"Mein Kind first" Wie Eltern gute Schulen verhindern

Sie wollen gute Schulen und eine gerechte Gesellschaft - aber nur, wenn's dem eigenen Kind nützt. Eltern sind die größten Bremser im Schulsystem. Sie bekämpfen erbittert Reformen und grenzen sich nach unten hin ab: bloß keinen Kontakt zur Unterschicht.

Eine Abrechnung von


Das Leiden begann, noch ehe die Schule überhaupt angefangen hatte. Erster vorbereitender Elternabend. Die künftige Lehrerin versucht gerade, behutsam ins System der Stifte, farbigen Umschläge und Fibeln einzuführen. Da ruft ein Vater aus der dritten Reihe: "Ein Schnellhefter, was ist das denn?"

Schimpfende Eltern, leidende Schüler: Schule als Klassenkampf
Corbis

Schimpfende Eltern, leidende Schüler: Schule als Klassenkampf

Kichern, Augenrollen, Fäuste ballen unter den Anwesenden. "Wie blöd muss man eigentlich sein", raunt eine Mutter. Die Lehrerin kennt das schon. Und erklärt geduldig, was ein Hefter ist. Aber jetzt wissen auch wir anderen, wer es ist, vor dem uns Freunde immer gewarnt hatten: die Eltern.

Eltern sind die nervöseste Spezies, die mit Schule zu tun hat. Und die ungeduldigste Spezies. Sie wollen alles für ihr Kind - aber sie wissen oft kaum, wie Schule heute funktioniert. Ihre Devise lautet: Mein Kind first. Ihre Reformbereitschaft ist so ausgeprägt wie die Konrad Adenauers: "Keine Experimente." Eine brisante Melange für die Pisa-geschockte Gesellschaft. Denn die Schule braucht Reformen, sie braucht sie wie die Wüste das Wasser.

Aber auf Neues reagieren Eltern allergisch. Und militant.

Das Land schimpft über das Bildungssystem, über faule Lehrer, unfähige Politiker und lustlose Schüler; die Eltern schimpfen fleißig mit. Dabei bremst kaum jemand so wie sie.

Vor wenigen Tagen erst rotteten sich die fürsorglichen Widerständler wieder zusammen. In Berlin stellte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) eine grundlegende Reform der Schulstruktur vor. Versammelt hatte sich die Crème der deutschen Bildungsforschung, außerdem acht Rektoren aller Berliner Schulformen. Sie saßen auf dem Podium. Etwa 300 unruhige Eltern harrten im Publikum.

Hysterischer Kampf für den Schulseparatismus

Von oben gab es einhelliges Lob für Zöllners Ideen. Die vermaledeiten Hauptschulen Berlins sollen aufgelöst werden und in einer neuen, pädagogisch aufgewerteten Sekundarschule mit Real- und Gesamtschulen fusionieren. Die Forscher, angeführt vom deutschen Pisa-Papst Jürgen Baumert, waren voller Anerkennung.

"Wir können nur gratulieren", sagte selbst der gefürchtete Chef der Vereinigung der Berliner Oberstudiendirektoren. Alle freuten sich, dass es mit der neuen vereinfachten Schulstruktur nun endlich gerechter zugehen werde - nur die Eltern polterten.

"Die neuen Übergangsregeln aufs Gymnasium sind zutiefst ungerecht", deklamierte eine Mutter aus dem Publikum. Berlins Eltern-Cheflobbyist heißt André Schindler, er drohte dem Senator gar: "Wir Eltern werden Wege finden, unsere Kinder aufs Gymnasium zu bringen. Denn es gibt Tricks, die werden wir nutzen - ganz egal was Sie machen."

Eltern können sehr maßlos sein. Eine Mutter sagte bei einer anderen Veranstaltung zur Fusion von Berlins Haupt- und Realschulen: "In den Hauptschulen, da gibt es zu viele Migrantenkinder. Und wenn Sie die Schulen zusammenlegen, dann werden sie noch einen größeren Haufen Scheiße produzieren." Schule als Klassenkampf.

