Mobbing in der Schule "Und die ganze Klasse lachte mit"

Sie warfen ihr Bälle an den Kopf, hänselten sie, lachten sie aus - bis sie sich kaum noch in die Schule traute. Anna Belitz über das Gefühl, von allen im Stich gelassen zu werden - und was man dagegen tun kann.

Mobbingopfer in der Schule
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Mobbingopfer in der Schule


Bis heute betrete ich lieber ein Krankenhaus als meine alte Schule. Aber für die Abi-Feier meiner Schwester bin ich doch dorthin zurück.

Jede Ecke ist mit einer Erinnerung verknüpft. Hier, vor den Biologieräumen, habe ich morgens manchmal gesessen und mich vor meiner Klasse versteckt. Hier habe ich einen Basketball an den Kopf bekommen, dort wurde ich Streberin genannt, da "echt hässlich". Einen Flur weiter bin ich einmal gegen die Tür geprallt, als ich die Beleidigungen nicht mehr hören konnte und einfach losrannte.

Von Mobbing wird viel gesprochen, verhindern kann man es nicht. Nicht in einer Zeit, in der Shows, in denen Menschen bloßgestellt werden, hohe Einschaltquoten garantieren. Eigentlich ist "Mobbingopfer" eine völlig korrekte Bezeichnung, aber verwendet wird das Wort vor allem als Beleidigung auf dem Schulhof.

Los ging es für mich in der neu gemischten neunten Klasse. Drei Jungen beleidigten mich, machten sich lustig über mein Aussehen und meine Brille - und die ganze Klasse lachte mit. Manchmal warfen sie mir Bälle an den Kopf oder schrien meine guten Noten durch den Raum, was wieder zu Gelächter führte. Sie hörten nicht mehr auf, und die Klasse machte mit. Selbst meine Freundinnen sagten bald nichts mehr oder stimmten sogar ein, aus Angst, selbst zum Ziel zu werden.

Ich traute mich kaum noch zum Unterricht, hatte nachts Albträume. Wenn ich Hilfe suchte, sagte man mir: "Ist doch nur Spaß." Jungs in der Pubertät müssten sich eben "ausprobieren", ich solle das nicht so ernst nehmen.

Aber mit Jugendstreichen hatte das nichts mehr zu tun.

Als ich mit Tanzstunden anfing, erfanden meine Freundinnen eine Beziehung zu meinem Tanzpartner, und die drei Mitschüler kritzelten meinen Tisch mit Hochzeitswünschen voll. Die Gerüchte verbreiteten sich im ganzen Jahrgang. Ein riesiges Transparent mit unseren Namen und Dutzenden Herzen wurde aufgehängt, so hoch, dass ich nicht herankam.

Das Hilfsnetzwerk der Schule brachte mir nichts. Die Vertrauenslehrer hatte ich selbst im Unterricht, sie konnten nichts ausrichten. Die Jungen nickten - und machten einfach weiter. Ihre Beleidigungen brachten sie immer so vor, dass man sich einreden konnte, sie wären gar nicht so gemeint - wenn sie sich nicht jeden Tag wiederholt hätten.

In den "Mobbing-Kasten" der Klasse wurden nur Zettel eingeworfen, damit der Unterricht zugunsten eines Klassengesprächs ausfiel. Einmal sollten wir eines ohne unsere Lehrerin führen. Die Wortführerin stand auf: "Jetzt mal im Ernst - fühlt sich hier irgendjemand gemobbt?" Ich schwieg. In der nächsten Stunde war das Getuschel aus den Reihen hinter mir lauter als sonst.

In Ratgebern heißt es immer, man solle sich an Freunde und Familie wenden. Aber für die Familie ist das Problem unvorstellbar. Ich habe Monate gebraucht, um meinen Eltern zu erklären, dass ich nicht einfach mit den Jungen reden kann, um es zu beenden. Und meine Freundinnen hatten Angst um sich selbst, und ich kann es ihnen nicht verdenken.

Zur Autorin
  • Privat
    Anna Belitz (Jahrgang 1996) studiert Deutsche Literatur und Germanistische Linguistik in Berlin. Sie hat in der Oberstufe bei der Gründung einer Schülerzeitung mitgewirkt und zwischen Schule und Studium ein Verlagspraktikum absolviert. Im September 2016 war sie Praktikantin im Hauptstadtbüro der SPIEGEL-Redaktion in Berlin.

Mir wurde immer wieder gesagt, ich solle aufstehen und mich den Jungen stellen. Nach einer Weile in einer Selbstbehauptungsgruppe, in die mich meine Klassenlehrerin geschickt hatte, klappte es auch. Ich lernte, dass mir manche Menschen einfach egal sein können und müssen. Und dass ich es nicht verdiene, ausgelacht zu werden.

Die gemeinen Witze wurden weniger, nachdem ich mich nicht mehr getroffen fühlte oder versuchte, mich zu rächen. Das vergiftete Gefühl und die Angst blieben. Aber ich wusste jetzt, dass ich eine Lösung verdiene. Und dass ich dafür kämpfen muss.

