Junge Deutsche mit Migrationshintergrund "Ich kenne Özils Gefühl"

Sie sind hier geboren, aufgewachsen - und haben doch manchmal das Gefühl, nicht dazuzugehören: junge Menschen mit Migrationshintergrund über ihren Blick auf Özils Rassismusvorwürfe.

Joy Kröger

Von Lorina Ostheim und Joy Kröger (Fotos)


"In den Augen von [DFB-Präsident] Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren", heißt es in Mesut Özils Statement, mit dem er seinen Rücktritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft begründet. (Lesen Sie hier Özils Statement im Wortlaut.)

Özil ist nicht der erste Sportler, der diese Form von Rassismus beschreibt. Wir haben junge Deutsche mit Migrationshintergrund in Hamburg gefragt: Kennen sie dieses Gefühl auch? Wie gehen sie damit um?

Samet, 26, Student: "Auch ich war schon Opfer von Rassismus"

Samet
Joy Kröger

Samet

"Ich denke, ich kenne Özils Gefühl. Auch ich war schon Opfer von Rassismus. Ich bin deutscher Staatsbürger und bekomme immer wieder, zum Beispiel bei Behörden, zu hören: 'Sie können gut Deutsch.' Früher war ich wegen solcher Sprüche traurig und wütend. Heute lache ich darüber und kontere dann: 'Ja, das wurde uns in unserer Höhle beigebracht.'

Ein Freund von mir, der auch türkische Eltern hat, arbeitet als Kassierer und muss sich immer wieder ähnliche Sprüche anhören wie: 'Aber Hauptsache, Sie können Deutsch!' Aufgrund solcher Erfahrungen verstehe ich Özils Beweggründe für seinen Rücktritt. Das Foto mit Erdogan war natürlich nicht in Ordnung, aber ich finde, daraus wurde ein viel zu großes Thema gemacht. Und was dann folgte, war aus meiner Sicht keine Kritik mehr, sondern purer Rassismus."

Emanuel, 24, Technischer Produktdesigner: "Der Schwarze kommt angeblich immer zu spät"

Emanuel
Joy Kröger

Emanuel

"Ich kann Mesut Özils Aussage ein bisschen nachvollziehen. Wenn ich zum Beispiel pünktlich zur Arbeit komme, was der Normalfall ist, sagen meine Kollegen: 'Ah, er ist in Deutschland aufgewachsen.' Verspäte ich mich einmal, kommt zum Beispiel ein Spruch wie: 'Der Schwarze kommt immer zu spät!' Ich werte das noch als Witz unter Kollegen und nehme es locker. Wenn solche Sprüche jedoch öfter kommen würden, fände ich das ziemlich uncool."

Linh, 23, Studentin: "Ich kann Özils Ausraster verstehen"

Linh
Joy Kröger

Linh

"Meine Eltern stammen aus Asien, aber ich bin hier geboren und wurde westlich erzogen. Leute wie ich haben oft einen anderen Blick auf die Dinge, ich würde sogar sagen: eine andere Identität. Denn wir kennen zwei Sichtweisen. Wegen meiner asiatischen Eltern wurde ich früher manchmal gefragt: 'Esst ihr Hunde?' Als Kind hat mich das total fertiggemacht, und ich konnte mich noch nicht so gut wehren. Heute würde ich nur denken: Eine Person, die so etwas sagt, hat keine Ahnung von Kultur.

Özil steht natürlich unter viel größerem Druck, da kann ich seinen Ausraster schon verstehen. Ich finde es gut, dass er ehrlich war und seine Gefühle geäußert hat. Vielleicht bewirkt und bewegt das etwas in Deutschland. Mein Gefühl ist es, dass vor allem in den Medien ein Buhmann für das schnelle WM-Aus gesucht wurde. So etwas treibt die Integrationsdebatte aber in die falsche Richtung."

Mert, 15, Schüler: "Andere Schüler nennen mich manchmal 'Kanake'"

Mert
Joy Kröger

Mert

"Özils Entscheidung verstehe ich absolut. Dass er und seine ausländischen Wurzeln als Grund für ein verlorenes Spiel genannt werden, finde ich krass. Ich habe auch einen türkischen Hintergrund. Manchmal machen Freunde sich einen Spaß daraus. Wenn ich zum Beispiel im Sportunterricht sehr schnell laufe, kommen Sprüche wie: 'Du türkischer Hengst.' Andere Schüler auf dem Schulhof nennen mich manchmal sogar 'Kanacke'. Unglaublich, dass man so noch angesprochen wird. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, dass sie denken, ich sei weniger wert als sie. Aber ich ignoriere das einfach, weil ich weiß, dass das nicht stimmt."

