Missbrauchsfälle am Aloisius-Kolleg Schweigen für den guten Ruf

Patres und Lehrer missbrauchten Schüler seit Jahrzehnten, die Betroffenen leiden zum Teil bis heute. Vor gut einem Jahr wurde bekannt, dass am Aloisius-Kolleg in Bad Godesberg Abscheuliches geschah. Nun liegt der Abschlussbericht vor. Er zeigt, wie aus Sorge um die Schule weggesehen wurde.

Von Britta Mersch

Aloisius-Kolleg in Bonn: 23 Personen werden durch Aussagen Betroffener belastet
dapd

Aloisius-Kolleg in Bonn: 23 Personen werden durch Aussagen Betroffener belastet


Wie viele Personen tatsächlich betroffen sind, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Die Beschuldigten waren gegenüber den Gutachtern zu keiner Auskunft verpflichtet, einige der Täter sind schon tot. Wer von den Opfern reden wollte, meldete sich freiwillig. Viele aber schweigen, weil sie sich an die schlimmen Ereignisse, die sie in ihrer Schulzeit erlebt haben, nicht mehr erinnern können.

Am Dienstag wurde der Abschlussbericht zu den Missbrauchsfällen am Aloisius-Kolleg vorgelegt, einem privaten Jesuiten-Gymnasium mit Internat im Bonner Stadtbezirk Bad Godesberg. Der Bericht, der vom Orden selbst in Auftrag gegeben wurde, zeigt: Die Missbrauchsfälle, die sich zwischen 1950 und 2008 ereignet haben, waren keine seltenen Einzelfälle.

Insgesamt lagen den Gutachtern - zwei Juristinnen und einer Psychotherapeutin - die Berichte von zahlreichen Personen vor, die entweder selbst Opfer von Missbrauch wurden oder von Missbrauchsfällen gewusst haben. 55 sind den Gutachtern namentlich bekannt, dazu kommen weitere anonyme Berichte und Aussagen von Jesuiten und Mitarbeitern, die zum Teil nicht mehr am Kolleg sind. Insgesamt hatten die Gutachter Kontakt zu 175 Personen.

Die Liste der Misshandlungen ist lang. Berichtet wird von sexuellen Übergriffen, körperlicher Misshandlung und "anderen entwürdigenden Erziehungsmaßnahmen". Was das genau bedeutet, ließ sich schon dem Zwischenbericht entnehmen, der im Oktober 2010 veröffentlicht wurde.

Einem ehemaligen Schüler sei über länge Zeit verboten worden, während der Pause den Klassenraum zu verlassen. Die Begründung: Er sei zu hässlich. Andere berichten von einem "Zwang zur Nacktheit". Sie mussten sich entkleiden und an Saunabesuchen oder Wasserschlachten teilnehmen. Den Demütigungen waren offenbar keine Grenzen gesetzt: Schüler mussten sich am Genitalbereich beschnuppern lassen, ein Schüler soll mit Bienenstichen auf dem Unterarm malträtiert worden sein.

Den Missbrauch als erzieherische Maßnahme getarnt

In dem nun vorgelegten Abschlussbericht werden insgesamt 23 Personen von Aussagen der Betroffenen belastet, davon 18 Ordensmitglieder und 5 Mitarbeiter. Die meisten dieser Personen - 14 Patres und 3 Lehrer - waren in den Fünfziger und Sechziger Jahren auf dem Aloisius-Kolleg tätig.

Besonders schwer belastet wird ein Pater, der seit 1968 am Aloisiuskolleg arbeitete. 1985 wechselte er in das Amt das Schuldirektors, das er bis 1992 ausübte. Nach seiner Pensionierung war er bis 2006 als Erzieher für die Mittelstufe und für den Förderunterricht zuständig. Bis 2006 lebte er gemeinsam mit Internatsschülern in einer Villa.

Den Gutachtern liegen Aussagen von 36 Personen vor, die diesen Pater betreffen. 31 von ihnen haben Grenzverletzungen persönlich erlebt oder wahrgenommen. Sie berichten von sexuellen Grenzverletzungen oder körperlichen Übergriffen. In zehn Fällen soll es auch zu sexuellem Missbrauch gekommen sein.

Nicht immer sei der Missbrauch auf den ersten Blick ersichtlich gewesen - einige seiner Handlungen hätte der Pater als "pflegerische oder erzieherische Maßnahmen" getarnt. So habe der Pater zum Beispiel gemeinsam mit Schülern geduscht, sie auch eingeseift. Zehn- bis Zwölfjährige Schüler mussten sich vor ihm vollständig entkleiden, bevor er bei ihnen rektal Fieber maß.