Ich nutzte die guten Noten, für die ich gehänselt wurde, und übersprang eine Klasse. Meine Lehrer und Eltern fürchteten, das würde sich auf mein Abitur auswirken. Tatsächlich wurde es nicht überragend. Aber dafür war ich in einer Klasse, in der mich morgens alle begrüßten und in der ich nicht bloßgestellt wurde. Fürs Studium zog ich weit weg - und konnte endlich wieder frei atmen.

Meine Tipps für Mobbingopfer

1. Sprecht immer wieder mit euren Eltern und Freunden und macht ihnen klar, dass es schlimm ist.

2. Sucht euch Hilfe von außen. In vielen Städten gibt es psychologische Beratungsstellen. Auch Telefonhotlines können hilfreich sein. Die Berater dort sind professionell und werden euer Problem nicht kleinreden. Hotline-Übersichten findet ihr schnell im Internet, zum Beispiel hier.

3. Zieht es in Erwägung, nach einem Selbstbehauptungstraining in eurer Gegend zu suchen. Dort könnt ihr andere Betroffene finden und trainieren, selbstbewusster aufzutreten und auf fiese Kommentare zu antworten - ohne Druck und so lange, bis ihr es irgendwann auch außerhalb der Gruppe könnt.

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insgesamt 173 Beiträge
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Seite 1
torpedo-of-truth 02.12.2016
1.
Ich glaube kaum das ein Schüler SPON liest. Also ich habe das nicht, als ich noch zur Schule ging. Aber vielleicht lesen es Eltern und geben es weiter. Mobbing sollte nicht unterschätzt werden.
joe_ann 02.12.2016
2. Mein Mitgefühl
hat sie. Es ist unglaublich, wie dumm und grausam Menschen sein können. Ich habe in solchen Situationen immer versucht, es zu ignorieren. Klappte meist ganz gut und es hielt sich dadurch in Grenzen, es hinterlässt aber Spuren. Und dabei sind die Trottel, die der Meinung sind, andere mobben zu müssen, meist ganz arme Würstchen. Aber sie hat es richtig gemacht und ihre Intelligenz genutzt um die degenerierten Würstchen abzuhängen.
joes.world 02.12.2016
3. Viele Lehrer verstehen nicht, dass sie DIENSTLEISTER sind.
Und das dieser Dienstleister einige Anforderungen zu erfüllen hat. 1. Er muss es schaffen, den Stoff den er unterrichtet, so vorzubringen, dass er auch verstanden werden kann. Es gibt genügend Lehrer die genau an dieser Aufgabe scheitern. 2. Er muss es schaffen, genau solche Fälle zu minimieren. Natürlich kann man von einem Lehrer nicht erwarten, dass er alle Mobbingfälle löst. Das ist unmöglich. Aber bei vielen Lehrer herrscht der Glauben, dass sie Mobbing überhaupt nichts angeht, sie damit nichts zu tun haben müssen. und es auch nicht wollen. Das ist falsch. Denn sie sind Dienstleister. Was würden sie sagen, wenn sie eine Woche in einem Hotel mit Vollpension buchen und die Kellner beachten sie nicht, wühlen in ihren Essen mit den Fingern? Natürlich wären diese Lehrer sofot beim Hoteldirektor und würden von ihm erwarten, dass er dies abstellt. Immerhin bezahlen sie viel geld für ihren Urlaub. Nicht anders ist das mit der Schule. Der Steuerzahler, also die Eltern dieser Kinder, bezahlen viel geld für die Lehrer. und dürfen sich dafür auch einen engagierten Dienstleister erwarten. Ist jemand dazu nicht bereit oder nicht in der Lage - hat er seinen Beruf verfehlt und gehört ausgetauscht.
tgu 02.12.2016
4. Traurig!
Warum greifen die Lehrer bei sowas nicht viel öffter durch. Den "Rädelsführern" Strafstunden aufbrummen und den restlichen Schülern welche mitlachen eine Standpauke halten. Sprüche wie du musst dich dem selbst stellen oder eine Gesprächsstunde über Mobbing ohne Lehrer ist der Falsche Ansatz. Solch beschriebenes Mobbing ist im höchsten Maße unsozial und sollte/muss entsprechend von der Lehrerschaft auch geahnded werden. Es muss den Mobbern gezeigt werden, wo ihre Grenzen sind. Sie müssen bestraft werden, nur reden hilft ja anscheinend nichts. Sonst passiert sowas wie im Sommer in München immer mal wieder.
loncaros 02.12.2016
5.
Tip #4 Den Lehrern und dem Direktor mit Rechtsfolgen drohen, wenn sie weiterhin die Situation vernachlässigen. Dann springen die meisten. Jammern und heulen ordentlich über die bösen Eltern, die ständig mit Anwälten kommen, aber sie springen.
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