Mein erstes Mal Tabea, 15, stürzt beim Segelfliegen ab

Das hätte viel schlimmer enden können: Tabea Schultner stürzte mit dem Segelflugzeug in einen Wald. Drei Stunden lang hing die Schülerin kopfüber in 15 Metern hohen Bäumen. Die Ärzte wollten sie später im Krankenhaus behalten, aber sie hatte schon was vor: Fliegen.


"Es war ein guter Tag zum Fliegen, ein bisschen bewölkt, später dann ganz blauer Himmel. Auf unserem Flugplatz in Bisperode waren Segelflieger aus ganz Deutschland zu Gast. Sie waren zum Herbstfliegerlager des Luftsportvereins Hameln gekommen. Unser Fluggebiet ist im Herbst beliebt, denn in dieser Jahreszeit ist die Thermik nicht so ausgeprägt wie im Sommer. Man braucht einen anderen Weg, um aufzusteigen. Den findet man hier: Ganz nah am Flugplatz liegt der Berg Ith, an dessen Hang sich Aufwinde bilden.

Vor mir waren schon andere Segelflieger gestartet, alles ganz normal. Dann war ich dran. Die Seilwinde zog mich nach oben. Das ist wie Achterbahnfahren, es geht wahnsinnig schnell, doch ich habe mich daran gewöhnt - vor diesem Flug war ich schon 16 Mal allein geflogen. Einen Flugschein habe ich zwar noch nicht, da fehlen mir noch ein paar Prüfungen, aber unter Aufsicht darf ich schon allein fliegen.

Links von mir der Ith, rechts und vor mir die hohen Bäume

Nachdem das Seil ausgeklinkt wurde, bin ich eine scharfe Kurve geflogen, um zum Ith-Hang zu kommen und mich von den Aufwinden hochdrücken zu lassen. An diesem Tag saß ich in einem Einsitzer. Der ist einfacher zu fliegen, als wenn man noch den Fluglehrer dabei hat. Das Flugzeug ist leichter, es reagiert sensibler. Man kann das so vergleichen: Wenn man den Doppelsitzer mit Lehrer fliegt, fährt man Bus; fliegt man allein im Einsitzer, fährt man Mofa.

Doch auf dem Weg zum Hang habe ich schon gemerkt, dass ich zu tief war. Als ich den Wald am Beginn des Hangs erreicht hatte, wollte ich eine Rechtskurve fliegen und gucken, ob mich der Wind hoch nimmt. Wäre er zu schwach gewesen, wäre ich umgedreht und zum Flugplatz zurück. Dachte ich.

Aber erst als ich die Kurve geflogen war, habe ich gesehen, dass dort die Bäume höher sind als an anderen Stellen im Wald. Ich habe mich umgeguckt: links von mir der Ith, rechts und vor mir die hohen Bäume. Erst habe ich noch gehofft, dass ich da durch komme. Dann war mir schnell klar: Das klappt nicht.

Ich habe mich auf den Absturz vorbereitet, habe mich konzentriert, den Steuerknüppel nicht zu ziehen, denn dann würde das Flugzeug zwar steigen, wäre aber zu langsam geworden und sofort abgestürzt. Ich habe die Baumwipfel im Auge behalten, sie waren für mich die Oberfläche, auf der ich landen musste.

Ok, jetzt biste gleich tot

Aber ganz ehrlich: Das waren nur ein paar kurze Gedanken. Ansonsten habe ich geschrien, 'Oh mein Gott! Hilfe!' Ich wusste, dass viele Abstürze tödlich enden, erst drei Tage zuvor war ein 15-Jähriger in einem Segelflieger ums Leben gekommen. Daran dachte ich und was ich falsch gemacht habe im Leben, was ich bereue, denn ich weiß ja nicht, was nach dem Tod kommt.

Die Bäume kamen immer näher, bis ich den ersten Wipfel mit dem Bauch des Flugzeugs berührte. Ein kleines Stück bin ich noch geflogen, etwa 80 Stundenkilometer schnell, dann blieb die linke Tragfläche an einem Baum hängen. Das Flugzeug ist mit der Nase voraus in den Wald, es hat sich gedreht, unter mir habe ich kratzende Geräusche gehört, wie im Auto, wenn man an einer Hecke lang schrammt. Nur dass man im Auto sagt: Ok, Lackschaden - und im Flugzeug: Ok, jetzt biste gleich tot.

Zwei Stunden an Ästen festgehalten

Ich habe die ganze Zeit in den Funk geschrien, ich dachte, das kracht jetzt zu Boden, das war's. Doch das Flugzeug blieb oben im Baum, etwa 15 Meter hoch. Die Haube ist von allein aufgesprungen, fast kopfüber hing ich da. Ich habe den Flugplatz angefunkt. Mein Fluglehrer antwortete, ich solle ruhig bleiben, den Gurt bloß nicht lösen, Hilfe kommt.

Nach zehn Minuten war er da, nach 20 Minuten kamen die Rettungskräfte, etwas später noch waren auch meine Eltern und meine Geschwister da. Sie waren erstaunlich ruhig. Sprechen konnten sie nicht mit mir, sie mussten sich das aus der Distanz angucken. Es war ja nicht sicher, ob das Flugzeug runterstürzt.

Ich dachte die ganze Zeit, dass das irgendwann passiert. Ich habe immer die Nase vorn beobachtet, es war windig, die Bäume haben sich bewegt, mit ihnen das Flugzeug. Die ersten zwei Stunden habe ich mich an Ästen festgehalten, weil ich dachte, dass ich das komplette Flugzeug halten kann. Das ist natürlich völliger Quatsch, aber ich dachte eben, dass es nur so oben bleibt. Nach rund zwei Stunden sind meine Arme einfach von den Ästen abgefallen. Sie waren total taub. Das war eine wahnsinnige Anspannung.

Ich bleibe dran!

Ich hing da oben über drei Stunden mit dem Kopf nach unten im Baum. Es war schwierig, mich da rauszuholen. Es gab drei Möglichkeiten: mit dem Hubschrauber, aber die Abwinde hätten das Flugzeug runtergedrückt. Mit einem Leiterwagen, aber der Boden war zu weich. Also haben sie ein Seil von Ast zu Ast gespannt, ich habe mich mit einem Karabinerhaken eingeklinkt, den Gurt gelöst und fallen gelassen.

Das war sehr sanft, denn die wussten ja nicht, ob ich nicht doch verletzt war - auch wenn ich die ganze Zeit gesagt htte, dass ich nichts habe, denn da war kein Schmerz, zu viel Adrenalin im Blut. Erst am Schluss merkte ich, wie der Gurt in meinen Hals schnitt. Ich hatte keine Wunden, aber es fühlte sich so an.

Im Krankenhaus haben sie dann ein Schleudertrauma festgestellt. Ich sollte erst einen Tag bleiben, aber es ging mir nicht mehr so schlecht. Und außerdem: Ich wollte am nächsten Tag wieder auf den Flugplatz! Da bin ich dann auch hin, und am Tag darauf bin ich wieder geflogen. Die Angst soll sich nicht ausbreiten!

Als ich beim letzten Landeanflug mit zwei Metern pro Sekunde gesunken bin, unter mir ein Wald, war das nicht so schön. Aber ich bleibe dran!"

Aufgezeichnet von Birger Menke



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