Proteste in Mexiko Lehrer ziehen in die Straßenschlacht

Fast täglich kommt es in Mexiko zu Zusammenstößen zwischen streikenden Lehrern und Polizisten, sechs Menschen kamen ums Leben. Kern des Streits: Lehrer sollen sich auf Stellen bewerben müssen.

REUTERS

Von , Mexiko-Stadt


Es ist ein absurd anmutender Streit, der in diesen Tagen in Mexiko eskaliert und in dem sich die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto und die vor allem im Süden des Landes starke linke Lehrergewerkschaft CNTE beinahe kriegerisch gegenüber stehen.

Die Regierung lässt Gewerkschaftsführer festnehmen und feuert Tausende Lehrer. Und die "Coordinadora Nacional de Trabajadores de la Enseñanza" (CNTE) demütigt Streikbrecher, fackelt Wahlbüros ab, entführt Polizisten, blockiert Straßen, besetzt Flughäfen und liefert sich gewaltsame Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften. Am Sonntag starben dabei im Bundesstaat Oaxaca mindestens sechs Menschen, rund hundert wurden verletzt.

Bei dem Konflikt, den beide Seiten so unnachgiebig führen, geht es eigentlich um eine Selbstverständlichkeit: Eine Bildungsreform, mit der Mexikos Kinder in den Genuss einer besseren Schulbildung kommen sollen. Aber die Reform nimmt den mächtigen Gewerkschaften ihre Privilegien und Pfründe. Dagegen wehrt sich die CNTE, die in ganz Mexiko 200.000 Mitglieder hat, mit aller Macht.

Das größte spanischsprachige Land der Welt schneidet in den Pisa-Umfragen regelmäßig dramatisch schlecht ab. In den Kernfächern Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz liegen die mexikanischen Schüler weit unter dem Durchschnitt der 34 Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). 55 Prozent der mexikanischen Jungen und Mädchen erreichten beim Pisa-Test 2012 nicht das Mindestniveau in Mathematik, 41 Prozent fielen bei Lese- und Leseverstehen durch, und in Naturwissenschaften scheiterten 47 Prozent.

Lehrerstellen werden vererbt, verkauft, verschachert

Unter anderem deshalb brachte die Regierung eine Reform des Bildungssektors auf den Weg, die auch von weiten Teilen der Opposition mitgetragen wird. Zu den Neuerungen zählt beispielsweise, dass Lehrerstellen nun nach Qualitätskriterien und im Rahmen von Bewerbungsverfahren vergeben werden.

Was wie eine Banalität klingt, ist im klientelistischen mexikanischen Bildungssystem die Ausnahme. Lehrerstellen werden vor allem vererbt, verkauft, verschachert und als Druckmittel und Belohnung eingesetzt. "Es klingt unglaublich, aber so ist es über viele Jahre gewesen", sagt Marco Fernández, Bildungsexperte und Professor an der Universität Tec de Monterrey. "Diese Form von Korruption und Perversion hat unser Bildungssystem zersetzt."

Herr über die Vergabeverfahren waren und sind die Gewerkschaften, die in Mexiko nicht wie in anderen Ländern in erster Linie Interessensvertretungen sind, sondern ein Eigenleben führen, das längst außer Kontrolle geraten ist. Im Schatten der ewigen Regierungspartei PRI, die von 1929 bis 2001 regierte und nun seit 2012 wieder an der Macht ist, dienten sie vor allem als Stimmenbeschaffer für Wahlen - und wurden dafür mit Vergünstigungen, Posten und Privilegien für die Bosse belohnt. Dazu gehört auch die Möglichkeit, selbst Arbeitsplätze zu vergeben. Im besonders wichtigen Erdölsektor ist das noch immer gängige Praxis, zum Beispiel beim Staatskonzern Petróleos Mexicanos.

"Verrätern" öffentlich die Haare abrasiert

Dass Lehrerstellen besser nach Qualitätskriterien vergeben werden sollten, haben die meisten Mexikaner mittlerweile erkannt. Die Bildungsreform findet in der Gesellschaft ungeteilte Zustimmung. Die Gewerkschaft CNTE fasst sie als Kriegserklärung auf.

In den vergangenen Monaten hat sie Tausende Lehrer vor allem in den Staaten Oaxaca, Chiapas und Guerrero mobilisiert. Mitte Mai kündigte die Regierung an, 4000 Lehrern wegen der Teilnahme an einem illegalen Streik zu kündigen. Die Situation eskalierte, die Proteste wurden gewalttätig.

Internationales Entsetzen löste Anfang des Monats der Fall von sechs Lehrerinnen und Lehrern aus, die im südöstlichen Bundesstaat Chiapas öffentlich gedemütigt wurden. Da sie sich nicht an dem Streik beteiligen wollten, rasierten ihnen Unbekannte die Haare ab. Anschließend mussten sie barfuß durch die Straßen laufen, um den Hals trugen sie Schilder, auf denen "Verräter" stand.

Die Regierung reagierte mit der Festnahme von zwei CNTE-Führern. Dem Streikführer Rubén Núñez werden Veruntreuung, Unterschlagung und Korruption vorgeworfen. Er soll sich persönlich bereichert haben, indem er Kommissionen für staatliche Aufträge kassiert haben soll, die an private Unternehmen vergeben wurden. Ob an dem Vorwurf etwas dran ist oder er nur dazu dient, den Kopf der Protestbewegung festzusetzen, kann man in Mexiko nie so genau wissen.

Fest steht für Bildungsexperte Marco Fernández nur eines: Die Reform ist notwendig. "Nationale und internationale Tests zeigen, dass wir schwere Qualitätsmängel in der Ausbildung unserer Kinder haben", sagt er. "Und die Probleme sind vor allem Resultat von Korruption, administrativem Chaos und davon, dass das Bildungssystem von Teilen der Gewerkschaften gekapert ist."



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