Mobbing Ex-Schülerin erhält 30.000 Euro Entschädigung

Hänseleien unter Jugendlichen könnten britische Schulen künftig teuer zu stehen kommen. Erstmals bekommt eine ehemalige Schülerin in Wales eine hohe Summe, weil sie jahrelang von Mitschülern gedemütigt worden war.


Wäre diese Klage bis zum Zivilgericht vorgedrungen, hätte sie zu einem ziemlich kostspieligen Präzedenzfall für das britische Schulsystem werden können. Deshalb ließ es die Schulbehörde in Blaenavon in Südwales erst gar nicht zu einer Verhandlung kommen. Nachdem die ehemalige Schülerin Sophie Amor jahrelang von ihren Mitschülern gedemütigt worden war, hatte sie als heute 23-Jährige Schadenersatz gefordert. Die Schulbehörde einigte sich mit Amor deshalb außergerichtlich auf eine Summe von 20.000 Pfund (knapp 30.000 Euro).

Streitende Schüler: Kinderzwist ein Grund zur Klage?
DPA

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"Ich konnte den Schulflur nicht entlang laufen, ohne dass jemand abfällige Bemerkungen gemacht hätte, ohne dass mich jemand geschubst hätte oder von mir forderte, aus dem Weg zu gehen", sagte Amor dem Nachrichtensender BBC.

Im Alter von vier Jahren hätten andere Kinder der St. Peter's Church Grundschule in Torfaen begonnen, sie wegen ihres Gewichts zu hänseln. Sie sei verspottet und angespuckt worden, Mitschüler aus der Grundschule seien ihr gegenüber zunehmend gewalttätig gewesen, so Sophie Amor. Damit hätten die Kinder ihr Leben zerstört; bis heute leide sie an den Mobbing-Folgen. Die Grundschule und damit der Bezirk Torfaen seien aber verpflichtet gewesen, sie vor solchen Anfeindungen zu schützen.

Die Mutter Isabel Amor, 55, beschreibt ihre Tochter als schüchternes Mädchen, dem es schwer gefallen sei, sich Lehrern anzuvertrauen. Im Alter von neun Jahren soll Sophie versucht haben, sich mit einer Überdosis ihrer Epilepsie-Medikamente das Leben zu nehmen.

Mit 14 Jahren diagnostizierte ihr Arzt neben der Epilepsie auch Depressionen, unter denen Amor nach eigenen Angaben auch heute noch leidet. Daraufhin nahm sie ihre Mutter aus der Schule. Auch nach Gesprächen mit Lehrern und dem Schuldirektor habe sich an der Situation ihrer Tochter nichts geändert, sagte die Mutter: "Sophie war ein lebenslustiges Mädchen, aber statt gute Leistungen zu bringen, hat sie sich gar nicht in die Nähe der Schule getraut."  Die Mutter begründet ihre Entscheidung, sich nicht damals schon an eine höhere Instanz als den Schulleiter gewandt zu haben, damit, selbst "zu eingeschüchtert" gewesen zu sein.

Schulbehörde zahlt, weist aber Schuld von sich

Heute ist Sophie Amor 23 Jahre alt und sieht sich aus Angst vor neuen Hänseleien nicht in der Lage zu arbeiten. Sie lebt sehr zurückgezogen und spricht wenig mit den Menschen in ihrer Umgebung. Die Entschädigung habe sie aber nicht des Geldes wegen gefordert, sagt sie. Ihr gehe es um Gerechtigkeit. Sie möchte verhindern, dass andere dasselbe wie sie durchleben müssen.

Mit der Schadenersatz-Zahlung zeigt der Stadtrat von Torfaen zwar Verständnis für die Situation, in der sich Sophie Amor sieht. Die Behörde will aber ausdrücklich nicht direkt für die Erlebnisse der ehemaligen Schülerin verantwortlich gemacht werden. Um den Fall klein zu halten und die Kosten zu minimieren, hat der Stadtrat einer außergerichtlichen Einigung zugestimmt; seine Versicherungsgesellschaft übernimmt den Betrag von 20.000 Pfund.

In Großbritannien regelt der so genannte "Children Act", 1989 verabschiedet und 2004 zuletzt neu überarbeitet, die Rechte von Kindern und Jugendlichen. Darin werden die Zuständigkeiten und Verpflichtungen der britischen Behörden im Umgang mit Kindern genau reglementiert. Unter anderem ist es demnach die Pflicht der Schulbehörde, den Schutz der Kinder zu gewährleisten und die Erziehung der Eltern durch Ansprechpartner positiv zu unterstützen.

Peter Durkin, Sprecher des Stadtrats Torfaen, bekräftigte gegenüber der BBC, dass jede Schule strenge Verhaltensrichtlinien habe. Das Hänseln, Verspotten oder Mobbing von Mitschülern werde nicht geduldet. "Torfaen nimmt die Beschwerden von Schülern ernst", sagte Durkin dem Sender. Trotzdem komme es oft vor, dass sich Schüler Gemeinheiten ihrer Kameraden ausgesetzt sehen. 

Sophie Amors Anwälte behaupten, einen Präzedenzfall zum Schulmobbing ausgefochten zu haben. Der könnte nun weite Kreise ziehen. "Viele Leute könnten sich jetzt zu Klagen ermuntert fühlen", warnte Alison King, Vorsitzende des Verbands der Gemeindeverwaltungen. Wahrscheinlich kämen nun Hunderte von Schadensersatzforderungen auf die Gemeinden zu. Trotzdem dürfe man nicht selbstgefällig sein und müsse die Folgen von Mobbing ernst nehmen.

Von Thyra Andresen



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