Eltern ohne moralischen Kompass

So sind sie, die Eltern. Sie wollen Schulreformen jetzt und sofort - aber bitte nur die, die ihrem Kind nützen. Sie kämpfen für Noten, aber wehe, wenn es der eigene Filius ist, der schlecht abschneidet. Sie sind für eine gerechte Gesellschaft. Aber nur, wenn nicht zu viele Migrantenkinder in die Klasse des eigenen Kindes drängen. Sie beschimpfen Lehrer als faule Säcke, aber sie werfen selten einen Blick in die Hefte ihrer Kinder.

Viele Experten halten die Nervosität der Eltern für verständlich. Die Mütter und Väter von heute erhebt etwa der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul zu Pionieren, denen eine Medaille gebühre. "Sie sind die Ersten in der Weltgeschichte, die Kinder unter diesen Bedingungen zu selbstbewussten, kreativen Bürgern erziehen sollen." Juul meint damit den Überfluss: "Kinder wachsen mit prallen Einkaufstüten auf. Wir haben noch überhaupt nicht gelernt, damit umzugehen."

Das gilt übrigens auch für Kinder der Unterschicht. Nirgendwo ist die Dichte der Fernseher im Kinderzimmer so hoch wie in Hartz-IV-Haushalten. Auch das Wissen über Kinder wächst rasant. Der Markt erschlägt Eltern mit Erziehungsratgebern, Tipps der Supernanny und Warnungen vor kleinen Tyrannen.

Aber das alles hilft Eltern nicht. Denn ihnen sei der moralische Kompass abhanden gekommen, meint Jesper Juul. Keiner weiß genau, wie er erziehen soll.

Kontaktsperre aus Angst vor Unterschicht-Kindern

Die Antwort der Eltern auf diese Unsicherheit ist ziemlich unsentimental. Sie heißt Statussicherung. Sie richtet sich - auf die Schule. Bildung und Schulerfolg seien inzwischen absolute Werte für Eltern, schreiben die Autoren einer Konrad-Adenauer-Studie namens "Eltern unter Druck": "Die Belange der Schule sind mittlerweile zum beherrschenden Thema des Familienlebens geworden, vor allem in der bürgerlichen Mitte."

Das Motto heißt Abgrenzung. Eltern achten genau darauf, auf welche Schule die Kinder gehen - und auf welche sie auf keinen Fall gehen sollen. "Nicht mehr nur Akademikerfamilien, sondern bereits die breite Mittelschicht grenzt sich massiv nach unten ab. Man könnte hier beinahe schon von einer Art 'Kontaktsperre' sprechen", heißt es in der Studie.

Es gibt derzeit zwei zentrale Reformen von Schule in Deutschland. Erstens, den Unterricht mit neuen kreativen Lernformen zu verbessern, das Stichwort heißt: individuelles Lernen. Zweitens, die überdehnte und zutiefst ungerechte Schulstruktur mindestens sachte zu vereinfachen. Die Stichworte dafür heißen: Verlängerung der Grundschule auf sechs Jahre, flexible Schulanfangsphase, neue integrierte Schulformen wie die Gemeinschaftsschule (Berlin und Schleswig-Holstein) oder die Stadtteilschule (Hamburg).

Jahre hat es gedauert, bis sich die Kultusminister dazu durchringen konnten, die weltweit einzigartige Vielzahl von Schulformen zu reduzieren. Die erbittertesten Gegner dagegen sind auch hier - die Eltern.

"Gucci-Protest" des Bildungsbürgertums

Immer wenn irgendwo Schulen fusionieren sollen, gehen Eltern auf die Barrikaden. Als in Bayern über die Zusammenarbeit von Haupt- und Realschulen nur nachgedacht wurde, fragte Ingrid Ritt, Landesvorsitzende der Realschuleltern, sofort dämonisch: "Was folgt als Nächstes? Der willkürliche Austausch von Schülern zwischen den Schularten?" Gerade so, als wären Hauptschüler eine ansteckende Krankheit.

Die Angst der Eltern vor dem Statusverlust ist immens. Gegen die geplante gemeinsame sechsjährige Grundschule in Hamburg veranstaltete das dortige Bürgertum unlängst einen "Gucci-Protest", wie selbst "Die Zeit" lästerte. Die Bürgerinitiative dazu besteht aus Medien- und Werbeprofis, wie ihr Anführer, der Anwalt Walter Scheuerl, anmerkt.

