Liefer-Flop für Microsoft Schulen warten monatelang auf schicke Tablets

Vom Erfolg überrumpelt: Für einen Schnäppchenpreis wollte Microsoft Tablet-Rechner an Bildungseinrichtungen verkaufen, doch auch Monate nach den Bestellungen konnte die Firma nicht liefern. Etliche Schulen haben die Aufträge storniert.

Von Feliks Todtmann

iPad-Klasse (in den USA): Geräte für das 21. Schuljahrhundert
AP

iPad-Klasse (in den USA): Geräte für das 21. Schuljahrhundert


Egal ob Schokoladenfirmen, die Arbeitsblätter für den Unterricht herausgeben, oder Telefonanbieter, die günstige Schülertarife anbieten: Viele Unternehmen versuchen, künftige Kunden möglichst früh an ihre Marke zu binden. Missglückt ist eine solche Verkaufsaktion jetzt dem amerikanischen IT-Konzern Microsoft. Mit einem Sonderangebot für Bildungseinrichtungen wollte die Firma den Absatz seines mäßig erfolgreichen Tablets Surface ankurbeln.

Das Angebot klang verlockend: Nur 192 statt 330 Euro sollte das Microsofts Surface RT in der Basisausstattung für Angehörige von Bildungseinrichtungen kosten. Das hatte das Unternehmen kurz vor den deutschen Sommerferien Ende Juni angekündigt.

Viele Schulen hatten sich offenbar für das neue Schuljahr vorgenommen, die Medienkompetenz ihrer Schüler zu stärken und mit Geräten für das 21. Jahrhundert aufzurüsten. Nach Einschätzung von Lehrern geht es damit in Deutschland zu langsam voran: Einer Studie des IT-Branchenverbandes Bitkom zufolge hält nur ein Viertel der Lehrer die technische Ausstattung ihrer Schule derzeit für gut oder sehr gut.

70.000 Euro eingesammelt und wieder ausgeteilt

Auf die große Zahl an Bestellungen in diesem Sommer allerdings war Microsoft nicht vorbereitet. Seit Monaten warten Schulen in mehreren Bundesländern bereits auf bestellte Tablet-Computer. Um an der Microsoft-Aktion teilzunehmen, sammelten Schüler und Lehrer an vielen Institutionen Geld, um die Geräte anzuschaffen - auch am Kölner Georg-Simon-Ohm-Berufskolleg. Gut zwei Drittel der Schüler absolvieren dort eine Ausbildung im IT-Bereich. Die angehenden Fachinformatiker und Programmierer lernen in eigenen Notebook-Klassen, es gibt einen Mac-Raum für die Arbeit mit Apple-Geräten.

Mit der Einrichtung eigener Tablet-Klassen wollte man deren Verwendbarkeit im Unterricht erproben. Rund 70.000 Euro sammelte allein das Berufskolleg bei seinen Schülern und Lehrern ein, die Schule bestellte bis Ende Juli insgesamt 280 Tablets bei Microsoft. Laut Microsoft sollte die Lieferzeit vier Wochen betragen. Damit die Geräte nicht in den Ferien ankommen, vereinbarte man eine etwas spätere Lieferung zum Schulstart Anfang September.

Nach den Sommerferien dann die Überraschung: Statt Tablet-Computern hatte Schulleiter Gerhard Finke sechs Wochen nach der ersten Bestellung nur eine automatisierte Bestellbestätigung erhalten. Nach mehreren E-Mails und Telefonaten habe Microsoft erklärt, dass es bei den Tablets zu Lieferengpässen gekommen sei. Einen konkreten Liefertermin könne man ihm nicht mehr nennen. Finke setzt dem Konzern Mitte September eine Frist von zehn Tagen, weil der Hersteller nicht reagierte, storniert Finke. Etliche Besteller taten es ihm gleich.

Jetzt soll Mitte November geliefert werden

Erst danach meldet sich das Unternehmen: "Ein leitender Mitarbeiter rief bei uns an und bat mich, die Bestellung nicht zurückzuziehen. Statt eines Rabatts bot er uns als Ausgleich Expertenvorträge über Windows an", gibt Finke den Anruf wieder.

Ein Sprecher von Microsoft bedauert die Verzögerungen bei der Lieferung, man sei überrascht gewesen von der großen Resonanz, die das Angebot erfahren habe. Genaue Zahlen über Bestellungen oder wie viele Einrichtungen betroffen sind, will er nicht nennen, man habe jedoch "mehr Bestellungen aus Deutschland erhalten, als aus allen anderen europäischen Ländern zusammen".

Mitte Oktober habe Microsoft rund 40 Prozent der eingegangenen Bestellungen abgearbeitet, sagt der Sprecher. "Wir sind zuversichtlich, bis Mitte November 95 Prozent der Geräte ausgeliefert zu haben." Auf der Facebook-Seite von Microsofts Bildungsabteilung zeigten sich Lehrer und Professoren zunächst begeistert von der Offerte, doch jetzt häufen sich die wütenden Kommentare von enttäuschten Kunden. Viele berichten von Wartezeiten von mehr als drei Monaten, Beschwerden seien im Sande verlaufen. Microsoft schaltete sich im eigenen Facebook-Kanal nur zaghaft ein: Man könne die Bestellung nicht beschleunigen, wünsche aber "ein schönes Wochenende und viel Glück". Der Firmensprecher erklärte zur Feedback-Kultur des Unternehmens und Beschwerden über schlechte Erreichbarkeit, man habe mehr Mitarbeiter in den Callcentern eingesetzt.

Pädagoge Finke muss nun das Geld zurück an die Schüler und Lehrer verteilen - "ein Riesenaufwand", wie er sagt. "Für mich ist das Ganze ein Witz", Microsoft müsse doch ein Interesse an Kunden wie seiner Schule haben. "Dann sollen die so eine Aktion gar nicht machen." Microsoft zieht trotz der Lieferschwierigkeiten eine positive Bilanz. Die vielen Bestellungen zeugten vom großen Erfolg der Kampagne. Die "traurige Seite" der Angelegenheit sei nur, "dass wir von dem Erfolg überrascht waren".



© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.