Mobbing im Internet Share dich fort!

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"Ich war schockiert" - Schulleiter als Aufklärer


Konfrontation: Schulleiter und Lehrer thematisieren Cybermobbing im Unterricht
Corbis

Konfrontation: Schulleiter und Lehrer thematisieren Cybermobbing im Unterricht

Schulleiter als Aufklärer

Eine Stellwand sollte helfen, das war die Idee. Möglichst viele Schüler sollten darauf unterschreiben, "Aktion: Zeig dein Gesicht, nenn deinen Namen", stand oben drüber. Der Schulleiter hatte sie im Foyer aufstellen lassen, die Schüler sollten öffentlich bekunden: Wir halten nichts von anonymer Lästerei.

Die Polizei hatte die Schulleitung über iShareGossip informiert. Der Schuldirektor und sein Stellvertreter entdeckten prompt Einträge über Schüler und Kollegen. "Ich war schockiert", sagt der Stellvertreter. Erst wollten sie abwarten, um nicht noch Werbung für die Pöbelplattform zu machen. Doch schon am nächsten Tag war ihnen klar: Wir müssen das angehen. Es wurden immer mehr Beleidigungen; im Sekretariat meldete sich ein verzweifeltes Mädchen, im Netz las sie über sich, sie sei eine "Schlampe". Weinend saß sie beim stellvertretenden Schulleiter.

Ein Dilemma, was also tun?

Sie informierten die Lehrer, erstatteten Anzeige, sprachen mit den Schülervertretern. Der Hausmeister baute die Stellwand im Foyer auf. Beim Projekttag gab es einen Workshop "Cybermobbing" für die Klassen sieben bis zehn, 30 Plätze. Aber es kam wie befürchtet: Manche Schüler erfuhren erst durch die Maßnahmen von der Internetseite. Dennoch: "Totschweigen bringt nichts", sagt der Schulleiter.

Es ist in etwa das, was Schulpsychologen und Mobbingexperten raten. Schulen müssten signalisieren: Das dulden wir nicht. Denn technisch ist dem Problem nur schwer beizukommen, zumal viele Schüler ihren Lehrern am Computer oft überlegen sind. Mehr als die Internetseite auf den Schulrechnern sperren, bleibt meist nicht. Immerhin: Die deutschen Versionen der bekanntesten Suchmaschinen sollen die Seite jetzt nicht mehr auflisten, weil sie indiziert wurde.

Die Stellwand allerdings baute der Hausmeister nach einer Woche wieder ab. Es hatten zwar Hunderte Schüler unterschrieben, doch schnell fanden sich neben den Namen auch explizite anatomische Zeichnungen.

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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
IsArenas, 25.03.2011
1. Quatsch
---Zitat von SPON-Artikel--- Das Perfide: Die Opfer solcher Einträge schauen immer wieder auf die Seite; in der Freistunde laden sie sich neue Beleidigungen auf ihr Handy; es fällt ihnen schwer, abzuschalten. ---Zitatende--- Das ist nicht das "Perfide", hier liegt die Loesung: einfach NICHT die Seite anschauen. Und: nur wirklich einfaeltige Menschen finden es auf Dauer interessant, wenn jeder einfach poebeln darf - echtes Mobbing laeuft viel subtiler!
zx6 25.03.2011
2. Narzissmus
Zitat von sysopSie beleidigen, sie drohen, sie treiben Mitschüler und Lehrer in die Verzweiflung: Jugendliche pöbeln auf der anonymen Lästerseite iShareGossip in bisher ungekanntem Ausmaß. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie Cybermobbing den Schulalltag verändert - und wie die Gegenwehr aussieht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,753034,00.html
Der Grad, in dem solche Lästerplattformen Einfluß auf unser Leben haben, steht und fällt mit dem Grad an Narzissmus, den wir uns zugestehen. Mein Eindruck ist, daß das Maß, in dem wir erwarten, toll gefunden zu werden, in den letzten Jahrzehnten stark steigt. In der Erziehung wird gefordert, daß jemand nur dann ein starker Mensch werden kann, wenn ihm dauernd das Gefühl vermittelt wird, daß er toll ist. Im täglichen Umgang werden nicht wertschätzende Worte schnell als "verbale Gewalt" geächtet und die Mode suggeriert uns, daß einen die ganze Welt toll findet, wenn man nur die neueste Röhrenjeans von H&M hat. Je höher also der gesellschaftliche akzeptierte Narzissmus, desto tiefer fällt der Einzelne, wenn den mal jemand nicht bedient. Wer den Anspruch an die Welt hat, daß er toll gefunden wird, der kauft das mit ein. Wir sollten uns selbst eingestehen, daß wir nicht den Anspruch darauf haben, von allen toll gefunden zu werden. Everybody's darling is everybody's depp. zx6
HansGusto 25.03.2011
3. Boykottaufruf
Wenn das so schlimm ist, warum macht Spiegel Online dann die ganze Woche mit immer wieder neuen Hauptartikeln Werbung für die Seite? Gehirn einschalten, Schreibmaschine ausschalten.
klowasser 25.03.2011
4. gegen titelzwang!
Zitat von sysopSie beleidigen, sie drohen, sie treiben Mitschüler und Lehrer in die Verzweiflung: Jugendliche pöbeln auf der anonymen Lästerseite iShareGossip in bisher ungekanntem Ausmaß. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie Cybermobbing den Schulalltag verändert - und wie die Gegenwehr aussieht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,753034,00.html
Ist an sich nichts Neues. Über mich wurde ne Zeit lang gesagt, ich würde jeden Tag einen durchziehen. Aber was scherte es mich? Meine echten Freunde hatte ich ohnehin außerhalb der Schule...auf der Arbeit hat man ja normalerweise auch keine Freunde.
infoseek, 25.03.2011
5. Hinschauen! Und zwar ganz genau!
Welche Geister auf isharegossip.com unterwegs sind, wird sehr anschaulich hier belegt: http://calimerosrumpelkammer.blogspot.com/2011/03/gehoren-kloturen-jetzt-verboten.html Im Gegensatz zu den Mainstreammedien, die nicht auf die Hintergründe eingehen, sondern sehr oberflächlich und uninformiert berichten, werden hier Fakten belegt und Roß und Reiter genannt. Und das ist ausgesprochen aufschlussreich. Nach dieser Lektüre kann keiner mehr behaupten, das Problem sei das Internet. Denn die "wallah meine Ehre isch fick disch un deine mudda un dein onkel und dein schwester ist fickschlampe"-Kids bringt nicht das Internet hervor, sondern die generiert das reale Leben, und dort mobben und prügeln sie auch schon lange ohne Maß und Ziel. Diese Kids sind sprachlich, emotional und intellektuell komplett entgleist - und es werden immer mehr. Da ist die Baustelle, und sonst nirgends. Wenn jetzt wieder nach Indizierung, Verboten, Stoppschildern etc. gerufen wird, zeigt das nur eins: Die Gesellschaft (Lehrer, Eltern, Polizei etc.) samt der zugehörigen Medien haben vor dem eigentlichen Problem längst kapituliert. Solange dieser Zustand des Ignorierens, Verdrängens und Schönredens anhält, wird auch ein Totalverbot des Internets kein Jota ändern. Leider scheint man auch beim SPIEGEL (SPON) das noch nicht ganz erkannt zu haben.
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