Mobbing unter Jugendlichen "Die Schule wurde meine persönliche Hölle"

Mobbing unter Jugendlichen: "Ich drehte völlig durch"
Frank Grätz

Mobbing unter Jugendlichen: "Ich drehte völlig durch"

4. Teil: Jana, 20: "Sofort war sie ein arrogantes Miststück"


Warum ich andere beleidigt, runtergemacht und bedroht habe? Das kann ich schwer erklären. Manchmal waren es schlicht Abneigung, Neid oder Eifersucht. Manchmal hab ich einfach nur mitgemacht, weil meine Freunde eine bestimmte Person nicht mochten. Das alles geschah fast nur online.

Es war so einfach, einen gemeinen Kommentar zu schreiben. Beleidigungen unter Bilder zu posten. Oder einfach nur die fiesen Sachen von anderen zu "liken". Heute weiß ich, es lag daran, dass ich den Opfern nicht in die Augen sehen musste. Ich stand niemandem gegenüber, der mir bei einem Spruch sofort einen Konter geben konnte. Ich erhielt Bestätigung von anderen, denn oft wurden meine Kommentare auch "geliked".

Außerhalb des World Wide Webs passierte nichts, es hatte keine Konsequenzen für mich. Auf dem Schulhof kommt ein Lehrer und geht dazwischen. Wenn ich im Verein jemanden fertigmache, kommt der Trainer und verwarnt mich. Aber wenn ich online jemanden stundenlang beleidige und nerve, kommt niemand. Bei einigen Chats wurde ich vom Administrator rausgeworfen, bei SchülerVZ wurde ich mehr als einmal gelöscht. Aber was macht das schon? Dann habe ich mich eben unter einem anderen Namen neu angemeldet. Meine Familie weiß bis heute nichts von all dem.

Online verbreitete ich Gerüchte

Als ich 16 war, wusste mein eigener Freund nichts von meiner "anderen Seite". Bis er mein Ex-Freund war. Danach drehte ich völlig durch. Ich terrorisierte ihn, bedrohte ihn. Und als er eine neue Freundin hatte, wurde auch sie mein Feind. Dabei kannte ich sie gar nicht. Jetzt mit 20 weiß ich, dass das total bescheuert war. Ich war emotional überfordert, einfach verletzt.

Die Anlässe konnten aber auch nichtig sein. Wie im Fall des Mädchens aus der Parallelklasse, das die megageilen Stiefel hatte, die ich unbedingt wollte, die aber zu teuer waren. Sofort war sie ein Snob, ein arrogantes Miststück. Online verbreitete ich Gerüchte, dass ihre Noten erkauft seien und so weiter. Einer anderen verpasste ich online den Stempel "Schulschlampe", weil sie mit meinem Freund gesprochen hatte.

Ich habe das Gefühl, dass wenn man noch zur Schule geht Nichtigkeiten total wichtig sind. Als ich meine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau begann, änderte sich alles. Ich kam in ein neues Umfeld, lernte neue Menschen kennen. Eines Tages, als ich an der Kasse saß, war eine, die ich fertig gemacht hatte, Kundin. Es war mir unendlich peinlich. Ich hatte Angst, dass sie mich jetzt vor meinem Chef und den Kollegen blamiert. Aber sie tat nichts, sie würdigte mich keines Blickes.

Inzwischen bereue ich, was ich getan habe. Das Gefühl, im Internet von aller Moral losgelöst zu sein, ist weg. Das war dumm, gemein und unüberlegt - ich hatte nicht bedacht, dass man sich im Leben immer zweimal sieht.

Heute habe ich selbst Angst. Davor, einmal Opfer von jemandem wie mir zu werden. Und davor, dass meine Familie erfährt, was ich gemacht habe.

Text: Paula Leutner für das Jugendmagazin "Spiesser"



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insgesamt 166 Beiträge
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Seite 1
Alexander Axt 23.12.2012
1. Na und?
Auch ich wurde in meiner Schulzeit gemobbt. Das ist längst vergessen und ich habe dadurch gelernt. Es ist mir nie wieder passiert. Als man es während meiner Grundausbildung erneut versuchte, setzte es ein paar gut gezielte Nasenstüber. Ruhe war und ich hatte den Respekt meiner Kameraden, weil die vier größten Idioten des Zuges Wochenlang mit geschienten Nasen herumlaufen mussten. Solche Erfahrungen gehören zum Erwachsenwerden. Mutti kann da nicht helfen.
inecht 23.12.2012
2. früher...
... haben uns die Lehrer geprügelt, vor der ganzen Klasse niedergemacht, uns der Lächerlichkeit preisgegeben. Da einigte die Schüler das gemeinsame Feindbild. Wie viel grausamer, heute Schüler sein zu müssen.
fördeanwohner 23.12.2012
3. -
Richtiges Mobbing ist übel für die Betroffenen. Wenn alle anderen einen permanent schlecht machen und vielleicht noch körperlich drangsalieren, kann das nicht gutgehen. Das Problem ist aber, dass man den Mobbern in der Schule nicht wirklich beikommen kann, wenn deren Eltern nicht mitspielen. Und das ist leider zu häufig der Fall. Da werden dann Maßnahmen seitens der Schule einfach ausgehebelt. Mordrohungen in sozialen Netzwerken werden kommentiert mit: "Das ist doch nun wirklich nicht schlimm. Das sind doch nur Worte." In diesem Fall kann man Eltern von betroffenen Kindern nur empfehlen, Anzeige zu erstatten, wenn die Mobber 14 oder älter sind. Bei jüngeren Schülern ist das natürlich schwieriger. Das Thema "Mobbing" steht im Fokus, wird aufgearbeitet und diskutiert. Es gibt Prävention. Das ist alles berechtigt. Aber dadurch ergibt sich ein neues Problem. Schüler kennen die Problematik und verwenden Mobbing als Ausrede. "Ich werde gemobbt", dient z.B. dazu, nicht zur Schule gehen zu müssen. Eigentlich haben diese Kids ganz andere Probleme, meist durchs Elternhaus bedingt. Und dann gibt es noch Schüler, die von zuhause "geeicht" sind, selbst austeilen, aber behaupten gemobbt zu werden, wenn andere sich revanchieren. Da werden dann sogar Atteste vorgelegt, die das "Mobbing" belegen. In solchen Fällen kommt es dann schließlich genau dazu, dass diese Kinder von ihren Mitschülern ausgegrenzt werden. Ein Teufelskreis, den man nicht brechen kann. Nicht, dass man mich falsch versteht. Ich bin davon überzeugt, dass es Mobbing gibt. Aber mir ist es ein Anliegen aufzuzeigen, wie komplex das Thema eigentlich ist und was es erschwert, das Problem richtig anzugehen.
robrob 23.12.2012
4. Und dass schlimme ist,
Dass die hier dargestellten noch in "normalen Mobbing Ausmaß" sind. Ich kenne durchaus noch schlimmere Fälle. Zurückbleiben, wie im artikel ansatzweise angesprochen, emotionale Wracks.
BettyWuth 23.12.2012
5. Mobbing unter Strafe stellen!
Für den Tatbestand des Mobbings fehlen deutsche Gesetze, die ein solches Tun deutlich und massiv unter Strafe stellen. Hier sind die Rechtshüter gefordert. Und nicht morgen, sondern am liebsten noch vorgestern! Denn was den betroffenen Opfern hiermit angetan wird, ist in keinem Falle hinzunehmen.
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