Mein erstes Mal Sophie, 19, hält den Castor auf

Friedlich hat sie sich gegen den Atom-Müll-Transport gestemmt: Die Auszubildende Sophie Strasser hat im Protest-Camp bei Gorleben die korrekte Form der Sitzblocke geübt, gefroren und den Punk-Rock genossen. Morgen stellt sie um auf Ökostrom.


"Ein bisschen erinnert mich das Ganze an ein Punk-Rock-Festival: wenig schlafen, nicht duschen, zelten, gute Musik, nette Leute. Aber das Protest-Camp hier ist viel wichtiger als jedes Festival, das ist die letzte Bastion vor dem Atommüll-Zwischenlager in Gorleben. Ich bin das erste Mal bei den Demos gegen die Castor-Transporte, und ich bleibe bis zum Schluss. Die müssen mich schon wegtragen!

Ich weiß zwar auch nicht, wie man das Problem mit dem Atommüll lösen kann, aber ich finde: Erstmal die Kraftwerke abschalten, keinen neuen Müll mehr produzieren, dann können wir reden!

Meine Freunde aus der Veganer-Gruppe in Wismar sind zwar nicht mitgekommen, aber sie finden es gut, dass ich hier bin, sie unterstützen mich. Nur meine Mutter hat ein bisschen Angst. Braucht sie aber nicht, denn ich will nicht gewalttätig werden, sondern nur bei Sitzblockaden mitmachen.

Das ist nicht schlimmer als Falschparken: Man ist, wo man nicht sein soll. Und wenn die Polizei einen wegträgt, dann ist das wie abschleppen. Ich begehe also eine Ordnungswidrigkeit, keine Straftat. Daher gibt es wohl ein Bußgeld, wenn überhaupt.

Protest-Training vorab: Nur schreien, nicht treten

Bei einem Vorbereitungstreffen habe ich das Blockieren geübt, das gibt es auch als Workshop hier im Camp. Die einen setzen sich auf den Boden und haken sich unter. Die anderen spielen Polizisten und versuchen, einen herauszuziehen und wegzutragen. Dabei kann man ruhig rufen: "Sie tun mir weh!" Nur die Beine sollte man nicht heben, sonst heißt es, man wolle treten - und das ist dann kein Falschparken mehr.

Die Polizisten bringen einen dann weg. Wenn man Glück hat, kann man dann noch mal versuchen, zur Blockade zurückzukommen. Wenn man kein Glück hat, kommt man in einen Kessel: Die Polizisten kreisen einen ein und lassen einen nicht heraus, bis der Castor durchgefahren ist. Anschließend nehmen sie dann die Personalien auf.

Wir haben die Nummern von Anwälten bekommen. Wenn die Polizei uns mitnimmt, können wir die anrufen. Aber bisher sind die Männer in blau ganz nett und friedlich, die stehen einfach die ganze Zeit um uns herum, schon seitdem ich hier bin, auch nachts, während wir schlafen. Das nervt schon!.

Das Gefühl, zusammen zu gehören, ist enorm hier: Ich bin alleine hergekommen und kannte erst niemanden. Aber man wird sofort vorgestellt, kommt in Gruppen zusammen. Mein Schlafnachbar zum Beispiel, der Szymon aus Bremerhaven, blieb ganz spontan hier, der hatte am Samstag noch nicht mal einen Schlafsack dabei. Aber das machte nichts. Da helfen einem die Leute, hier gibt es Decken, Isomatten, Stohsäcke als Kopfkissen und gold-silberne Wärme-Folien. Die Folien kennt man aus dem Erste-Hilfe-Kurs. Damit soll man Verletzte vor der Auskühlung schützen - und sie wärmen wirklich unheimlich. Szymon hat jedenfalls besser geschlafen als ich. Der Asphalt ist wirklich kalt, selbst in meinem Schlafsack habe ich gefroren. Auch mehrere Paar Socken haben nicht geholfen.

Aufgewärmt hat mich der heiße Tee, den man hier bekommt; insgesamt kostet die Verpflegung nichts. Aus der Umgebung kommen immer wieder Leute und bringen Kuchen, Kekse, Suppe. Richtig lecker. Sogar für Leute, die kein Fleisch essen, wie mich ist eine Menge dabei. Auch die Musik ist ganz nach meinem Geschmack, viel Punkrock. An den Abenden gab’s Konzerte. Ich war aber doch zu müde zum tanzen.

Schon komisch, einerseits will ich dass es noch länger dauert, denn jeder Tag ist ein Erfolg für uns, weil wir den Castor aufhalten. Aber andererseits sind die Nächte wirklich kalt und ich will auch wieder nach Hause. Da kümmere ich mich dann mal drum, dass wir Strom ohne Atomkraft bestellen."

