Ländervergleich in Mathe und Naturwissenschaften Was die Ost-Schulen stark macht

Im Osten die Gewinner, im Westen die Verlierer: Schüler in den neuen Bundesländern sind in Mathe und Naturwissenschaften viel stärker als die in den alten. Experten versuchen das mit der Schulhistorie der DDR zu erklären. Und greifen viel zu kurz.

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Schülerinnen beim Chemieunterricht: Gravierende Differenzen
Corbis

Schülerinnen beim Chemieunterricht: Gravierende Differenzen


Tiefgrün, also in der Landesfarbe, leuchtet das Bundesland Sachsen im Osten der Republik. Die Deutschlandkarte illustriert die Unterschiede beim Ländervergleich 2012 in Mathematik und Naturwissenschaften. Eingefärbt sind die Länder nach der Leistungsstärke der Neuntklässler in Mathematik, Biologie, Chemie und Physik, und die Differenzen sind gravierend.

Eine solche Karte sucht man in der Studie des Instituts zur Qualitätssicherung der Bildung (IQB) (hier als pdf) vergeblich. "Wie üblich ergeht der Appell von uns Wissenschaftlern an Sie, die einzelnen Rangplätze nicht überzubewerten", mahnte Institutsleiter Hans Anand-Pant, als er den Bericht vorstellte. Nicht einmal Ziffern schreiben das IQB und die Kultusministerkonferenz (KMK) vor die 16 Bundesländer. Eine Spitzengruppe, eine Gruppe der Underachiever, viel Mittelfeld - seit es die Schulvergleiche auch auf Länderebene gibt, geht das so.


DPA

KÖNNEN SIE MATHE, BIOLOGIE, CHEMIE UND PHYSIK?

Fragen wie diese mussten Deutschlands Schüler beim bundesweiten Schulvergleich beantworten: Wie entsteht Gänsehaut? Und wann kocht Wasser auf dem Mount Everest? Testen Sie sich selbst: Sind Sie fitter in Mathematik und Naturwissenschaften als ein Neuntklässler? Zum Quiz!


Trotzdem werden die Ergebnisse wieder gelesen wie Zeugnisse. NRW in Mathe? Fünf und setzen. Bremen? Sechs! Und Sachsen, Thüringen, Brandenburg sowie Sachsen-Anhalt - diesmal: eine glatte Eins. Neidvoll müssen die Blicke von Düsseldorf, Hamburg und sogar aus Stuttgart und München gen Osten gehen, verbunden mit der Frage: Wie machen die das nur?

Klar ist, dass es die eine umfassende Erklärung nicht gibt. Einiges liegt an sozialen Faktoren, die mit Schulpolitik nicht zu ändern sind, andere Faktoren haben sehr wohl mit den Schulen zu tun. Schulische und nicht-schulische Gründe für den Erfolg des Ostens im Überblick:

Historie: Einige Länder aus der Schlussgruppe, aber auch ostdeutsche Bildungspolitiker, sehen den Schlüssel zum Erfolg in der DDR-Vergangenheit: Im sozialistischen Deutschland gab es keine Hauptschule, alle Schüler besuchten bis zur zehnten Klasse gemeinsam die Polytechnischen Oberschulen (POS). Auf dem Stundenplan standen auch technische und handwerkliche Übungen. Mit der DDR endete zwar das POS-Modell, das hohe Ansehen und ein hoher Stundenanteil technischer und naturwissenschaftlicher Fächer blieb - und viele Lehrer sind davon nach wie vor geprägt.

Schulformen: Neben der Geschichte des naturwissenschaftlichen Unterrichts warten die ostdeutschen Bundesländer mit weiteren Besonderheiten auf: Sie setzten, bis auf kleine Ausnahmen, auch nach der Wende auf zwölf Schuljahre bis zum Abitur und führten keine Hauptschulen ein. Allerdings stimmt auch: Im Ländervergleich Deutsch vor drei Jahren war der Osten Mittelmaß, in Englisch sogar auf den hinteren Rängen. Forscher Pant schließt daraus, die Schulformen hätten keinen Einfluss auf den Lernerfolg. Wer allerdings möchte, dem dient auch beim Englischsprachniveau der Hinweis auf die antiwestlich ausgerichtete Schulgeschichte der DDR als mögliches Argument.

Reformen vs. keine Reformen: Sorgt Unruhe in der Schulpolitik für schlechte Ergebnisse? Baden-Württemberg hat sein Schulsystem jüngst unter einer grün-roten Landesregierung umgebaut und die Schulform Gemeinschaftsschule eingeführt. Das Land fiel im Vergleich zur letzten Pisa-E-Untersuchung der Bundesländer zurück. Der Osten blieb beim zweigliedrigen Schulsystem und fuhr gut damit. Das konservative Bayern allerdings fiel trotz Reformscheu im Fach Biologie aus der Spitzengruppe und ist in Mathematik, Physik und Chemie nur noch knapp in der Spitzengruppe vertreten.

