rechtlichen Spartenkanäle jetzt zum neuen MTV geworden?

Kavka: Im Moment sieht es danach aus.

Frage: Bist du dann rückblickend froh, rechtzeitig von MTV abgeworfen worden zu sein?

Kavka: Ja, schon. Das klassische Musikfernsehen war ja ein Ding der Neunziger und Zweitausender. Etwas, das es in der Form so nicht mehr geben kann oder wird.

Frage: Und wovon auch nur wenig übrig geblieben zu sein scheint. Auch was die Moderatoren angeht. Christian Ulmen und Nora Tschirner schauspielern jetzt, Charlotte Roche schreibt Bumsbücher, Stefan Raab prügelt sich mit Frauen. Aber du bist drangeblieben. Bauerfeind nannte dich einmal "den letzten Mohikaner" des Musikfernsehens.

Kavka: Der letzte Mohikaner, ja ja.

Frage: Sie hat ja recht.

Kavka: Joa, ja, irgendwie schon, doch. Na ja, ich hab ja auch sonst nichts gelernt. Ich bleib einfach dabei.

Frage: Und nebenbei bist du DJ. Und Kolumnist. Und Buchautor. Hast du Angst, dich festzulegen?

Kavka: Ich will mich nicht festlegen. Ich schreibe wahnsinnig gern, deshalb gibt es alle drei Jahre ein Buch von mir. Ich liebe Klubs und lege selbst saugern auf, deswegen bin ich jede zweite Woche als DJ unterwegs. Und das Fernsehding ist eben nach wie vor mein Job. Aber der allein wäre mir auf Dauer zu fad, ich muss schon noch ein paar andere Sachen machen.

Frage: Platten oder CDs?

Kavka: Das meiste digital.

Frage: Also kein Vinylnostalgiker.

Kavka: Doch. Ich habe an die 10.000 Platten und bis zum heutigen Tag noch keine davon verkauft oder verschenkt, sondern alle gehortet. Platten sind für mich Kulturgut. CDs haben mir noch nie etwas bedeutet, ich dachte schon immer, dass die scheiße klingen und scheiße aussehen.

Frage: Du hast einmal geschrieben, es gäbe heute kaum noch Musik, die dich berührt.

Kavka: Ach, das war eher eine Momentaufnahme. Ich habe bis vor sechs, sieben Jahren mindestens zur Hälfte Gitarrenmusik gehört und hatte dann irgendwann das Gefühl, wirklich alles zu kennen und nicht mehr richtig vom Hocker gerissen zu werden.

Frage: Lag das am Beruf?

Kavka: Kann schon sein. Wenn man acht Stunden am Tag Musik hört, dann ist man auch irgendwann übersättigt. Deshalb muss man lernen, den Beruf vom Privaten zu trennen und mal eine Platte zu hören, ohne gleich darüber nachzudenken, was man über die schreibt.

Frage: Musik, Autos und Frauen. Das sind die drei wichtigsten Dinge im Leben, hast du einmal mit Tarantino festgestellt.

Kavka: Hah. Ja, genau. Das klingt erst mal ziemlich plakativ, aber das sind wirklich die drei wichtigsten Dinge in meinem Leben. Ich würde vielleicht noch Fußball anhängen, damit hat Tarantino aber nichts am Hut.

Frage: Über Frauen und Musik haben wir jetzt schon gesprochen. Autos. Tarantino fährt privat einen 64er Chevrolet Malibu, den "Pulp Fiction"-Wagen. Du?

Kavka: Einen 79er Porsche Neunelfer. Der ist auch schneller.

Frage: Noch ein letzter Rat?

Kavka: Ach, das klingt immer so, als wäre ich der alte Onkel, der vom Krieg erzählt. Also, das Einzige, was ich euch raten kann, ist, zu versuchen, für die Dinge einzustehen, die euch wichtig sind. Jetzt schon. Versucht nicht so sehr, anderen zu gefallen, und macht was ihr wollt. Lasst euch nicht ins Hirn oder Herz scheißen.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
stranzjoseffrauss 07.08.2014
1. Man hätte noch fragen können
weshalb in der Übersetzung der doch so authentischen Interviews so viel weichgewaschen wurde. Der nur im Originaltext ironische Robbie Williams und die unterschlagenen Witze der Bee Gees passten wohl nicht zum ZDF-Kulturbegriff.
abby_thur 07.08.2014
2. Markus Kavka
Leider kommt seine aktuelle Sendung beim MDR dermaßen spät, dass ich sie wohl nie sehen werden.
sawadee11 07.08.2014
3.
Herrlich!
neoy 07.08.2014
4. Noch 'ne Frage an Herrn K.:
Bitte antworten Sie auf einer Skala von 1 (trifft gar nicht zu) bis 7 (trifft voll und ganz zu): "Wie sehr stimmen Sie der Aussage zu: Ich bin ein Narzisst?"... Kommentar meinerseits: unerträgliches, pseudoeloquentes und inhaltsentleertes Geschwurbel!
Hornblower, 07.08.2014
5. Wenn er für mich so jung aussieht
dann bin ich mächtig alt geworden. Danke für den Tipp
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