Die Initiative trägt den harmlosen Namen "Wir wollen lernen". Tatsächlich bedeutet er: Wir wollen nicht mit Schmuddelkindern lernen. Denn zu den Zielen der Initiative gehört es, die sechsjährige Grundschule unbedingt zu verhindern, vulgo: das frühe Aussortieren von Migranten und Hartz-IV-Kindern nach der vierten Klasse beizubehalten.

In den Köpfen läuft die "Feuerzangenbowle"

Aber Eltern wollen nicht nur ihr Gymnasium retten. Sie verweigern sich häufig auch den neuen Formen des Lernens. In den Köpfen der Eltern läuft immer noch die "Feuerzangenbowle". Sie stellen sich Unterricht so vor, wie ihn Heinz Rühmann in einer Szene des Films von 1944 machte: Als Lehrer verkleidet zeigt Johannes Pfeiffer ("mit drei f") den etwas vertrottelten Paukern, wo es langgeht, und zaubert spannenden Frontalunterricht in ein steifes Gymnasium.

An diesem Klischee arbeiten sich Eltern noch heute ab. Ein Lehrer kann in ihren Augen eine Klasse von vorn wunderbar befüllen - wenn er nur witzig und gelehrt genug ist. Genauso haben Eltern Schule erlebt: Der Lehrer steht in der Rolle des Allwissenden vor der Klasse und erzählt seinen Schülern, wie die Dinge zu verstehen sind.

Auf Bildungskongressen kichern Forscher und Lehrer mittlerweile über den fragend-entwickelnden Unterricht, bei dem der Lehrer von vorn das Wissen aus den Schülern heraus zu kitzeln versucht. Die Methode heißt dort "Osterhasenpädagogik": Der Lehrer versteckt das Wissen - die Schüler sollen's suchen.