Aufgezeichnet von Mathias Hamann



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Klo, 10.11.2008
1.
Zitat von sysopDie Atomenergie ist wieder intensiv in der Diskussion. Der Castor-Transport mit Atommüll aus dem französischen La Hague bot Anlass zu heftigen Aktionen der Atomgegner. Was bringen die Proteste? Wie soll künftig mit der Atomenergie umgegangen werden?
Die Proteste sind eindeutig gerechtfertigt. Da die Transport- und Endlagerproblematik noch auf viele Jahre nicht gelöst sein wird und die derzeitigen Entsorgungskonzepte in allen Punkten mangelhaft sind, ist der beschlossene Ausstieg aus dieser Technologie nur folgerichtig. Die Kosten für den Steuerzahler für diese Art der Stromproduktion sind einfach zu hoch und es kommt deutlich billiger, einen Umbau der Energiewirtschaft jetzt zu finanzieren, den man früher oder später ohnehin finanzieren muß.
schlob 10.11.2008
2.
Zitat von KloDie Proteste sind eindeutig gerechtfertigt. Da die Transport- und Endlagerproblematik noch auf viele Jahre nicht gelöst sein wird und die derzeitigen Entsorgungskonzepte in allen Punkten mangelhaft sind, ist der beschlossene Ausstieg aus dieser Technologie nur folgerichtig. Die Kosten für den Steuerzahler für diese Art der Stromproduktion sind einfach zu hoch und es kommt deutlich billiger, einen Umbau der Energiewirtschaft jetzt zu finanzieren, den man früher oder später ohnehin finanzieren muß.
Viele wackere leute protestieren in Gorleben gegen die Einlagerung des deutschen Mülls,der von der Wiederaufarbeitung aus Frankreich vertragsgemäss zurückkommt.- Wenn der Müll nicht in Deutschland gelagert werden soll, wo dann?- -Wir können das Zeug ja nicht einfach in den Strassengraben kippen.-Vermeiden geht nicht mehr-der Müll ist da.- Ich schlage vor,dass wir mit Russland einen Vertrag schliessen. Russland hat aus Jahrzehnten Atombomben-Produktion der SU,der Produktion von Atom-U-Booten,aus Kernwaffentests und eigenen Kraftwerken vom Typ Tchernobyl sowieso gewaltige Berge an radioaktivem Müll- hundertmal grössere als Deutschland.- Der Einwand: Wir stehlen uns aus der Verantwortung, darf natürlich nicht gelten.Wir müssen dies Abkommen an Bedingungen knüpfen,dass dieser unser Müll- und der russische sicherer gelagert werden als bisher.-Und wir müssen dies kontrollieren können. -Das geht durchaus.- Schon die SU hat Wirtschaftsverträge immer korrekt eingehalten.- Damit hat dann hat die Sicherheit für beide Völker zugenommen.-In Deutschland haben wir gar keinen Endmüll mehr- in Russland werden die bisherige Müllberge besser gesichert.- Es ist unsinnig,diese Probleme heute national lösen zu wollen.Ebenso unsinnig,wie ein Alleingang beim CO2 wäre. Radioaktive Wolken halten sich nicht an Grenzen.- Wenn Deutschland seinen Müll absolut sicher lagert- und in Russland bleibt der Müll ziemlich schlecht gesichert,ist hiervon die Sicherheit beider Völker bedroht.- Im übrigen lassen wir ja schon unseren Müll in Frankreich aufarbeiten,weil die Grünen Wackersdorf verhindert haben.- Wir schicken also unseren gefährlichen Müll sowieso schon ins Ausland. - Trotzdem wäre wohl eine Änderung des sowieso überholten Atom-Gesetz nötig.- Wer ein besseres Konzept hat,möge sich melden.
diefreiheitdermeinung 10.11.2008
3. Diktat der Ungewaehlten
die ganze Sache ist n ur ein weiterer Beweis, dass das was in Deutschland laeuft oder nicht laeuft immer mehr von ungewaehlten Minderheitsgruppen bestimmt wird. Waehrend wir auf eine teure Energie- und Wirtschaftskrise zusteuern faellt ein paar tausend Exremisten nichts Besseres ein als mehr als 15000 Polizeukraefte zu binden. Wer uebernimmt die Kosten ? Natuerlich der Steuerzahler ? Es ist an der Zeit die Diktatur der Minderheiten zu brechen und diese mit Umlage der verursachten Kosten zu belasten. Nochwas: die Medien scheinen sich darin einig, dass immer die Polizei an dem angeblichen Debakel schuld sei. Was schlaegt sie denn vor ? Rueckzug und Eingehen auf die Forderungen der Minderheit ? Wattebaeusche werfen ?
Ernst August 10.11.2008
4.
Zitat von sysopDie Atomenergie ist wieder intensiv in der Diskussion. Der Castor-Transport mit Atommüll aus dem französischen La Hague bot Anlass zu heftigen Aktionen der Atomgegner. Was bringen die Proteste? Wie soll künftig mit der Atomenergie umgegangen werden?
Die Zahl der aktiven Demonstranten ist dieses Mal wieder enorm hoch. Getrieben sind sie wahrscheinlich durch die Ereignisse um Hessen und durch die Klimakatastrophe. Sie wollen den Wechsel (nicht nur) in der Energiepolitik. Das Change aus den USA macht sie "Yes wir können" wie lange nicht. Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt und sie kämpfen für eine bessere Welt - und zwar zuerst in ihrer Heimat. Wo sonst!
luri80 10.11.2008
5.
Zitat von KloDie Proteste sind eindeutig gerechtfertigt. Da die Transport- und Endlagerproblematik noch auf viele Jahre nicht gelöst sein wird und die derzeitigen Entsorgungskonzepte in allen Punkten mangelhaft sind, ist der beschlossene Ausstieg aus dieser Technologie nur folgerichtig. Die Kosten für den Steuerzahler für diese Art der Stromproduktion sind einfach zu hoch und es kommt deutlich billiger, einen Umbau der Energiewirtschaft jetzt zu finanzieren, den man früher oder später ohnehin finanzieren muß.
Proteste? Was hier abgeht hat doch nichts mehr mit Protest zu tun, das sind kriminelle Krawallmacher die allesamt auf Schadensersatz verklagt gehören, für die dutzende Millionen Euro Schaden den sie dem Steuerzahler verursachen. Atomstrom kann mit Abstand am günstigsten hergestellt werden und dabei wird noch nicht einmal CO2 in die Atmosphäre gepumpt. Umstieg ja, aber bitte nicht in Zeiten globaler Wirtschaftsflaute und bitte auch nicht um jeden Preis.
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