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Soziale Herkunft: Ein erneut konstatierter Befund: Wer dank Geburt aus einem Elternhaus mit hohem sozialen Status kommt, der profitiert im deutschen Bildungssystem auf allen Ebenen - so auch die Neuntklässler in Mathe und Naturwissenschaften. Zwischen Jugendlichen aus wohlhabendem Elternhaus und sozial schwachen, bildungsfernen Jugendlichen liegen bis zu 82 Leistungspunkte Differenz. Das entspricht einem Lernvorsprung von über zwei Schuljahren. Wer in großen Städten in die betonierten Randgebiete fährt, oder in entvölkerte Landstriche im Osten, kann sehen, wo die schulischen Verlierer wohnen. Hier könnte ein Grund für das Leistungsgefälle innerhalb der Spitzengruppe zwischen dem reicheren Sachsen und dem armen Mecklenburg-Vorpommern liegen, die sich in ihrer Schulpolitik kaum unterscheiden.

Migrationshintergrund: Hier stellen die Kultusminister in ihrer gemeinsame Presseerklärung fest: Bundesweit bestehe eine "erhebliche Leistungsdifferenz" zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Wie das bei Rechenaufgaben sein kann? Wie schon bei Pisa und Iglu sind die Testfragen in Mathe und Naturwissenschaften in erster Linie als Texte formuliert. Das bedeutet: Wer Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hat, steht schnell und vielleicht zu Unrecht als Matheverlierer da. Hier spielt der verschwindend geringe Migrantenanteil der Ostländer ihnen offenbar zusätzlich in die Karten.

Erfolgreiche Gymnasien: Eine Überraschung aus den erfolgreichen Ostländern: Sie zeigen, dass ein Gymnasium bei der Schülerauswahl nicht hart selektieren muss, um erfolgreich zu sein. Etwas mehr als vier von zehn Schülern besuchen in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ein Gymnasium, die gymnasialen Leistungen sind trotzdem hervorragend. In anderen Bundesländern freilich sinkt die Leistung der Gymnasien, wenn die Gymnasialquote steigt. Dass es den Ostländern gelingt, diese Koppelung aufzulösen, stellen die Forscher positiv heraus. Institutsleiter Hans Anand-Pant dazu: "Es ist durchaus möglich, hohe Gymnasialquoten mit guten Leistungen zu verbinden."

Und was machen die Kultusminister? Am Freitag kündigten sie an, mehr für die Ausbildung der Mathe-Lehrer zu tun, weil derzeit 15 Prozent fachfremde Lehrer in Mathematik unterrichten. Mit Sprachförderung in jungen Jahren kämpfen sie außerdem seit Jahren und durchaus erfolgreich gegen Sprachdefizite bei Bildungsfernen und Migranten an. Ob und wann solche Maßnahmen wirken, darüber wird auch der nächste Bildungsvergleich wenig aussagen können. Bis Bildungsreformen wirken, dauert es Jahre.

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sgd1953 11.10.2013
1. Hoppla
Nicht das der wessi von der Einheit profitiert. Das passt so har nicht in sein Weltbild :-D
CA-Fire 11.10.2013
2. Kernkompetenzen
Ja, das waren mal die Kernkompetenzen in Deutschlands Bildungssystem. In diesen Bereichen waren wir mal Weltklasse. Leider hat deren Platz jetzt die Sozial"wissenschaft" und Wirtschaftswissenschaft übernommen und da sind andere Nationen ebend besser. Hoffentlich besinnen sich Deutsche Bildungspolitiker bald darauf, die Kernkompetenzen zurück zu gewinnen.
m1323 11.10.2013
3. Das Hauptproblem...
...ist in meinen Augen das jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht. Das ganze Schulsystem muss bundesweit einheitlich sein. Ich selbst bin 9 Jahre in der DDR zur Schule gegangen und muss sagen das das System an sich viel besser war als das Heutige!
leidenfeuer 11.10.2013
4. Drei Westländer immerhin spielen vorne mit.
In Bayern, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg werden offenbar die Leistungen der Ost-Schulen annähernd erreicht. Die anderen Bundesländer und vor allem auch Berlin haben das Klassenziel verfehlt und sind mit ihren Schülern weit hinten oder ganz am Ende.
Exzentriker 11.10.2013
5. Was die Ost-Schulen stark macht?
Die niedrigen Migranten Anteile. So einfach ist das.
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