George, 24, Kommissionierer bei Airbus: "Bitter, so etwas zu hören - gerade von Özil"

George
Joy Kröger

George

"Özil hat das Gefühl, dass er nur als Deutscher wahrgenommen wird, wenn er Siege einfährt. Diesen Teil seines Statements kann ich als Begründung für seinen Rücktritt auf jeden Fall nachvollziehen. Offenbar bekommt er, wenn es nicht gut läuft, von seinem Team keinen Rückhalt. Ich finde es bitter, so etwas zu hören - gerade von ihm.

In Schulzeiten habe ich die Erfahrung gemacht, dass zum Beispiel für die schlechte Note in einer Gruppenarbeit ein Sündenbock gesucht wurde. Das war dann oft eine Person, die ruhig und zurückhaltend war und sich nicht so gut wehren konnte. Ich selbst war davon nicht direkt betroffen, aber ich kenne es als Außenstehender."

Zedan, 24, Kassierer in einem Supermarkt: "Eigenschaften sind wichtiger als Herkunft"

Zedan
Joy Kröger

Zedan

"Ich finde, dass der Satz 'Er ist Ausländer' keine Begründung sein sollte für schlechte Taten. Mir fällt auf, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland zunächst ganz normal akzeptiert werden, wie alle anderen Deutschen auch. Doch sobald jemand eine Straftat begeht, werden in den Medien sofort seine ausländischen Wurzeln herausgestellt. Es gibt viele gute Menschen in meinem Heimatland Irak, auch in Afghanistan. Genauso wie in Deutschland oder Spanien. Menschen sollten nicht auf ihre Herkunft reduziert werden. Eigenschaften und Ideen machen uns doch viel mehr aus."

Azra, 21, Studentin: "Wie muss ich sein, um anerkannt zu werden?"

Azra
Joy Kröger

Azra

"Ich habe Özils Statement gelesen und kann die meisten Punkte nachvollziehen. Ich habe selbst manchmal das Gefühl, nicht als Deutsche wahrgenommen, sondern auf meinen Migrationshintergrund reduziert zu werden. In solchen Situationen frage ich mich: Wie muss ich sein, um anerkannt zu werden?

Ich bin hier geboren, aufgewachsen und vertrete deutsche Werte. Im Schulunterricht haben wir Biografien erstellt und geschaut, wo unsere Wurzeln liegen. Wegen meines türkischen Hintergrunds haben Mitschüler zu mir gesagt: 'Du wirst nie Deutsche sein.' Mit dieser Situation war ich total überfordert, habe mich hilflos gefühlt und zu meiner Mutter gesagt: 'Das war das erste Mal, dass ich mich hier fremd gefühlt habe.' Heute würde ich in einer solchen Situation die Konfrontation suchen, fragen, warum jemand einer solchen Meinung ist, und dagegen argumentieren.

Ich finde, Dialog ist das einzig Richtige, um Vorurteilen und Rassismus entgegenzutreten. Mesut Özil ist Sportler, kein Politiker. Er stand sehr unter Druck und seine Wurzeln wurden ihm vorgehalten. Ich kann verstehen, dass er dadurch das Gefühl hatte, der DFB stünde nicht hinter ihm."

Lino, 15, Schüler: "Aufzuhören war für Özil die beste Entscheidung"

Lino
Joy Kröger

Lino

"Ich denke, aufzuhören war die beste Entscheidung, die Özil treffen konnte. Zum einen kann ich seine Beweggründe verstehen. Zum anderen hat meiner Meinung nach auch seine sportliche Leistung nachgelassen. Ich persönlich habe wegen meines persischen Hintergrunds mütterlicherseits noch keine negativen Erfahrungen im Alltag gemacht, finde aber: Rassismus geht gar nicht!"

