Mein erstes Mal Christina, 21, kehrt auf die Kinderkrebsstation zurück

Sie war noch ein Kind und dem Tod sehr nahe: Mit zwölf Jahren erkrankte Christina Back an Krebs und musste schwere Monate mit einer Chemotherapie aushalten. In Zimmer 406 verbrachte sie die schlimmste Zeit ihres Lebens - ein Stationsbesuch acht Jahre danach.


"Es riecht nach frisch gedroschenen Getreide, als ich ins Auto steige und dahin fahre, wo ich vor acht Jahren fast gestorben wäre. Die Sonne sticht, im Radio verkünden gut gelaunte Moderatoren den Beginn der Sommerferien.

Doch ich habe Gänsehaut. Vorbei an Weinbergen, Maisfeldern und Kuhweiden. Rein in die Erinnerungen an damals, als meine Eltern mit mir den gleichen Weg fuhren, um die Ergebnisse meiner Gewebeuntersuchung abzuholen. Um die Diagnose Krebs zu bekommen.

'Wir können dir nicht sagen, ob du es überleben wirst.' Die Worte des Chefarztes kommen mir wieder in den Kopf, als ich am großen, weißen Schild 'Uni-Kliniken Würzburg' vorbeifahre. Im Januar 2000 erhielt ich die Diagnose Non-Hodgkin, Lymphdrüsenkrebs. Vier Chemoblöcke in sechs Monaten auf der Kinderkrebsstation. Herausgezerrt aus dem Alltag einer Zwölfjährigen, der damals aus Schule, Streit mit den großen Schwestern und Barbies bestand. Damals. Vor der Diagnose.

Im Rucksack klimpert es. 100 Euro in einer Cappuccinodose. Eine Spende aus meinem Studiengang. Das Geld darf ich persönlich auf der Kinderkrebsstation abgeben. Seitdem ich das Krankenhaus nach der letzten Behandlung verlassen hatte, habe ich die Station nicht mehr besucht. Zu schrecklich waren die Erinnerungen für mich, zu groß das Bedürfnis, diese Zeit einfach aus den Gedanken zu löschen.

Die Chemospritze ist ständiger Begleiter

Das Gelände der Uni-Kliniken erinnert an einen großen Park. Viele Bäume, alte Parkbänke und die Stille. Doch der erste Eindruck trügt. Die Ruhe wird unterbrochen von schrillen Krankenwagensirenen, die Bäume verlieren schon jetzt die ersten Blätter, als wäre es Herbst. Und auf den Parkbänken sitzen alte Menschen mit Infusionsanschlüssen am Handrücken.

Die Kapelle gegenüber der Kinderkrebsstation kenne ich bisher nur von außen. Damals hat mir mein Vater immer erzählt, dass er jeden Tag darin ein Licht für mich angebrannt hat. In der Kapelle ist es erschreckend kühl. Ein einziger Mann im blauen Hemd und kurzer Hose sitzt in einer Bankreihe. Er weint.

Als ich die Schiebetür am Haupteingang der Kinderklinik betrete, zieht draußen ein Gewitter auf. Genauso fühle ich mich. Das Herz klopft, die Hände schwitzen. Das Geld klimpert. Die Kinderkrebsstation ist im dritten Stock. Ich nehme absichtlich die Treppe.

Die große Glastür mit dem aufgemalten Regenbogen ist das einzige, was mich noch von dem beißenden Geruch nach kranken Kindern trennt. Die Hand an der Türklinke, und ich kann schon die ersten Kinder sehen, die auf dem Flur auf und ab laufen, um den Kreislauf in Bewegung zu halten. Den ständigen Begleiter, der Infusionsständer mit der Chemospritze, schieben sie müde neben sich her.

Wieder vor der Tür von Zimmer 406

Ich laufe am leeren Schwesternzimmer, der geräumigen Küche und dem Telefonkasten vorbei. Meine beste Freundin hat mich jeden Tag angerufen. Bis ich zu erschöpft war, um zum Telefon zu laufen.

