Musikstunde mit Samy Deluxe Reime auf Matjesbrötchen

Über Deutschland rappen ist nicht schwer, die richtigen Reime finden dagegen sehr. Erste Hilfe bietet Samy Deluxe: Er gibt Hamburger Schülern Rap-Unterricht - sie schreiben über das Land, in dem sie leben. Der Rapper kümmert sich um Jugendliche, statt nur zu schwafeln.

Von Katrin Schmiedekampf


Eine Gruppe Fünftklässler steht vor dem Musikraum der Hamburger Max-Brauer-Gesamtschule und wartet. "Habt ihr eigentlich gleich Unterricht bei Samy Deluxe?", fragt jemand. "Ja. Cool, oder?", antworten die Kinder. Zwei kleine Mädchen lauern mit Blöcken in den Händen vor der Tür. Sie wollen Autogramme haben.

Ein paar Minuten später kommen ein Mann in weißen Turnschuhen, Baggy-Jeans und hellblauem Pullover und eine blonde Frau namens Julia von Dohnanyi den Gang entlang gelaufen. Sie haben einen CD-Player, einen Laptop und einen dicken Stapel Zeitschriften dabei. "Guten Morgen erstmal", sagt Samy Deluxe, 29, alias Samy Sorge. Dann erzählt er, was in der heutigen Doppelstunde passieren soll: "Am Anfang rappen wir und zeigen den Leuten hier mal, wie cool wir sind. Danach arbeite ich mit den einzelnen Gruppen an ihren Texten."

Ein Lied über Deutschland

Was Samy Deluxe hier macht? Er will sich um Jugendliche kümmern. Er will etwas tun und nicht nur dasitzen und reden, wie es aus seiner Sicht die deutschen Politiker tun. Das hat er kürzlich schon in der Talkshow von Sabine Christiansen erzählt - so richtig zugehört habe man ihm dort nicht. "Es ging um die Frage, warum die Jugend in Deutschland so perspektivlos ist", sagt der Rapper. Dazu seien den Politikern die immer gleichen Sätze über Eigeninitiative eingefallen. "Aber wenn man tatsächlich etwas tun will, wird man ausgebremst."

Das merkte Samy Deluxe, als er mit Julia von Dohnanyi und dem Profi-Basketballer Marvin Willoughby das Projekt "Crossover" ins Leben rief. Die Idee: Schüler aus verschiedenen Schulen und Stadtteilen sollen die Angst voreinander verlieren. Zunächst gab die Hamburger Schulbehörde grünes Licht, dann gab es plötzlich Probleme. "Zum Glück konnten wir Sponsoren gewinnen und Eltern und Lehrer, die uns helfen", sagt der Rapper. So musste der Workshop doch nicht abgesagt werden.

Die Idee: Marvin Willoughby spielt mit Jugendlichen von drei Schulen Basketball, Samy Deluxe schreibt mit Fünftklässlern einen Rap-Song zum Thema Deutschland. Er möchte, dass sie sich fragen, in was für einem Land sie leben - und welche Kultur es dort gibt. "Je nachdem, wie sie es hier finden, wird auch das Lied."

50 Schüler haben sich auf der kleinen Bühne versammelt. Aufgereiht wie zu einem Klassenfoto stehen sie da und warten auf ihren Einsatz. Als von Dohnanyi auf Play drückt und der Beat losgeht, werden sie lockerer - und rappen los. Einige Strophen ihres Deutschland-Liedes fehlen noch, aber der Refrain steht: "Blüh im Glanze dieses Glückes". Es ist die deutsche Nationalhymne.

Gulasch, Haferbrei und Rittersport

Richtig gut waren die Schüler der beiden Hamburger Schulen vor dem Wokshop nicht aufeinander zu sprechen. "Die sind so arrogant", so das Vorurteil über die eine Klasse, "die können nicht schreiben" das über die andere. Dabei kannten sie einander gar nicht. Jetzt sitzen sie fröhlich zusammen, um neue Strophen zu schreiben und Collagen zu basteln. Papierflieger flattern durch den Raum, im Hintergrund läuft die Musik leise weiter - der Beat zum Rap-Song in einer Endlosschleife.

Je fünf bis sechs Schüler haben sich zusammengetan und ein Thema ausgedacht: "Deutsche Nahrungsmittel", "deutsche Prominente" und "deutsche Medien" lauten drei der vielen Ideen. Zu diesen Oberbegriffen hat jeder eine lange Liste mit Wörtern geschrieben, zum Beispiel "Matjesbrötchen, Gulasch, Haferbrei, Rittersport" oder auf einem anderen Zettel "Merkel, Schröder, Jan Delay".

Aber wie sollen daraus Reime entstehen? Der Rapper weiß Rat. "Samy gibt uns Tipps, wie man rappt", sagt Philipp Kornowski, 11, vom Gymnasium Christianeum. Auch in den Mappen, die der Musiker am Anfang des zehnwöchigen Hip-Hop-Workshops verteilt hat, steht eine Menge über die verschiedenen Reimarten. Die Schüler haben hier auch ihre Textideen abgeheftet. Samy Deluxe geht von einem Tisch zum anderen, wirft hier ein Wort ein, streicht dort eins durch. Er liest Sätze laut vor und versucht sie zu rappen.

Ein Haus für Kinder

"Die Bunte wird immer bunter, der Stern immer runder, wir haben dieses Land im Fokus, denn dieses ist das Land der Wunder. Wir schauen in den Spiegel, um zu sehen, was der zu sagen hat", singt Caroline Rohr, 10. Ihre Gruppe hat sich das Thema Zeitschriften in Deutschland ausgedacht. Aus den Titeln sind schließlich diese Reime entstanden.

Normalerweise hört Caroline Musik von "Wir sind Helden". Vor dem Workshop wusste sie nicht, wer Samy Deluxe ist - viele andere Schüler auch nicht. Macht nichts, findet Samy Deluxe: "Ich will ihnen ja etwas mit auf den Weg geben und Erfolgserlebnisse verschaffen. Alles andere ist nicht wichtig." Sein Ziel: Kinder aus verschiedenen Gesellschaftschichten sollen einander kennen lernen. Das will er auch weiterverfolgen, wenn die Schüler das Lied ihren Eltern präsentiert haben und der Workshop zu Ende ist.

"Wir wollen den Kindern einen neutralen Ort geben, an dem sie sich treffen können", sagt Deluxe. Zusammen mit Julia von Dohnanyi und Marvin Willoughby möchte er ein Haus in Hamburg eröffnen, in dem Jugendliche Musik-, Sport- und Grafik-Workshops besuchen können. Wann und wo, das ist noch unklar. Aber warum er das Haus gründen möchte, weiß Samy Deluxe schon ganz genau: "Wir wollen den Kids eine Alternative zur Straße geben." Er hat selbst einen Sohn, auch darum ist ihm das Projekt wichtig.

"Wie lange bist du schon Rapper?", fragt Deren Kortolan nach der Musikstunde. Der Elfjährige, der Turnschuhe, Turnhose und einen gestreiften Pullover trägt, findet es "cool, in der Schule Lieder zu machen". Er ist ein großer Fan von Usher, 50 Cent - und von Samy Deluxe. In den nächsten Wochen will er noch ganz viel von dem Rapper lernen. Sein Plan: "Sänger werden."



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