Islam an Schulen "Britische Werte" für alle

Haben Islamisten Schulen im britischen Birmingham unterwandert? Eine Untersuchung der Regierung zeigt, wie der Schulalltag von konservativen Muslimen beeinflusst wird, vom Schwimmunterricht bis zum Krippenspiel. Die Schulen widersprechen den Vorwürfen.

Von , London

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Es begann mit einem anonymen Brief. "Islamisten" seien dabei, Schulen in Birmingham zu unterwandern und den Unterricht nach ihrem Glauben zu gestalten, hieß es in einem Schreiben, das im Februar britischen Medien zugespielt wurde. Detailliert wurde die angebliche Strategie der Gruppe erläutert. Sogar einen Namen habe die Verschwörung: "Operation Trojanisches Pferd".

Der Brief wurde später als Fälschung entlarvt. Und trotzdem: Er löste einen Skandal aus, der die britischen Medien monatelang beschäftigte. Irgendwann waren die Vorwürfe für Außenstehende nur noch schwer zu durchschauen. Eine Untersuchung der Schulaufsichtsbehörde Ofsted kommt nun zu dem Schluss: Konservative Muslime haben in einigen Schulen tatsächlich Einfluss auf den Schulalltag genommen. Doch Hinweise auf extremistische Aktivitäten gibt es nicht.

Der dubiose Brief hatte das britische Bildungsministerium aufgeschreckt. Im Frühjahr ordnete es die Untersuchung an, deren Ergebnisse nun präsentiert wurden. Inspektoren besuchten 21 Schulen in muslimisch geprägten Vierteln Birminghams, sprachen mit Lehrern, Eltern und Kindern.

Ofsted-Chef Michael Wilshaw bezeichnete die Erkenntnisse seiner Inspektoren als schockierend. An einigen Schulen gebe es eine "Kultur der Angst und Einschüchterung", sagte er bei der Vorstellung des Abschlussberichts am Montag. Fünf Schulen wurden als unzureichend eingestuft und unter besondere Beobachtung gestellt. Obwohl die Leistungen der Schüler gut seien, würden in diesen Schulen "zu enge Werte" vertreten, sagte Wilshaw. Dies mache die Kinder "anfällig für die Abspaltung von der Gesellschaft".

Prüfer gingen an rein muslimische Schulen

Die Inspektoren stellen fest, dass es eine "organisierte Kampagne" gegeben habe, um Elterngremien zu besetzen. Allerdings fanden sie keinerlei Hinweise auf Extremismus. Konservative Muslime hätten als Elternvertreter "unangemessenen Einfluss" auf den Schulbetrieb ausgeübt, lautet der Kernvorwurf. So gab es Widerstand gegen den gemeinsamen Schwimmunterricht von Mädchen und Jungen - oder gegen die Jesus-Puppe beim weihnachtlichen Krippenspiel. Lehrer hätten Angst gehabt, sich gegen solche Forderungen zu wehren, sagte Wilshaw.

Die schärfste Kritik erntete die Oldknow Academy, eine Grundschule, die zu 99 Prozent von Muslimen besucht wird. Obwohl offiziell eine säkulare staatliche Schule, sei sie "zunehmend islamisch in ihrer Vision, Ethos und Alltag", urteilten die Prüfer des Bildungsministeriums. Die christliche Versammlung, die in jeder englischen Schule vorgeschrieben ist, wurde durch eine islamische ersetzt. Schulaufführungen zu Ostern und Weihnachten wurden abgeschafft.

Mittags schallt durch die Lautsprecher auf dem Schulhof der islamische Gebetsruf. Seit drei Jahren wird eine Klassenfahrt nach Mekka und Medina angeboten - offiziell als Fremdsprachenreise vermarktet, doch nach Ansicht der Prüfer in Wahrheit eine "Glaubensreise". Im Biologieunterricht soll ein Lehrer gesagt haben, er glaube nicht an die Evolution. In einer Mathestunde notierten die Inspektoren, dass die Jungen vorn und die Mädchen hinten im Raum saßen. Der Mathelehrer weigerte sich obendrein, der Inspektorin die Hand zu schütteln, weil sie eine Frau war.

Das Urteil der Prüfer fällt deutlich aus: Eine kleine Gruppe von Elternvertretern habe an dieser Schule ihre "enge religiöse Ideologie" durchgesetzt. Die Grundschüler würden nicht angemessen auf ein Leben im multikulturellen, toleranten Großbritannien vorbereitet. Ähnlich lauteten die Vorwürfe in den anderen Schulen: Die Elternvorstände mischten sich zu sehr ein und grenzten Nicht-Muslime aus. Die Schüler würden nicht ausreichend auf Gefahren der Radikalisierung hingewiesen.

Der konservative Bildungsminister Michael Gove kündigte im Unterhaus Konsequenzen an: Ab dem kommenden Schuljahr würden "britische Werte" verpflichtend in allen Schulen gelehrt. Auch soll es künftig regelmäßig unangekündigte Inspektionen geben.

"Bizarre Fragen"

Die betroffenen Schulen wiesen die Vorwürfe scharf zurück. Die Inspektoren seien "in unsere Schulen gekommen, um nach Extremismus zu suchen", sagte David Hughes, Vizechef des Parkview Trust, der drei der beanstandeten Schulen leitet. Er kündigte rechtliche Schritte gegen die Regierung an.

Viele Lehrer und Schüler erkannten ihre Schulen in den Untersuchungsberichten nicht wieder und warfen den Besuchern eine politische Agenda vor. Die Inspektoren hätten sie wie Strafverdächtige behandelt, schrieb Lee Donaghy, Konrektor der Parkview Academy, im "Guardian". Sie seien mit "bizarren Fragen" angekommen. Einen Kollegen hätten sie direkt gefragt, ob er homophob sei. Und von den Schülerinnen hätten sie wissen wollen, ob man sie gezwungen habe, ihr Kopftuch zu tragen.

Die Schule unterstütze Schüler pragmatisch bei der Ausübung ihres Glaubens, schrieb der Konrektor. So dürften sie während der Mittagspause beten oder während des Fastenmonats Ramadan früher nach Hause gehen. Mit Extremismus habe das jedoch nichts zu tun.

Tatsächlich, so kommentiert es der "Guardian" in seinem Leitartikel, kenne man diese Diskussionen von anderen religiös gefärbten Schulen, von jüdisch-orthodoxen und radikalchristlichen beispielsweise. Auch hier gebe es immer wieder Streit um Naturwissenschaft, um Sexualaufklärung und Geschlechtertrennung.



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