Experten und engagierte Lehrer versuchen längst, moderne Unterrichtsformen zu etablieren. Doch Eltern von heute steht noch immer eine Lehrform hoch im Kurs, die 150 Jahre alt ist.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 568 Beiträge
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Seite 1
Andreas Heil, 12.06.2009
1. So so.
Zitat von sysopSie wollen gute Schulen und eine gerechte Gesellschaft - aber nur, wenn's dem eigenen Kind nützt. Eltern sind die größten Bremser im Schulsystem. Sie bekämpfen erbittert Reformen und grenzen sich nach unten hin ab: bloß keinen Kontakt zur Unterschicht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,627628,00.html
Bei dem gegenwärtigen Zustand des Schulsystems kann ich den Artikel nur als *Frechheit* empfinden. Was der Autor nämlich geflissentlich vergisst, ist, dass man gegen Mitte der Schulkarriere nicht nur nicht mehr an *irgendwelche* positiven Refomfolgen (kennen wir ja auch aus allen anderen Politikbereichen) glaubt, die man am Anfang noch bestmöglich unterstützt hat, man hat gelernt, dass man sich mit Engagement besser zurückhält und man kann sich inzwischen sicher sein, dass die noch vor einem liegende Zeit garantiert noch schlimmer wird. Blöd nur, dass die *zehn Jahre verkorkste Schulzeit* die Kinder auszubaden haben, die haben nämlich nur ein Leben und eine Chance. Schön, wenn 2020 vielleicht wirklich irgendetwas von dem funktioniert, was reformiert wurde, wahrscheinlicher allerdings, dass bis dahin entweder alles wieder zurückgedreht wurde oder sich jeder die Bildung kauft, die er sich leisten kann.
Yagharek, 12.06.2009
2. Re
Das Problem ist, dass es viele in der "Unterschicht" gibt, denen Bildung nicht viel zählt. Hauptsache das Kind ist erstmal außer Haus und ich habe meine Ruhe. Daher gibt es aus dieser Richtung auch wenig Kampf für ein besseres Bildungssystem. Die, die sich für oder gegen dass aktuelle Bildungssystem einsetzen, sind halt die Eltern, die Angst haben, ihr Kind könnte schlechtere Noten bekommen. Und da diese Eltern den Großteil der Wählerschaft im Bildungssystem stellen, ist es für die Politik auch so verdammt schwer, etwas sinnvoll zu ändern.
earthling90 12.06.2009
3. Einseitige Schuldzuweisung?
Zuerst einmal ich bin Schüler an einem Gymnasium. Ich erlebe seit knapp 12 Jahren die Segnungen unseres Schulsystems aus der ersten Reihe. Ich habe viele Freunde an Gesamt- / Real- Haupt- / Berufsschulen und was es nicht noch alles gibt und kenne daher auch grob die Situation von vielen anderen Schulen. Das Problem sind nicht primär die Eltern oder die Lehrer, sondern das ganze System. Das deutsche Bildungssystem ist einzigartig in Europa und zwar im negativen Sinne. Überfüllte Klassen,Unterfinanzierung, mangelende individuelle Förderung, veraltete Materialien, hohe versteckte Kosten (u.a. Bücher, Kopien, Lernhefte, Nachhilfe etc). Das schlimmste von allem ist jedoch die soziale Auslese, die nach der 4. oder 6. Klasse stattfindet, einem Zeitpunkt an dem kein Kind fertig entwickelt ist. Diese Aufteilung in schlau, durchschnittlich, dumm ist genauso kontraproduktiv wie unfair! Die einzige gerechte Lösung wäre eine Schule für alle, an der wir gemeinsam lernen können. Dies funktioniert in ganz Europa - warum nicht in der BRD? Weil es in den 50er Jahren als kommunistisch abgestempelt wurde! Heute nur noch lächerlich! In der nächsten Woche werden wir als Schüler zeigen, was wir fordern. Mit einer Aktionwoche vom 15. - 19. Juni werden wir mit Streiks, Demos und vielen anderen Aktionen zeigen, was wir vom Schulsystem halten und wie wir es uns vorstellen. http://www.schulaction.org/ Achtet einfach mal am 17. Juni auf die Nachrichten! mfg
a.kadu 12.06.2009
4. Schulsystem
In einer Gesellschaft in der die Lust zu lernen und zu lehren von Jahr zu Jahr abnimmt, braucht die Schule einen neuen "besseren" Stellenwert.
hepdepaddel, 12.06.2009
5. Klar blockieren Eltern. Ich auch!
Osterhasenunterricht - interessanter Name. Da sehe ich meinen Sohn ganz entspannt, der wird seinen Weg schon machen. Egal, was sich Schulideologen alles ausdenken. Und "Osterhasen"pädagogik betreibe ich selbst, wenn wir als Unternehmensberater die Kunden ihre Konzepte selbst entdecken lassen. Der Ruf als Berater ist eh', man sammle nur Konzepte vom Kunden. Da bin ich zufrieden, wenn der nicht merkt, wo man ihn leicht vorwärts geschubst hat. Osterhasenpädagogik. Klasse Sache. Ich möchte mich also bewusst nicht mit Eltern solidarisch erklären, die krampfhaft ihren Nachwuchs zu fördern meinen. Warum ich dennoch blocke? Weil es eine Lüge ist! Kein Politiker interessiert sich für die Bildung oder die Kinder. Es geht um Kosten. Und so positiv ich die Idee finde, alle Kinder immer oder mindestens länger gemeinsam in einer Klasse zu unterrichten - es wird nicht gleichzeitig mit Sparprogrammen laufen. Da sitzen dann 30 Kinder unterschiedlichsten Niveaus vor Lehrern, die "Moderation" mit "Machen lassen" verwechseln. Eine Schule für alle wäre auch mein Traum. Eine Klassengemeinschaft, die gemeinsam Wissen erarbeitet. Zu meinen Uni-Zeiten habe ich in Vorlesungen die Studenten immer selbstständig Fragestellungen erarbeiten, im Plenum diskutieren und bewerten lassen. Aber in der Schule mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten funktioniert das nur, wenn Schülern mit Schwächen in einem bestimmten Fach auch individuelle Unterstützung zuteil wird. Und das wird mit 1:30 nicht klappen. Und verhaltensauffällige Schüler - die wahrlich nicht alle nur aus der "Unterschicht" kommen - bekommt auch niemand bei 1:30 in den Griff. Liebe Bildungspolitiker: Sie überzeugen vermutlich viele Eltern, wenn Sie die Gesamtschule mit einer Relation 1:10-15 einführen. Wenn Sie Förderunterricht bieten, der den Namen verdient, kostenlose Schulspeisungen und modernes Equipment. Aber "pädagogisch wertvolles Sparen" überzeugt niemanden. Gruß Hepdepaddel
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