Ich stehe vor Zimmer 406, in dem ich die schlimmste Zeit in meinem Leben verbracht habe. Die Tür ist, wie jede andere auch, weit geöffnet. Am Türrahmen kleben Polaroidbilder der Patienten, die in diesem Zimmer liegen. Alexander und Frederick, beide nicht älter als fünf. Auf den Bildern lachen die Jungen noch. Jetzt haben sie bestimmt nicht mehr viel zu lachen.

Direkt gegenüber von 406 ist das Behandlungszimmer. Über der Liege hängt noch immer der Tapferkeitskreis. Viele kleine Spielsachen hängen daran. Nach der Untersuchung dürfen sich die Patienten etwas davon aussuchen. Meine Wahl fiel damals auf ein Kuscheltier, das auf Knopfdruck anfing zu lachen. Es hat nicht viel geholfen.

"Muttis, das ist eine ehemalige Patientin"

Am Ende des langen Ganges ist das Spiel- und Elternzimmer. Hier mischen sich freudige und traurige Momente. Die Kinder erhalten hier ihre Diagnose, eine Woche später basteln und spielen sie auf der gleichen Bank.

'Ach, was für 'ne Überraschung. Muttis, das ist eine ehemalige Patientin.' Völlig überraschend werde ich aus meinen Gedanken gerissen, meine Seelsorgerin von damals erkennt mich doch tatsächlich wieder. Am Basteltisch sitzen sieben Frauen, manche nicht älter als ich. 'Setz dich doch, was treibt dich nach so langer Zeit wieder hierher. Wohl nicht die Sehnsucht, oder?'

Mechthild Ritter hat sich nicht verändert. Die gleichen grauen Haare als Kurzhaarschnitt, übergroße Perlenketten an Hals und Handgelenken, und der unübersehbare Kleidungsstil einer feschen britischen Dame.

Die Frauen am Tisch laden mich auf ein Stück Kuchen ein. 'Zur Feier des letzten Schultages', sagen sie und mustern mich von oben bis unten. Draußen gewittert es, doch der Sturm und der Donner gehören zur Welt draußen. Hier drinnen im Elternzimmer der Station Regenbogen beginnen die Mütter mich auszufragen. Wie lang es bei mir her ist? Wann meine Haare wieder gewachsen sind? Ob ich bleibende, körperliche Schäden habe?

Hoffnungsschimmer für die kranken Kinder

In den Augen der jungen Frauen sehe ich, dass sie sich positive Antworten erhoffen, aufmunternde Worte, Hoffnungsschimmer für ihre Söhne und Töchter, die ein paar Zimmer entfernt Gift in den Körper gepumpt bekommen. Ich versuche mein bestes, meine schwitzigen Hände zu ignorieren, und erzähle.

Erzähle vom Tag der Diagnose, vom ersten Treffen mit meinen Zimmerkollegen. Wie sie mir als Begrüßung an den Kopf geworfen haben, dass es nicht mehr lange dauert, bis meine langen, braunen Haare, auf die ich so stolz war, ausfallen würden. Ich erzähle von der Therapie, meiner großen Angst vor jeder Lumbalpunktion, bei der mir Nervenwasser entnommen wurde. Und ich erzähle von der Zeit danach, als ich die ersten Haare auf dem Kopf gespürt habe, dass die Familie das wichtigste für mich war, auch wenn man das als Patient oft nicht so gut zeigen kann. Und ich sehe in die Gesichter der Mütter, wie sie lächeln, als ich von einer großen Stationswasserschlacht mit alten Chemospritzen erzähle.

Nach drei Stück Schokokuchen und langen Gesprächen übergebe ich Mechthild Ritter die Cappuccinodose mit den 100 Euro. Sie lächelt und zeigt ihre blitzweißen Zähne. 'Ich denke, als ehemalige Patientin weißt du am besten, wie viel uns jede einzelne Spende bedeutet.' Das weiß ich.

Am späten Nachmittag verlasse ich die Klinik. Es hat aufgehört zu regnen. Die Sonne scheint mir wieder ins Gesicht, und mir kommt es vor, als hätte ich eine große Hürde genommen. Als ich nach Hause fahre, kurble ich das Autofenster herunter. Und da ist er wieder: Der Geruch nach frisch gedroschenen Getreide."

Von Christina Back



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