#MeTwo in der Schule Wenn Lehrer zu Rassisten werden

Jeder Vierte fühlt sich im Bildungsbereich diskriminiert, wegen seiner Herkunft, seines Alters oder Geschlechts. Die #MeTwo-Berichte zeigen auch: Manche Lehrer verstören ihre Schüler auf Jahre. Was Pädagogen wissen sollten.

Lehrer im Klassenraum: Wo fängt Rassismus an?
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Lehrer im Klassenraum: Wo fängt Rassismus an?

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"Schule. Mein Freund fragt etwas. Mathelehrer antwortet: Lern erst mal Deutsch, bevor du etwas fragst."

"'Sind Sie sicher, dass Sie studieren wollen? Machen Sie doch lieber eine Ausbildung!' (Professor während meines Studiums)."

"'Ist doch egal, auf welche Schule Ihr Sohn geht. Er übernimmt doch sowieso später die Bar.' Die Lehrerin meines Nachhilfeschülers zu den italienisch-polnischen Eltern."

Es sind Kommentare wie diese, die Menschen mit Migrationshintergrund in den vergangenen Tagen zuhauf unter dem Hashtag #MeTwo getwittert haben. Sie zeigen, dass Diskriminierung an deutschen Schulen und Hochschulen ein Problem ist. Es gehört zur Aufgabe eines Lehrers, Kinder und Jugendliche zu bewerten. Leistung sollte dafür das einzige Kriterium sein - und ist es offenbar häufig nicht.

Studien offenbaren seit Jahren, dass es Kinder mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen schwerer haben. In der vergangenen Woche zeigte eine Untersuchung der Universität Mannheim, dass Lehramtsstudenten Grundschulkinder schlechter benoteten, wenn sie türkische Vornamen hatten - obwohl sie im Diktat die gleiche Fehleranzahl hatten.

Und im vergangenen Jahr stellten Berliner Forscher fest, dass Lehrer Kindern aus türkischstämmigen Familien weniger zutrauen, selbst wenn sich deren Leistungen nicht von denen der anderen unterscheiden.

Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung kam hingegen vor einigen Jahren zu dem Schluss, dass Kinder aus zugewanderten Familien, die vergleichbare Noten und einen ähnlichen sozialen Hintergrund hatten, ebenso oft eine Gymnasialempfehlung erhielten wie deutschstämmige Schüler.

Es ist schwer zu beziffern, wie oft Lehrer Schüler wegen ihrer familiären Wurzeln benachteiligen. Manche Studien scheinen sich zu widersprechen und nicht alle sind repräsentativ. So lassen sich zum Beispiel die Mannheimer Ergebnisse zur Notengebung nicht einfach auf alle deutschen Lehrer und Lehrerinnen übertragen. Generell ist das Thema Diskriminierung an Schulen bei uns weit weniger erforscht als etwa in den USA.

Lehrer zu wenig ausgebildet

Das ändert jedoch nichts daran, dass Schüler immer wieder Diskriminierung im Unterricht erleben - und die Sprüche danach oft viele Jahre lang mit sich herumtragen. Vor drei Jahren ließ die Antidiskriminierungsstelle des Bundes deutschlandweit rund 1000 Menschen befragen. Rund jeder Vierte gab an, sich in den vergangenen zwei Jahren im Bildungsbereich benachteiligt gefühlt zu haben - aufgrund der Herkunft, oder auch aufgrund von Geschlecht, Alter oder Behinderung.

Ein großes Problem: Angehende Lehrkräfte werden an den Hochschulen wenig darin geschult, wie sie mit Heterogenität im Klassenzimmer umgehen können. Die Kultusministerkonferenz hat zwar 2014 beschlossen, dass Lehramtsstudenten in allen akkreditierten Studiengängen vermittelt werden müssen, "wie wesentlich Anerkennung von Diversität für das Gelingen von Lernprozessen ist".

Doch Nathalie Schlenzka von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes reicht das nicht. "Wir drängen seit Jahren darauf, dass das Thema Diskriminierung an Schulen als eigenes Element verpflichtend in die Lehrerausbildung aufgenommen wird", sagt sie. "Doch das ist immer noch in keinem Bundesland passiert."

Zudem: Manche Sprüche sind fraglos intolerant, menschenfeindlich, herabwürdigend. Andere Bemerkungen sind gut gemeint - und trotzdem schlecht gemacht. Offenbar bemerken einige Lehrer gar nicht, wenn sie Schüler diskriminieren. Darauf sollten Pädagogen achten:

Wo fängt Rassismus an?

Es ist nur auf den ersten Blick ein Unterschied, ob ein Lehrer sagt: "Du schaffst es nicht auf dem Gymnasium" oder "An der Hauptschule wirst du dich bestimmt wohler fühlen". Letzteres klingt zwar zunächst nach Anteilnahme. Doch der Effekt ist in beiden Fällen ähnlich: Der Schüler spürt, dass der Lehrer ihm das Gymnasium nicht zutraut.

Pädagogen sollten sich deshalb stets fragen, wie ihre Bemerkung ankommen könnte und ob sie wirklich alle Schüler nur nach ihrer Leistung beurteilen. "Niemand ist frei von Vorurteilen", sagt Nathalie Schlenzka, die seit fünf Jahren zu Rassismus an Schulen forscht. "Es ist ein erster Schritt, sich das einzugestehen."

Wie sollten Lehrer kommunizieren?

Trägt eine Schülerin plötzlich ein Kopftuch, weil sie das muss? Bekommt ihr Klassenkamerad Ärger vom autoritären Vater, wenn er eine schlechte Note nach Hause bringt? Es gehört zur Aufgabe eines Lehrers, genau hinzuschauen. Es ist jedoch ebenso wichtig, nicht vorschnell ein Urteil zu fällen.

"Pädagoginnen und Pädagogen sollten zuerst mit anderen Lehrenden oder Schulsozialarbeitern sprechen oder die Eltern persönlich kennenlernen, um den Kontext besser einschätzen zu können", rät Schlenzka. Außerdem sollten sie einen Schüler lieber offen und empathisch fragen, ob er wegen der Fünf in Mathe Ärger bekommen könnte - statt in dieser Hinsicht subtile Mutmaßungen anzustellen.

Lehrer sollten auch klarmachen, wenn sie sich selbst unsicher sind, wie sie ein Thema ansprechen können. "Ich mag mit meiner Beobachtung komplett daneben liegen, aber ich habe die Sorge, dass dich deine Eltern vielleicht nicht mit auf Klassenfahrt lassen", wäre ein besserer Satz als "Du darfst sicher nicht mit auf Klassenfahrt, oder?"

Was tun, wenn ein Spruch einen Schüler verletzt hat?

"Es reicht nicht zu sagen: 'Das habe ich doch nicht so gemeint'", sagt Schlenzka. Nicht jeder Schüler reagiere gleich - und Jugendliche, die Bemerkungen sensibler aufnähmen, müssten ebenso ernstgenommen werden. "Am besten sprechen Lehrer gleich an, wenn ihnen ein Spruch herausgerutscht ist, der vielleicht falsch ankam."

Das gilt übrigens nicht nur für Lehrer: Jeder, der sich in der Schule diskriminiert fühlt, sollte das ansprechen. Schlenzka mahnt: "Wir dürfen nicht aus Angst, etwas Falsches zu sagen, ins Schweigen verfallen".



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