Mein erstes Mal Friedhelm, 21, quasselt in russischem Weltkriegsfilm

Zunächst tat Friedhelm Weinberg die Einladung als Gag ab. Eine russische Filmfirma suchte Deutsche, um Hitler und Soldaten zu synchronisieren. Doch dann witterte der Student in Moskau einen lukrativen Nebenjob - und improvisierte im Militär-Jargon drauflos.


Mein Abenteuer im russischen Fernsehen begann mit einer E-Mail, deren Absenderin in der ersten Zeile erklärte: "Das ist kein Witz." Ein Absatz und viele Smilies weiter erklärte sie dann: "Wir suchen Hitler." Ich hielt das zunächst für einen Scherz.

Student Friedhelm: Ein Haufen Amateure im Fernsehen
Genrich Klimenko

Student Friedhelm: Ein Haufen Amateure im Fernsehen

Natürlich suche sie nicht Adolf Hitler selbst, sondern eine Stimme für ihn, hieß es in der Mail weiter. Er solle in einem russischen Film synchronisiert werden. Eine Filmproduktionsfirma hatte sich an das deutsch-russische Institut für Publizistik gewandt, das wiederum alle deutschen Männer angeschrieben hatte. Das ganze sollte bei wenig Aufwand gut bezahlt sein.

Das klang verführerisch, außerdem war meine Neugier geweckt. In der E-Mail stand nicht viel mehr - nur dass Stalin auch mit von der Partie sein würde. Ich bewarb mich.

Dann passierte eine Weile lang nichts. Meine Freunde Johann Schütt, 23, und Arvid Terzibaschian, 24, hatten ebenfalls über Umwege von dem Job erfahren und Interesse bekundet. Keiner von uns wusste, was das für ein Film sein sollte: Komödie, Slapstick, Horrorfilm?

Schließlich klärte uns die Freundin auf, die für den Film als Sprachberaterin arbeitete: Es handele sich um einen seriösen Fernseh-Spielfilm über den zweiten Weltkrieg. Ich war überrascht. Ich hatte die Sache als Gag abgetan und deshalb nicht darüber nachgedacht, ob es vielleicht eine Gewissensfrage für mich wäre, Hitler zu synchronisieren. Nun verdrängte ich die Frage, das Manuskript überflog ich nachlässig und wartete einfach ab.

"Hey ihr, zu aufgestehen"

Wochen später bekam ich einen Anruf. Es wäre schön, wenn ich morgen kommen könnte, ich müsse zu der und der Metro, da und da raus, dort würde dann ein Fahrer warten. Ich traf meine Kumpels außerhalb der Metrostation. Als Johann, Arvid und ich im Wagen saßen, versuchten wir, unsere Aufregung mit Witzen zu überspielen.

Es schien absurd: Einer von uns sollte Hitler sprechen, die anderen deutsche Soldaten - und das nur, weil wir akzentfrei Deutsch konnten. Weitere Referenzen hatten wir nicht, abgesehen von meinen drei Jahren "Darstellendes Spiel" in der Schule. Wir waren ein Haufen Amateure auf dem Weg ins russische Fernsehen.

Im Tonstudio dann die Nachricht, dass keiner von uns Hitler sprechen würde. Der eitle russische Schauspieler hatte sich entschieden, diesen wichtigen Part doch lieber selbst zu übernehmen. Unsere Aufgabe reduzierte sich auf das Vertonen deutscher Soldaten: "Fass!", "Stopp!", "Flugzeug abgestürzt" - wir befahlen und berichteten. Die Hälfte unseres Textes mussten wir uns ausdenken, die andere Hälfte war mehr schlecht als recht übersetzt und musste spontan angepasst werden. Aus "Hey ihr, zu aufgestehen" machten wir ein langgezogenes "aufgestanden" - es musste ja alles lippensynchron sein.

Während wir noch rätselten, wie man die Szenen richtig übersetzen konnte, wurde uns klar, dass wir für den Job wirklich ungeeignet waren: Zweimal ausgemustert, einmal Zivildienst - keiner von uns hatte je Wehrdienst geleistet und kannte den Ton beim Militär. Die Filmproduzenten nahmen es nicht so genau. Sie ließen durchblicken, es komme nur darauf an, dass es richtiges Deutsch sei.

Lachsalven beim Smalltalk

Für eine drei Minuten lange Szene etwa bekamen wir die simple Anweisung: "Unterhaltet euch über irgendetwas." In der Szene warteten drei Soldaten nachts auf einem Flughafen, rauchten und redeten. Wir fanden, dass Soldaten in solchen Momenten wohl über Saufgelage, Partys und Frauen reden würden. Zwei Lachkrämpfe später entschieden wir uns, das Thema zu wechseln.

Nächster Versuch: das Wetter. Wir hatten schon anderthalb Minuten Plauderei geschafft, als ich mich künstlich aufregte: "Alter, die Sonne scheint echt gar nicht." Johann und Arvid prusteten los. Der Kommentar passte nicht zu einer Nachtszene in den vierziger Jahren. Erst im vierten Versuch schafften wir es, uns drei Minuten lang über Niederschlag und Prognosen auszubreiten.

Ganze vier Stunden brauchten wir, um unsere Sätze einzusprechen. Wir sahen genug vom Film, um zu wissen, dass er zwar seriös, aber keineswegs gut war. Die lange Tradition von sowjetischen Filmen über den zweiten Weltkrieg hatte auch die Geschichte dieses Films befruchtet. Der Titel "Ubit' Towarischtscha Stalina" bedeutet sinngemäß "Genosse Stalin soll getötet werden". Ausgestrahlt werden soll er am 9. Mai, dem "Tag des Sieges".

Das störte uns nicht. Wir bekamen für unseren unprofessionellen, aber bemühten Auftritt 500 Rubel (etwa elf Euro). Das war zwar weniger als versprochen, aber wir investierten sogleich alles in Bier und ein üppiges Menü.



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