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rockogranata 24.07.2018
1. Selbst, wenn die Eltern hier geboren sind...
..., deutsche Namen tragen, man selbst auch deutsche Namen hat und die Familie seit Jahrhunderten nachvollziehbar deutsch ist: Sind sie nicht atheistisch oder christlich, wird einem das Deutschsein von vielen prinzipiell abgesprochen. Die Frage ist nicht so sehr, wo man her kommt, sondern viel mehr, ob man ins Bild der breiten Masse passt. Deutschlands Minderheiten bekommen immer mehr ein Problem in Deutschland.
prisma-4d 24.07.2018
2. ...wie der Schwabe in Berlin.
Auch er wird nie richtig zu Berlin gehören... Der Schwabe also Rassismusopfer der Berliner? Und was mir besonders auffällt: die Befragte geben an in Deutschland aufgewachsen zu sein ich aber plötzlich nicht mehr als dazugehörig fühlen. Scherze werden als Diskriminierung gefühlt... die armen Bayern oder Sachsen... Auch ich hätte eine tragische Ausgrenzungsstory zu erzählen. Meine Kritik geht nicht an die Erzähler sondern an den Autor. Die Welt redet von Özil-Äpfeln und sie Berichten von Birnen...
clara1337 24.07.2018
3. Unglaublich
Ich bin "Urdeutsch", aber aufgrund der Karriere meiner Eltern zum Teil im Ausland aufgewachsen. Als wir zurück nach Deutschland kamen, war das das Erste was mir auffiel: Wir wurden im Ausland gut aufgenommen, jedes Gefühl von Akzeptanz durch die "Einheimischen" war für uns ein kleiner Erfolg und Ansporn und der Umgang generell sehr warm und herzlich. In Deutschland hörte ich dann z.B. "der Türke aus der anderen Klasse" oder so was. Ich war wie gesagt ja "neu" in Deutschland und wäre nicht mal auf die Idee gekommen, dass der Gemeinte hier geboren sein könnte (und länger hier lebte als ich). Warum sollte man ihn dann "den Türken" nennen? Traurigerweise war es aber nur das "kleine bißchen" Fremdenfeindlichkeit, die in Deutschland überall anzutreffen ist (war hoffentlich?!), und manchmal sogar "gut gemeint". Als dann die Forderung nach mehr "Integration" aufkam, war mir das mehr als peinlich.
spon-facebook-10000012354 24.07.2018
4. Migranten in Deutschland
Deutschland als Nation ist erst sehr spät entstanden und insofern sind Migranten immer Teil Deutschlands gewesen. Erinnert sei an die "Ruhrpolen" und "Hugenotten" in Deutschland. Mit „Ruhrpolen“ sind die Menschen und deren Nachfahren gemeint, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts teils mit ihren Familien aus dem früheren Königreich Polen, aus Masuren, der Kaschubei und auch aus Oberschlesien ins Ruhrgebiet eingewandert sind und dort meist als Bergleute gearbeitet haben. Tatsächlich ist jedoch nur noch eine Minderheit der Nachkommen der Ruhrpolen in Deutschland ansässig. Etwa ein Drittel kehrte in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in den wiederhergestellten polnischen Staat zurück. Ein weiteres Drittel der Ruhrpolen wanderte im Laufe der 1920er Jahre in die nordfranzösischen Kohlereviere von Lille und Lens ab. Die Assimilation des verbliebenen Drittels gelang – auch wegen der stark antipolnischen Züge der staatlichen Politik – allerdings komplett. Da die polnische Sprache nicht gepflegt wurde, sind die Nachkommen der Einwanderer heute außer an den vielen polnischen Nachnamen im Ruhrgebiet und einigen letzten kulturellen Resten kaum noch von der angestammten Bevölkerung zu unterscheiden. Die Situation ist jetzt jedoch eine andere, weil das Konzept des Multikulturalismus inzwischen in der BRD weitgehend bestimmend ist. Dies ist der Oberbegriff für eine Reihe sozialphilosophischer Theorieansätze mit Handlungsimplikationen für die Gesellschaftspolitik eines Staates. Multikulturalisten treten für den Schutz und die Anerkennung kultureller Unterschiede ein: „Multikulturalismus ist die Idee, dass Menschen ‚nicht trotz ihrer Unterschiede gleich, sondern wegen dieser Unterschiede verschieden‘ zu behandeln seien“. Die Theorien stehen dem Gedanken einer dominanten Nationalkultur ebenso entgegen wie dem in den USA weit verbreiteten Gedanken des Melting Pot, der von einer Angleichung der verschiedenen Kulturen und der daraus resultierenden Herausbildung einer gemeinsamen, nationalen Kultur ausgeht. Dies Skepis ist groß: Bereits Daniel Cohn-Bendit als Gründer und erster Leiter des Frankfurter „Amtes für Multikulturelle Angelegenheiten“ hatte auf die erheblichen Konfliktpotenziale der multikulturellen Gesellschaft hingewiesen, wenn diesen nicht vorbeugend begegnet wird: „Die multikulturelle Gesellschaft ist hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie ist von beträchtlichen sozialen Ungleichgewichten geprägt (…)“ Dies wurde von konservativer Seite schon bald – etwa vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber in seiner Regierungserklärung am 8. Dezember 1994 – aufgegriffen. Viele Gegner des Multikulturalismus sehen diesen als gescheitert an. https://de.wikipedia.org/wiki/Hugenotten#Hugenotten_in_Deutschland https://de.wikipedia.org/wiki/Ruhrpolen https://de.wikipedia.org/wiki/Multikulturalismus
spon-457-jg4i-3 24.07.2018
5. Es reicht mit Özil
Gibt es in diesem Land keine anderen Probleme und Themen, die wichtig sind. Özil ist ein Multimillionär, der die Nationalmannschaft zur Imagepflege benutzt hat, in den letzten Jahren hat er sich kaum mehr eingebracht, weil ihm das nichts mehr brachte. Jetzt ist er raus, Ende damit. Was soll diese ganze Aufregung ?
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