Mein erstes Mal Melanie, 20, macht einen Schwangerschaftstest

Sie hielt sich für aufgeklärt und vorsichtig. Eine ungewollte Schwangerschaft könne ihr nicht passieren, dachte Melanie. Doch dann blieben ihre Tage aus, und Melanie geriet in Panik - mitten in Lateinamerika.


"Als ich ein Kind war, stand bei uns im Bücherregal der Aufklärungs-Klassiker 'Wo kommen die kleinen Kinder her?' Das ist ein Buch mit vielen bunten Zeichnungen von nackten Menschen, die sich alle sehr lieb haben. Mein Detailwissen erhielt ich später vom Dr. Sommer-Team aus der 'Bravo'; und als ich mit 16 Jahren meinen ersten festen Freund hatte, meinte mein Vater aufgeregt, jetzt sei es wohl an der Zeit für die Pille.

Melanie, 20: "Mir wurde schlecht vor Aufregung"
Jonas Leppin

Melanie, 20: "Mir wurde schlecht vor Aufregung"

Ich habe mich immer brav aufklären lassen, Teenie-Zeitungen zur Pflichtlektüre gemacht und auch die Verhütungsfrage nie auf die leichte Schulter genommen. Geholfen hat das alles nichts.

Mit meinem neuen Freund war ich gerade erst vier Wochen zusammen, als ich für ein halbes Jahr nach Lateinamerika flog. Dort angekommen, musste ich mich erst an die Kultur, die neue Sprache und an das Land gewöhnen. Nach zwei Wochen stellte ich fest, dass meine Tage überfällig waren. Ich beruhigte mich und schob die Verzögerung auf den Stress und die Zeitumstellung. Ich wusste ja, dass ich immer verhütet hatte. Zuverlässig um 18 Uhr klingelte jeden Tag mein Handywecker, und ich nahm die Pille.

Als ich meine Tage allerdings nach über einer Woche immer noch nicht hatte, wurde ich nervös. Ich begann den Beipackzettel genauer zu lesen. Dass Aspirin die Schutzwirkung der Pille herabsetzen konnte, war mir bekannt. Dass dies jedoch auch für meine Malariaprophylaxe galt, hatte ich überlesen. Ich begann zu rechnen und entschloss mich, sofort einen Schwangerschaftstest zu machen.

In der Arztpraxis versuchte ich dem freundlich nickenden Mediziner mit Händen, Füßen und Spanisch-Wörterbuch verständlich zu machen, in welcher Situation ich mich befand und was ich von ihm wollte. Der Arzt stellte mir viele Fragen: Er wollte wissen, warum ich glaubte, schwanger zu sein, wie lange meine letzte Periode zurücklag und wann ich das letzte Mal Sex hatte.

Wie würde ich es meinen Eltern sagen?

Ich verstand nur die Hälfte dessen, was er mir erzählte, aber ich war auch viel zu nervös, um ihm genauer zuzuhören. Ich wollte einfach nur wissen, ob ich schwanger war oder nicht. Schließlich schickte er mich in ein kleines Labor neben dem Sprechzimmer und nahm mir Blut ab. Eine Stunde musste ich auf das Ergebnis warten.

Ich setzte mich in ein Cafe, um mich abzulenken. In den 60 Minuten gingen mir hunderte von Gedanken durch den Kopf: Wie würde ich es meinen Eltern sagen? Was würde aus meinem Auslandsaufenthalt werden? War ich schon reif genug für ein Kind? War meine Beziehung schon reif genug für ein Kind?

Und wollte ich das Kind überhaupt haben? Ich rauchte eine Zigarette nach der anderen und fasste einen Entschluss: Wenn ich schwanger wäre, dann würde ich dieses Kind auch bekommen. Ich hatte viele gute Freunde, ein funktionierendes Elternhaus und war mir in diesem Moment der nötigen Unterstützung sicher.

Nach einer Stunde ging ich zurück ins Labor. Eigentlich hatte ich ja geplant zu studieren, schoss es mir durch den Kopf, eigentlich war ich mir auch nicht sicher, ob die Sache mit meinem Freund etwas für die Ewigkeit war. Ich fragte mich, wie ich reagieren würde, wenn mir meine Eltern davon abrieten, das Kind zu bekommen.

Mein Herz pochte, meine Hände waren feucht

Nach weiteren endlosen Minuten hörte ich das klackende Geräusch von Stöckelschuhen über den Flur hallen. Gleich würde die Arzthelferin mir das Ergebnis des Schwangerschaftstests bringen. Und es würde dann nur auf ein einziges kleines Wort ankommen. Ein Wort würde meine ganzen Zukunftspläne, mein ganzes Leben über den Haufen werfen können.

Mir wurde ganz schlecht vor Aufregung. Mir war jetzt alles egal, schwanger oder nicht, ich wollte jetzt einfach nur eine Antwort haben. Als sich die Labortür öffnete versuchte ich im Gesicht der Arzthelferin eine Reaktion abzulesen, eine Geste, die vielleicht schon mehr verriet, aber sie gab mir nur stumm den Brief mit dem Testergebnis.

Mein Herz pochte, meine Hände waren feucht. Ich riss den Umschlag auf und überflog Name, Blutgruppe, Testwerte und entdeckte schließlich am Ende des Briefes das entscheidende Wort. Um sicher zu gehen, dass ich mich nicht verlesen hatte, las ich den Brief ein zweites Mal. Jetzt hatte ich Gewissheit. Ich lehnte mich zurück und lächelte.

"Ist das Ergebnis für Sie positiv?", fragte mich die Arzthelferin freundlich. "Ja", sagte ich, "es ist negativ."

Aufgezeichnet von Jonas Leppin

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