Musik, Tanz, Bühnendesign Studieren auf McCartneys Schule

Seit zehn Jahren können kreative Talente an einem Institut studieren, das Ex-Beatle Paul McCartney gründete. Zu den Dozenten zählt Musik-Prominenz von Mark Knopfler bis Dionne Warwick. Aber nur jeder Zehnte von gut 2000 Bewerbern pro Jahr schafft den Sprung nach Liverpool.


Liverpool - Manche touren durch kleine Clubs oder hoffen, in Casting-Shows entdeckt zu werden; andere absolvieren ein Studium an einer Musikhochschule: Die Möglichkeiten, entdeckt zu werden oder sich künstlerisch ausbilden zu lassen, sind vielfältig. Seit 1996 bietet auch das Liverpool Institute for Performing Arts (LIPA) Jungtalenten die Möglichkeit eines Studiums in den Fächern Musik, Tanz, Schauspiel, Theater- und Bühnendesign, Licht- und Tontechnik sowie Entertainment Management. Das Vollstudium wird mit dem Bachelor of Arts (Hons) abgeschlossen.

Mehr als 2000 junge Menschen sind es jedes Jahr, die sich um die Aufnahme in die von Ex-Beatle Sir Paul McCartney gegründete Kaderschmiede bewerben - lediglich 200 davon schaffen es. Doch wer erst einmal drin ist, kann nicht nur mit drei Jahren straff durchorganisierten Studiums rechnen, sondern möglicherweise auch mit einem Sprung in die Welt der Stars oder zumindest einem guten Job in der Branche.

Einer davon ist der 32-jährige Songwriter Gunnar Graewert. Er gehörte 1996 zu den ersten LIPA-Studenten und ist heute ein gefragter Komponist für Werbespots und Kinofilme sowie TV-Serien; der Titelsong zum Film "Elementarteilchen" etwa stammt aus seiner Feder. "Die musikalischen Ströme sind in Deutschland vergleichsweise konservativ, in Liverpool wird eine etwas modernere Art des Komponierens gelehrt", sagt Graewert.

Neben geballter Theorie habe man sich zudem rund um die Uhr in den bestens ausgestatteten Tonstudios austoben können, aber auch Projekte mit anderen Musik-, Tanz- oder Bühnenbild-Studenten verwirklicht. "Diese Mischung ist einzigartig und gibt einem eine andere Sicht auf die eigene Arbeit." Zudem zählen viele der mehr als 60 Dozenten zu den ganz Großen der Branche: Am LIPA unterrichtet Mark Knopfler von den Dire Straits ebenso wie die Sängerin Dionne Warwick oder Robin Gibb von den Bee Gees.

Zwischen den berühmten Dozenten und den Studenten habe es keinerlei Berührungsängste gegeben, erzählt Nora Krug, die Theater- und Performance-Design auf dem LIPA studierte, bevor sie als Illustratorin bei der "New York Times" anfing. Seit Herbst 2005 hält die 29-Jährige eine Professur für Illustration an der Kieler Muthesius Kunsthochschule.

Deutsche Musikmanager sind skeptisch

"Man konnte auf dem LIPA viele verschiedene Dinge ausprobieren und musste sich mit unterschiedlichsten Charakteren auseinandersetzen, das fand ich sehr spannend." Eine kleine Schwäche habe sie allerdings dennoch ausmachen können: "Es war häufig wenig Zeit, die Projekte unter der Oberfläche zu überdenken, das Studium war sicher nicht ganz so gründlich, wie das vielleicht in Deutschland der Fall ist."

Günstig ist das Studium in Sir Pauls ehemaligem, mit viel Aufwand restauriertem Schulgebäude nicht. Konnten sich die Studenten der Anfangsjahre auf Grund staatlicher Unterstützung und Förderung durch die EU noch zum Nulltarif schleifen lassen, so müssen die ambitionierten Anwärter heute rund 3000 englische Pfund (rund 4500 Euro) Studiengebühren pro Jahr bezahlen. Zwar gebe es ein eigenes Förderprogramm für mittellose Studenten, aber das Studium könne "leider nicht durch ein deutsches Stipendium finanziert werden", so Instituts-Sprecherin Gerlinde Walter.

Der Anteil deutscher Studenten bewegt sich mit fünf Prozent eher am unteren Ende der Skala; insgesamt schauspielern, spielen, illustrieren und komponieren junge Menschen aus 30 Nationen in McCartneys Institut. Als eine Art Türöffner für den späteren Einstieg in den Beruf bezeichnen viele der Absolventen das LIPA - davon wollen deutsche Produzenten und Musikmanager allerdings nichts wissen. "So gut dieses Institut möglicherweise auch sein mag: Wenn man das Talent nicht im Blut hat und nicht zur rechten Zeit am rechten Ort ist, nutzt einem die beste Schule nichts", betont etwa Frank Plasa, Musik-Produzent unter anderem von Nena und Sportfreunde Stiller.

Zudem habe er den Eindruck, dass in Liverpool zwar viel Theorie gelehrt werde, die Studenten dort aber nicht ausreichend praktisch ausgebildet würden. "Rockmusik muss subversiv sein und von der Straße kommen und darf nicht am Reißbrett entworfen werden", so Plasa. LIPA-Absolventen haben seiner Ansicht nach deshalb bis auf wenige Ausnahmen eher geringe Chancen, in der deutschen Szene überhaupt Fuß zu fassen.

Songwriter Gunnar Graewert hat Fuß gefasst - und er ist auch heute noch stolz darauf, am LIPA studiert zu haben. Seine Begegnungen mit Paul McCartney, der sich mehrmals im Jahr persönlich um "seine" Studenten kümmert, seien geradezu "surreal" gewesen: "Die Begegnungen mit dieser Legende werde ich in meinem Leben nicht mehr vergessen."

Von Claudia Bell, gms



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