Im Nachlass des Paters finden sich auch zahlreiche Fotografien von halbnackten oder nackten Jungen. Die Gutachter sprechen zwar nicht von Kinderpornographie, beobachteten aber schon im Zwischenbericht "eine offenkundig erotische Komponente". Viele Bilder sind im Park entstanden, weiterhin gebe es zahlreiche Urlaubsbilder. Bei Innenaufnahmen habe der Pater oft den Vorraum einer Dusche gewählt oder eine Sauna. Manchmal werden Schüler auch schlafend in seinem Bett abgebildet. Die Kinder hätten häufig Badehosen getragen oder seien mit nacktem Oberkörper fotografiert worden.

Der Ruf der Schule hatte oberste Priorität

Nacktbilder von Schülern tauchten auch in der Schule auf. Sie setzten die Verantwortlichen auch in Sorge - aber vor allem deshalb, weil sie um den guten Ruf der Schule fürchteten. Die Beteiligten sagten aus, dass sie an die Schüler, die sich vor der Kamera ausziehen mussten, nicht gedacht hätten.

Von einem systematischen Vertuschen wollten die Gutachter aber nicht sprechen. Sie weisen auf mangelndes Unrechtsbewusstsein der Verantwortlichen hin. Nur in einem Fall lasse sich ein Zusammenwirken von Ordens-, Provinz- und Schulleitung erkennen, um sexuellen Missbrauch zu vertuschen. Anfang der Sechziger Jahre sei ein Pater unter dem Vorwand einer schweren Erkrankung nach Tirol versetzt worden. Auch dort arbeite er wieder an einer Schule und hatte mit Ministranten zu tun. Auch Schüler des Aloisiuskollegs wurden zum Pater nach Tirol geschickt. Ein ehemaliger Schüler berichtet von erneuten sexuellen Missbrauchsfällen.

Möglich wurden die Übergriffe weil die Verantwortlichen nicht hinsahen. Verdachtsfälle wurden nicht mitgeteilt oder gerieten in Vergessenheit. Sie wurden weder untersucht oder dokumentiert: "Es dominierte die innere Überzeugung der Akteure, dass der gute Ruf des Kollegs oberste Priorität hatte, hinter dem notfalls auch das Kindeswohl zurückzutreten hatte", heißt es in dem Bericht.

Die Gutachter dokumentieren einen Zeitgeist, der schon im Abschlussbericht zu den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule deutlich wurde: Auch dort überlagerte in den Sechziger Jahren die Sorge um das Ansehen der Schule das Urteilsvermögen für Recht und Unrecht.

Stefan Kiechle, Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten, nannte die Anhöhrung der Opfer eine "kopernikanische Wende", die nun begonnen habe und fortgeführt werden müsse. "Nichts weniger als das Christsein steht auf dem Spiel", sagte er bei der Vorstellung des Abschlussberichts.

"Die eigene Fehlbarkeit anerkennen, Chancen zur Veränderung nutzen"

Kiechle sagte zudem, dass Jesuiten und Laien oft zu wenig oder überhaupt nicht pädagogisch qualifiziert gewesen seien. Vielleicht habe man eine pädagogische Ausbildung für unnötig gehalten, sagte Kiechle, und räumte ein: "Da ist auch jesuitischer Hochmut drin."

Unter dem Missbrauch am Aloisius-Kolleg leiden einige der Betroffenen noch heute. Sie berichteten den Gutachtern von psychischen oder psychosomatischen Folgen, darunter Kopfschmerzen, Alpträume oder Atembeschwerden. Dazu kommen Vertrauensverlust, Angst vor Nähe und Bindungen, Depressionen und massive Minderwertigkeitsgefühle.

Rund 800 Schüler besuchen zurzeit das Aloisiuskolleg in Bonn. Es wird für sie und ihre Eltern schwer sein, den Lehrern und Patres wieder zu vertrauen. Auf der Internetseite sprechen die Verantwortlichen von einer "Kultur des Wegsehens und Weghörens" und bitten die Betroffenen um Verzeihung. Ein Präventionskonzept soll die Schüler in Zukunft besser schützen.

Vor allem eines könnte dabei helfen, formulieren die Gutachter in ihrem Bericht: eine Organisationsstruktur, "in der die eigene Fehlbarkeit anerkannt, Kritik gewünscht und als Chance zur Veränderung genutzt" wird. Dazu die Empfehlung, die emotionale Entwicklung der Kinder stärker in den Blick zu nehmen und zu fördern. Und Hinweise auf Grenzverletzungen ernst zu nehmen.

"Es gibt noch viel zu tun, dass Kinder zukünftig über ihr Leid sprechen und dafür die Sprache, den Mut, das Vertrauen finden, und dass sie gehört und ernst genommen werden", sagte Kiechle.



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