Mein erstes Mal Alex, 17, spritzt Heroin

Seine Freundin hatte ihn verlassen, in der Schule kam er nicht mehr klar. Da entschied Alex: Ich muss etwas Krasses machen. Der Berliner Schüler spritzte sich Heroin - und nahm auch andere Drogen mit seinen Kumpels vom Bahnhof Zoo. Unter den Folgen leidet er bis heute.


"Mein erster Schuss war eine ziemlich dumme Angelegenheit: Ich war gerade 17 und hatte ein halbes Jahr vorher meinen ersten Joint geraucht. Ich kam aus einem behüteten Umfeld in Berlin-Lankwitz, war relativ naiv.

In der Schule lief es gerade nicht so gut, und mit meinen Eltern gab es Probleme. Dann ist die Beziehung zu meiner Freundin zerbrochen. Sie war meine erste große Liebe. Ich war mies drauf, alles hat mich angestresst und angekotzt. Ich bekam einen Rappel und dachte: Ich muss irgendwas Krasses machen, um mir selbst und der Außenwelt zu zeigen, wie schlecht es mir geht.

Über die linke Szene kannte ich die Zoo-Punks. Ich bin also an einem Morgen im Mai zum Bahnhof Zoo gegangen mit ein bisschen Geld in der Tasche. Dann hab ich mir ein Junkie-Mädchen gesucht, das ich vom Sehen kannte, und habe gesagt: 'Komm, besorg mir was, du kriegst auch die Hälfte ab.' Ich musste sie nicht überreden. Sie war sofort dabei, ist losgegangen und hat was besorgt.

Zuerst fühlte ich mich gut

Dann hat sie mich in den Tiergarten geschleppt – mitten auf eine große Wiese. Das hat mich sehr irritiert, denn ich habe gedacht, wir gehen irgendwo ins Gebüsch, wo uns niemand sieht. Aber ihr war das alles scheißegal. Sie hat dann das Heroin fertig gemacht und mir den ersten Druck gemacht. Am Anfang kann man das ja noch nicht selbst. 'Und, merkst Du was?', hat sie gefragt. 'Nein, noch nicht', hab ich geantwortet.

Und dann kam es eigentlich auch schon ganz plötzlich und sehr abrupt: ein Gefühl von Wonne und von Wärme. Die Schwere des Körpers verschwand, ich fühlte mich gut, alle Probleme traten in den Hintergrund. In diesem Moment habe ich weder an die Probleme mit den Eltern noch an die Schule noch an meine Ex-Freundin denken müssen. Ich habe dann meine Kopfhörer aufgesetzt, mich hingelegt, wir haben ein bisschen gechilled.

Nach einer halben Stunde musste sie weiter. Wir sind vom Tiergarten wieder zum Zoo. Da ging es mir dann schon nicht mehr so gut. Ich bin getorkelt, im Stehen eingedöst und musste auch reihern. 'Wenn keiner mitbekommt, wie krass ich drauf bin, bringt das auch nichts', habe ich gedacht.

Ich bin deshalb zu meiner damaligen Clique gefahren. Auf dem Weg bin ich immer wieder eingeschlafen, aber irgendwie habe ich es geschafft: Ich habe mich an der Stelle auf die Straße gesetzt, wo wir uns immer trafen - und bin eingeschlafen. Als ich wieder aufgewacht bin, standen einige meiner Leute um mich herum. Sie machten sich Sorgen. Ich habe ihnen sofort unter die Nase gerieben, was ich gerade gemacht hatte.

Heroin, Kokain, alles Mögliche

In dem Moment erschien mir das sehr einleuchtend, denn ich wollte ja, dass sie sich Sorgen um mich machen. Im Nachhinein habe ich das sehr bereut, denn die fanden das alle ganz schlimm. Viele wollten danach nichts mehr mit mir zu tun haben. Irgendwann bin ich nach Hause gegangen.

Die erste Spritze habe ich mir als eine Art Reliquie aufgehoben.

Ich bin dann immer wieder zu den Leuten zum Zoo gegangen. Es gab dort ein irres Zusammengehörigkeitsgefühl. Das fand ich gut. Und ich wollte rebellieren, die Drogen gehörten irgendwie dazu. Die Dosis hat sich in den ersten ein, zwei Monaten rapide gesteigert. Nach einem Vierteljahr habe ich dann jeden Tag krass viel konsumiert: Heroin, Kokain, alles Mögliche.

Als der Sommer vorbei war, sind die Zoo-Leute alle in die Therapiezentren und Betreuungsstätten gegangen. Ich habe gemerkt, dass das alles vielleicht doch nicht so spaßig ist. Von der Schule bin ich längst abgegangen, bei meinen Eltern war ich ausgezogen, pleite war ich auch. Ich wollte nicht rauben und stehlen. Auf den Strich gehen wollte ich auch nicht, und da habe ich den Entschluss gefasst: Du musst aufhören.

Ich habe den Heroin-Konsum reduziert. Das ging eine Weile gut, ich habe mein Abi nachgemacht, nur noch ganz selten was genommen. Aber irgendwann bin ich wieder hineingerutscht in die Szene.

Jetzt bin ich seit rund einem Jahr bei der Drogenambulanz in der Kochstraße in Berlin. Hier bekomme ich Medikamente, habe einen Ansprechpartner und einen Arzt. Ich komme ganz gut klar."

Aufgezeichnet von Matthias Thiele

(*Name von der Redaktion geändert)

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